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BASF, Evonik, Covestro und Lanxess – die deutschen Chemieriesen im Check

Die Chemieindustrie steckt in Schwierigkeiten. Die Branchenriesen müssen sich auf ein hartes Jahr einstellen, denn sie haben teils gravierende Schwächen.

Für die führenden deutschen Chemiekonzerne hat sich 2019 als hartes Jahr entpuppt, das strukturelle Schwächen offenbart.

Die Konjunkturschwäche in wichtigen Abnehmerindustrien und Preisdruck als Folge von Überkapazitäten belasten das Geschäft.

Die Erträge der führenden sechs Hersteller schrumpften in den ersten neun Monaten um 38 Prozent. Der Umbau der Portfolios muss weitergehen. Wie die wichtigsten Unternehmen sich schlagen.

BASF – Chemieriese im Stress

Noch zu Jahresbeginn sah es so aus, als könne BASF ihre interne Reorganisation unter relativ stabilen Geschäftsbedingungen vorantreiben. Stattdessen entpuppte sich 2019 als das schwierigste Jahr für den Chemieriesen seit der Finanzkrise – mit rund 32 Prozent operativem Ertragsrückgang in den ersten neun Monaten.

Die schwache Entwicklung beleuchtet gleich mehrere strukturelle Herausforderungen, die Firmenchef Martin Brudermüller in den nächsten Jahren bewältigen muss. Dazu gehört zum einen die nach wie vor große Abhängigkeit von zyklisch anfälligen Basischemie- und Kunststoffgeschäften, zum anderen das bislang noch enttäuschende Wachstum im Bereich der höher veredelten Chemieprodukte.

Die aktuelle Ertragsschwäche des Branchenführers resultiert fast ausschließlich aus Einbußen in den beiden Konzernsegmenten Chemicals und Materials, die Grundchemikalien und Kunststoffe produzieren.

Sie profitierten in den Vorjahren noch von einem ungeahnten Boom, leiden nun aber unter Überkapazitäten und Nachfrageschwächen, die wiederum zu einem heftigen Verfall von Preisen und Margen führen. Ihre Erträge haben sich in den ersten neun Monaten halbiert, was der Ludwigshafener Konzern durch höhere Gewinne im „Downstream-Bereich“, das heißt in seinen Spezialchemiesparten, nicht kompensieren kann. Für das Gesamtjahr stellt BASF daher einen Rückgang des Betriebsgewinns um bis zu 30 Prozent in Aussicht. 

Für BASF-Chef Brudermüller, der 2019 als „Übergangsjahr“ einstuft, wird es nun darauf ankommen, vor allem im Spezialchemiebereich künftig stärkeres Wachstum zu generieren und gleichzeitig die Kostenstruktur des Chemieriesen zu verbessern.

Was den Ausblick für 2020 angeht, hält sich der BASF-Chef bisher strikt mit Aussagen zurück. Analysten gehen indessen davon aus, dass der Konzern schon im vierten Quartal wieder eine leichte Gewinnsteigerung gegenüber den sehr schwachen Vorjahreswerten erzielen kann. Für 2020 kalkulieren sie im Schnitt mit einem Anstieg des Betriebsgewinns vor Sondereinflüssen um ein Fünftel auf 5,7 Milliarden Euro. 

Dabei helfen dürfte das im vergangenen Jahr gestartete „Exzellenzprogramm“. Es umfasst unter anderem den Abbau von 600 Arbeitsplätzen und soll bis 2021 Einsparungen von zwei Milliarden Euro auf der Ebene des Betriebsgewinns vor Abschreibungen (Ebitda) bringen.

Covestro – Kunststoffkonzern sucht neue Ausrichtung

Es war ein traumhafter Aufstieg nach der Abspaltung von Bayer. Die Leverkusener hatten ihr traditionelles Kunststoffgeschäft 2016 unter dem Namen Covestro an die Börse gebracht, und dort blühte das neue Unternehmen auf: Die Gewinnzuwächse waren ebenso rasant wie der Anstieg des Kurses: Vom Ausgabepreis von 24 Euro sprang die Aktie zwischenzeitlich über 90 Euro. Im Frühjahr 2018 folgte die Aufnahme in den Dax.

Mittlerweile sind die fetten Jahre für Covestro aber vorbei, zumindest, was Gewinne und Aktienkurs angeht. Der Konzern ist an der Weltspitze in der Produktion von High-Tech-Kunststoffen, wie sie für Autos, Möbel oder Sportgeräte gebraucht werden. Lange Zeit haben die Leverkusener davon profitiert, dass die Konkurrenz ihre Anlagen technisch nicht in den Griff bekam. Dieser Engpass führte zu einem massiven Preisanstieg, der Covestro dicke Gewinne einbrachte.

Diese Phase ist definitiv vorbei und hat sich ins Gegenteil verkehrt: Die Preise purzeln seit einem Jahr kräftig, weil neue Anlagen von Konkurrenten das Angebot an Kunststoffen vergrößern und zugleich die Konjunkturdelle für weniger Nachfrage sorgt. Folge: Covestro wird in diesem Jahr nur noch halb so viel verdienen wie 2018 und auf das Niveau von 2015 zurückfallen.

Vorstandschef Markus Steilemann hat 2019 zum Jahr des Übergangs erklärt. Er will das Portfolio von Covestro auf Einsatzgebiete umschichten, die höherwertig sind und stabilere Geschäfte versprechen. Das aber braucht Zeit. Zugleich investiert der Konzern in neue Großanlagen etwa in den USA, um für den nächsten Aufschwung gerüstet zu sein.

Aktuell fokussiert sich Covestro aber vor allem darauf, die Kosten im Griff zu behalten, um im Wettbewerb mit der Konkurrenz vor allem aus Asien einen langen Atem haben zu können. Denn die Aussichten sind alles andere als rosig: „Wir erkennen keine Impulse, die auf kurzfristige Verbesserung hindeuten“, sagt Steilemann und sieht den Grund in der anhaltenden Verunsicherung der Wirtschaft durch die weltpolitischen Entwicklungen.

Vor allem die Flaute in der Autoindustrie hinterlässt bei Covestro deutliche Spuren, es ist die größte Kundengruppe. Absehbar ist schon jetzt: Größere Sprünge sind bei Covestro auch im kommenden Jahr nicht zu erwarten.

Evonik – Versprechen gehalten

Lange Zeit wurde dem Essener Spezialchemiekonzern Evonik vom Finanzmarkt angelastet, seine Ankündigungen nicht einzuhalten. Dass in früheren Jahren die Gewinnprognosen nicht eingehalten wurden, wirkt an der Börse bis heute noch nach: Die im Branchenvergleich recht stabile operative Entwicklung in diesem Jahr wurde von den Anlegern allerdings noch nicht mit einem kräftigen Plus im Aktienkurs honoriert.

Dabei hat das Management von Evonik genau das getan, was von ihm erwartet wird: Es hat das Versprechen halten. Die im Frühjahr ausgegebene Prognose über einen stabilen operativen Gewinn für 2019 wird der Konzern trotz des konjunkturellen Gegenwinds wahrscheinlich erreichen. Vorstandschef Christian Kullmann setzt alles daran und hat dazu den Sparkurs jüngst verschärft. Er will dies ein weiteres Mal tun, sollte sich die globale Konjunktur weiter eintrüben.

Die grundsätzliche Strategie aber bleibt bestehen: Evonik fokussiert sich ganz auf Spezialchemie und Anwendungen, die eine enge Kundenbindung mit sich bringen. Diese Ausrichtung dürfte ein Grund dafür gewesen sein, dass sich das Portfolio von Evonik in diesem Jahr als vergleichsweise konjunkturrobust erwiesen hat. Zu dem Umbau haben Großübernahmen wie der 3,5 Milliarden Euro teure Kauf des Spezialchemiegeschäfts des US-Konzerns Air Products beigetragen. Eine weitere, kleinere Übernahme steht noch aus.

Im Gegenzug verabschiedet sich das Essener Unternehmen von Massengeschäften, bei denen nicht Innovationen im Vordergrund stehen, sondern geschicktes Kapazitäts- und Kostenmanagement. Ein Beispiel dafür ist der im Frühjahr 2019 besiegelte Verkauf des Plexiglasgeschäfts, das für rund drei Milliarden Euro an den Finanzinvestor Advent ging.

Lanxess – Im Angriffsmodus

Die Kölner Lanxess AG gehört im Chemiesegment zu den wenigen Highflyern dieses Börsenjahres. Der Aktienkurs hat seit Anfang 2019 mehr als 20 Prozent zugelegt. Das dürfte unter anderem daran liegen, dass Lanxess seine Prognose für 2019 einhalten wird und keine Gewinnwarnung ausgeben musste.

Als etwa BASF sich im Juni zu diesem Schritt genötigt sah, bestätigten die Kölner umgehend ihr Versprechen eines stabilen Gewinns für 2019. Aktuell erwartet Vorstandschef Matthias Zachert sogar einen leicht steigenden Wert im vierten Quartal, am Jahresende wird der bereinigte Gewinn rund eine Milliarde Euro betragen.

Ähnlich wie bei Evonik liegt die Stabilität an der grundsätzlichen Neuausrichtung, die Zachert seit gut drei Jahren verfolgt: Lanxess hat sich aus kapitalintensiven Massenchemiegeschäften verabschiedet. Das frühere Kerngeschäft mit Kautschuk für die Reifenproduktion wurde erst in ein Joint Venture mit Saudi Aramco ausgegliedert und 2018 komplett an die Araber abgegeben. Die Kölner suchen nun Spezialchemie-Geschäfte, in denen sie auf einem überschaubaren Markt eine führende Rolle spielen können.

Deutliche Signale dafür waren zwei Übernahmen in den USA: Mit dem Kauf von Chemtura wurde Lanxess zu einem größeren Anbieter von Flammschutzmitteln. Die Übernahme von Chemours wiederum machte die Kölner zum führenden Anbieter von Desinfektionsmitteln, die etwa in der Landwirtschaft eingesetzt werden.

Dieses sogenannte Biozid-Geschäft will Lanxess in Zukunft ‧weiter kräftig ausbauen, in der vergangenen Woche kündigte der Konzern dazu bereits eine kleinere Übernahme in Brasilien an. Weitere könnten folgen, denn Lanxess befindet sich derzeit im Angriffsmodus.