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In der Bauindustrie geht die Angst vor dem Crash um

Die Coronakrise trifft nun auch die Baukonzerne. Nach zehn Jahren Boom rechnen Experten in der Branche mit einer Konsolidierungswelle.

Die mittelständisch geprägte Baubranche kämpft mit ausbleibender Nachfrage. Foto: dpa

Die Bauindustrie zählte in den vergangenen Jahren zu den erfolgsverwöhntesten Branchen des Landes. Wohnungsknappheit, Anlagenotstand und die wachsende Bevölkerung verhalfen ihr zu enormen Wachstumsraten. Doch nun trifft die Wirtschaftskrise, die die globalen Lockdown-Maßnahmen zur Virusbekämpfung ausgelöst haben, zunehmend auch die mittelständisch geprägte Baubranche schwer.

„Insbesondere im Gewerbebau sehen wir einen regelrechten Abriss im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten“, sagte Reinhard Quast, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB), dem Handelsblatt. „Knapp 70 Prozent der Unternehmen klagen schon jetzt über teilweise schwere Umsatzrückgänge.“ Mehr als die Hälfte rechnet mit einer nachhaltigen Gefährdung ihres Auftragseingangs durch die Krise.

Für die Bauindustrie endet damit vorläufig ein seit zehn Jahren anhaltender Boom, angeschoben durch Megatrends wie die zunehmende Urbanisierung und den wachsenden Wohnungsbedarf infolge zunehmender Vereinzelung. Seit der Finanzkrise kannte das Umsatzwachstum der Branche nur eine Richtung: steil nach oben.

So ist das Bauvolumen nach Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung allein im Bauhauptgewerbe zwischen 2008 und 2018 von 106 auf rund 143 Milliarden Euro angewachsen. Doch für 2020 rechnet die Branche, die in Deutschland rund 870.000 Personen beschäftigt, erstmals mit einer Nullrunde – wenn nicht gar mit einem Rückgang, sollte sich die Nachfragesituation nicht in den nächsten Monaten stabilisieren.

Vor allem im Gewerbebau kämpfen viele Unternehmen mit ausbleibenden Aufträgen. Zwar verzeichneten die Firmen noch im Januar einen Rekord-Auftragseingang von rund 6,4 Milliarden Euro, der die Unternehmen in den vergangenen Wochen noch gut ausgelastet hat.

Aber: „Seit Mitte März lässt das Neugeschäft spürbar nach“, so ZDB-Präsident Quast, der selbst das Siegener Familienunternehmen Otto Quast führt. So ging der Auftragseingang schon im März im Vergleich zum Vorjahr nach Daten des Statistischen Bundesamtes um mehr als zehn Prozent zurück.

Nach dem Beben kommt der Tsunami

Dass die Coronakrise den Bau nach der Industrie und dem Handel erst zeitverzögert trifft, beobachten auch Experten wie Christoph Blepp, Partner bei der Unternehmensberatung S & B Strategy. „Wir haben mit den Lockdowns ein Erdbeben erlebt, das die Baubranche gut überstanden hat.“

Doch nach dem Beben komme nun der Tsunami, sagt Blepp. „Weil nahezu alle potenziellen Auftraggeber infolge der Krise unter Liquiditätsproblemen leiden, werden viele Aufträge zurückgestellt oder ganz gestrichen, vor allem im Gewerbebau.“ Die Folgen seien erst in den nächsten sechs bis 18 Monaten in vollem Umfang zu sehen, so der Berater.

Denn im Moment zehren viele Firmen noch vom hohen Auftragsbestand der Vergangenheit. So heißt es etwa beim österreichischen Baukonzern Porr, der auch in Deutschland aktiv ist, die Auftragslage sei im Moment noch unverändert gut. „Wir verfügen aktuell über einen Rekordauftragsbestand, der die Vollauslastung der Porr weit über das heurige Geschäftsjahr hinaus sicherstellt“, so das Unternehmen.

Allerdings spürt auch die Porr bereits die Vorläufer der sich abzeichnenden Krise in der Bauindustrie. So heißt es weiter: „Es zeichnen sich aber Verschiebungen einiger Projekte ab, insbesondere sollen Mittel für die Infrastruktur in den Gesundheitsbereich verschoben werden.“ Mit Verzögerungen rechnet der Konzern auch im Hotelbau sowie vereinzelt bei Bürogebäuden.

Eine ähnliche Einschätzung gibt der Bielefelder Baukonzern Goldbeck ab. „Die Baubranche ist ein Spätzykliker, die vollen Auswirkungen auf die Baukonjunktur werden wir also erst in den kommenden Jahren spüren“, so das Unternehmen. Erst dann würden sich Bauleistung und Kapazitätsauslastung wahrscheinlich rückläufig entwickeln. „Stand heute ist der Auftragseingang aber auf Niveau des Vorjahres – dies ist auch der hohen Nachfrage aus der Logistikbranche zu verdanken.“

Als Stütze der Branche gilt gemeinhin der öffentliche Bau. Doch auch hier zeigen sich mittlerweile die Folgen der Ausgangsbeschränkungen, die Bund- und Landesregierungen zur Pandemievorbeugung zeitweise erlassen hatten. „Einige Ämter waren im April fast durchgängig geschlossen“, so ZDB-Präsident Reinhard Quast. Das habe dazu geführt, dass stellenweise keine Ausschreibungen stattgefunden haben. „Dieses Geschäft fehlt den Unternehmen jetzt, wo die Wirtschaft wieder anläuft.“

Schon zu Boomzeiten prekär

Vor besonders große Probleme gestellt sind dabei jene Firmen, die schon zu Zeiten des Booms nur eine unterdurchschnittliche Performance ausgewiesen haben. Und derer sind viele: So haben selbst im zehn Jahre andauernden Aufschwung viele Unternehmen zwischen 2012 und 2018 rückläufige Umsätze verzeichnet, lautet das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Untersuchung von S & B Strategy, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Für die Analyse hat die Beratungsfirma die Geschäftsberichte von knapp 3300 Unternehmen aus der Baubranche und der Zulieferindustrie mit einem Umsatz von mehr als 20 Millionen Euro untersucht und in vier Gruppen eingeteilt: in Top- und Low-Performer mit kontinuierlichen Umsatzzuwächsen beziehungsweise -rückgängen einerseits und Auf- und Absteigern mit einer gegenläufigen Umsatzentwicklung in zwei aufeinanderfolgenden Perioden.

„Fast 40 Prozent der von uns untersuchten Firmen zählten schon vor der Coronakrise zu den Low-Performern – das heißt, sie haben zwischen 2012 und 2018, also während des Booms, durchgängig stagnierende oder sinkende Umsätze erzielt“, sagt Christoph Blepp von S & B, der die Studie mit durchgeführt hat. „Für diese Firmen wird es schwierig, wieder aus der Krise herauszukommen. Hier werden wir sicher Übernahmen, aber auch Insolvenzen sehen.“

Nur jedes fünfte untersuchte Unternehmen, also 20 Prozent, gehört zur Gruppe der Top-Performer. Insgesamt 25 Prozent haben im Beobachtungszeitraum den Turnaround geschafft, ohne dabei eine geringere Marge zu erzielen – während immerhin rund 17 Prozent zwischen 2012 und 2015 zunächst wachsende, danach aber rückläufige Umsätze zu verzeichnen hatten.

Durch die Coronakrise droht dem Markt nun eine radikale Neuorganisation, die das Potenzial hat, auch europäische Grenzen zu überschreiten. Denn die Pandemie-Maßnahmen der verschiedenen europäischen Länder trafen die Baukonzerne sehr unterschiedlich. Während die Branche beispielsweise in Deutschland weitgehend ungehindert ihrer Arbeit nachgehen konnte, mussten Baufirmen etwa in Österreich oder Italien zeitweise pausieren – mit entsprechenden Folgen für die dortigen Unternehmen.

Hoffnung liegt auf der öffentlichen Hand

Auch Blepp ist der Meinung: „Der Kuchen in der europäischen Baubranche wird in der Krise neu verteilt werden.“ Dabei hätten deutsche Firmen gute Chancen, ihren Anteil am ausländischen Geschäft zu vergrößern, so der Berater. „Einerseits, weil sie von den großzügigen Staatshilfen hierzulande profitieren. Andererseits, weil sie während des Lockdowns in Deutschland weiterarbeiten konnten, während Baustellen andernorts oft schließen mussten.“

Auch die Unternehmen loben in diesem Zusammenhang das bisherige Handeln der Bundesregierung. „Im Vergleich zu vielen anderen Branchen sind die kurzfristigen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die deutsche Baubranche vergleichsweise gering“, heißt es etwa bei Goldbeck. Dies sei vor allem der Entscheidung des Bundesministeriums zu verdanken, den Baubetrieb nicht deutschlandweit stillzulegen.

Damit die Unternehmen diesen Vorsprung nutzen können, müssen sie den zu erwartenden Tsunami allerdings überleben. Hoffnung setzen die Unternehmen dabei vor allem in die öffentliche Hand und den Wohnungsbau, der durch staatliche Hilfsmaßnahmen wie die temporäre Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent – so die Erwartung – kurzfristig attraktiver werden könnte.

Doch vor allem an die kommunalen und staatlichen Bauträger richtet die Branche einen Appell. „Wir können nur an die öffentliche Hand appellieren, zügig wieder Projekte auszuschreiben“, sagt ZDB-Präsident Quast. „Das nötige Geld für die Projekte ist vorhanden, auch der Bedarf an Infrastrukturerneuerungen und neuen Wohnungen hat sich durch Corona nicht verändert.“ Was fehle, seien Ausschreibungen. Nur so lasse sich der Wegfall im Gewerbebau kompensieren.