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Bayer-Chef zu Milliardenvergleich: „Es ist viel Geld, aber es ist leider notwendig“

Der Vorstandsvorsitzende von Bayer blickt nach dem Vergleich mit den Klägern nach vorn. An der Sicherheit von Glyphosat zweifelt er nicht.

Am Mittwochabend verkündete Bayer die Einigung mit den Glyphosat-Klägern in den USA. Etwas mehr als zehn Milliarden Dollar wird der außergerichtliche Vergleich kosten. In der Nacht stellte sich der Vorstandsvorsitzende Werner Baumann in einem Telefoninterview den Fragen des Handelsblatts.

Er wertet den Vergleich als eine Art Befreiungsschlag für Bayer und macht die Besonderheiten des US-Rechtssystems dafür verantwortlich, dass die Klagewelle überhaupt entstand und Bayer mit einer so hohen Summe zur Kasse gebeten wird. An der Sinnhaftigkeit des Monsanto-Kaufs und an der Sicherheit von Glyphosat zweifelt er nicht.

Herr Baumann, Bayer legt nun mehr als zehn Milliarden Dollar für die Beilegung von Klagen auf den Tisch, von denen Sie überzeugt sind, dass sie völlig unberechtigt sind. Warum tun Sie das?
Natürlich ist die Summe schmerzhaft. Für uns ist es aber wichtig, dass wir die ganzen Rechtskomplexe endlich hinter uns lassen und uns auf die Zukunft konzentrieren können. Und damit meine ich große Herausforderungen wie die medizinische Versorgung gerade inmitten der Pandemie und eine bessere Ernährung der Weltbevölkerung, zu der wir beitragen wollen. Es ist viel Geld, aber es ist leider notwendig, um die Rechtsthemen zu Ende zu bringen, anstatt damit in den nächsten Jahren weiter belastet zu sein.

Man hört bei Ihnen ein gewisses Zähneknirschen. Fühlen Sie sich von der US-Klageindustrie über den Tisch gezogen?
Das amerikanische Produkthaftungsrecht ist schwierig für Unternehmen, das trifft nicht nur uns. Wir sind davon massiv betroffen, denn es geht ja um ein Produkt, das in den USA eine einwandfreie Zulassung hat. Auch unter Einbezug der neuesten Erkenntnisse bestätigen alle großen Regulierungsbehörden, dass Glyphosat nicht krebserregend ist. Es ist daher sicher den Besonderheiten des US-Rechtssystems geschuldet, dass eine solche Klagewelle entstand und wir jetzt eine hohe Summe zahlen müssen, um den wesentlichen Teil der Fälle zu einem Abschluss zu bringen.

Das Hauptmotiv für den Vergleich ist also, dass Bayer aus den negativen Schlagzeilen kommt?
Die negative Publicity ist durch die Entscheidung der Laienjurys in den Prozessen entstanden. Sie wurden mit sehr komplexen wissenschaftlichen Sachverhalten konfrontiert, die ohne fachlichen Hintergrund schwierig zu bewerten sind. Dazu noch ging es teils sehr emotional zu. Mit dem Vergleich bringen wir die Diskussion nun wieder zurück in den wissenschaftlichen Bereich, wo solche Bewertungen hingehören.

Sie sprechen die Expertenkommission an, auf die Sie sich mit den Klägeranwälten im Vergleich geeinigt haben. Sie soll zu einer neuen Risikobewertung von Glyphosat kommen, wovon die Zulässigkeit künftiger Klagen abhängt. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass Sie sich der Unbedenklichkeit von Glyphosat selbst nicht mehr so sicher sind?
Nein, das Gegenteil ist der Fall. Wir wollen über das wissenschaftliche Gremium zu einer Bewertung in der Frage kommen, ob Glyphosat überhaupt krebserregend ist und wenn ja, ab welcher täglichen Dosis. An die Entscheidung des Gremiums – ob positiv oder negativ – sind wir und die Klägeranwälte gebunden. Wir sind optimistisch, denn der überwältigende Teil an wissenschaftlichen Erkenntnissen und die Schlussfolgerungen der Behörden zeigen, dass das Produkt nicht krebserregend ist.

Ist Glyphosat nicht sowieso ein Auslaufprodukt, weil es so umstritten ist?
Nein. Auch unter dem Eindruck der Urteile und der sehr breiten medialen Begleitung hat die US-Umweltbehörde EPA noch im Januar unterstrichen, dass Glyphosat unverändert verfügbar bleibt, weil es sicher in der Anwendung ist. Wir stehen weiterhin fest hinter dem Produkt und seiner Sicherheit. Es wird unverändert verfügbar bleiben, sowohl in der landwirtschaftlichen Nutzung als auch für Privatanwender. In Europa werden wir in einem für interessierte Bürger offenen und transparenten Verfahren eine Verlängerung der Zulassung für Glyphosat mit dem Vertrauen in die Wissenschaft unverändert vorantreiben.

„Wir können ein schwieriges Kapitel abhaken“

Die Vergleichssumme von zehn Milliarden Dollar muss man auf den Kaufpreis von 63 Milliarden Dollar für Monsanto draufpacken. Ist die Übernahme dann überhaupt noch wertschaffend für Ihre Aktionäre?
Die Akquisition hatte immer den Sinn, die Innovationskraft beider Unternehmen zusammenzuführen: nämlich die Expertise von Bayer im Pflanzenschutz und das Know-how von Monsanto in der Biotechnologie und Digitalkompetenz. Mit vereinten Kräften können wir innovative Produkte schneller entwickeln und auf den Markt bringen. Wir sind von der Sinnhaftigkeit der Kombination unverändert fest überzeugt.

Sie haben die Monsanto-Übernahme maßgeblich eingefädelt. Was bedeutet der Vergleich für Sie als CEO?
Wir können ein schwieriges Kapitel abhaken und uns jetzt mit voller Kraft auf die vor uns liegenden Dinge konzentrieren. Das Unternehmen und seine Mitarbeiter haben sicher unter der sehr negativen öffentlichen Begleitung der Verfahren in den USA gelitten. Wir wurden da auch oft in einem falschen Licht dargestellt.
Jetzt wird wieder stärker sichtbar, wofür Bayer wirklich steht. In der Coronakrise haben unsere Mitarbeiter unglaubliches Engagement gezeigt, darauf bin ich sehr stolz. Wir werden uns auf unseren Beitrag konzentrieren, dass die Welt in Sachen Ernährung und Gesundheit eine bessere und nachhaltigere wird.
Herr Baumann, vielen Dank für das Interview.