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Der Ball rollt im Mai wieder – doch die Finanzprobleme der Bundesliga bleiben

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In wenigen Wochen sollen Fußball-Geisterspiele wieder möglich sein. Damit verbessert sich die Liquidität der Klubs – allerdings zunächst nur kurzfristig.

Mitte Februar war die Welt der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in schönster Ordnung. Der „Wirtschaftsreport 2020“ reihte Superlativ an Superlativ. Der Gesamtumsatz der 36 Erst- und Zweitligisten stelle mit 4,8 Milliarden Euro „einen historischen Höchstwert“ dar, erklärte Christian Seifert, Geschäftsführer und Sprecher des DFL-Präsidiums. 56:000 Jobs seien entstanden.

Nun, nicht mal drei Monate später, sieht die Lage ganz anders aus: Der Verband der Profiklubs kämpft in der Coronakrise mit einer ökonomischen Schieflage. Gleich 13 Klubs stehen am Rande des Ruins. Man hat zu wenig Rücklagen und sich mit teuren Transfers von Spielern übernommen.

Ein wenig Linderung bringt die Erlaubnis zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs Mitte Mai, zu der sich die 16 Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einstimmig entschlossen haben. Immerhin sind, mitten in der Pandemie, neun Spieltage bis Ende Juni zu absolvieren – neben Spielen im Pokal und in europäischen Wettbewerben.

Insolvenz-Szenarien

Den genauen Starttermin soll die DFL selbst bestimmen, die heute zur Mitgliederversammlung bittet. Die Mehrheit der Profiklubs hatte vorher den 15. Mai angemahnt. „Wenn wir bis zum 30. Juni nicht fertig sind, dann wird eine ganze Reihe von Klubs in Insolvenzszenarien reinrutschen“, warnt Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund.

Erstligist Werder Bremen aber plädiert offenbar für den 22. Mai, da man noch nicht mit dem Mannschaftstraining begonnen habe, was auch für Mainz 05 gilt. Fußball in Zeiten des Virus ist mehr denn je eine Frage der Chancengerechtigkeit.

Dem Beginn des Spielbetriebs müsse „eine zweiwöchige Quarantänemaßnahme, gegebenenfalls in Form eines Trainingslagers, vorangehen“, hieß es noch in der Beschlussvorlage für die Schaltkonferenz der Länder mit Merkel.

Das wäre nur mit dem 22. Mai zu schaffen gewesen. Nun heißt es, dank regelmäßiger Testung der Spieler könne die Quarantäne kürzer ausfallen. Basis für den Neustart ist das – nach Korrekturen durch drei Bundesministerien – modifizierte Schutzkonzept der DFL.

Insgesamt räumen die deutschen Spitzenpolitiker ein, dass im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie die „Sonderstellung von Berufssportlerinnen und Berufssportlern“ eine gesonderte Beurteilung erfordere, wie es in der Beschlussvorlage heißt. Deshalb halten sie die Fortsetzung der Liga „und mithin die Begrenzung des ansonsten entstehenden wirtschaftlichen Schadens“ für vertretbar.

„Wir wissen, dass es kontrovers ist“, sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zum Liga-Start. Es handele sich aber um einen vertretbaren Kompromiss.

Die Argumentation fällt der Politik leichter, da auch Training im Breiten- und Freizeitsport unter freiem Himmel mit Auflagen wieder erlaubt ist – auch wenn Fußball wegen des häufigen Körperkontakts nicht darunterfällt.

Es sei den SPD-Ministerpräsidenten wichtig gewesen, dass nicht nur der Profisport neue Möglichkeiten erhalte und dass der Amateursport nicht vergessen werde, sagt Peter Tschentscher, Hamburgs Erster Bürgermeister.

Parteikollegin Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, hält die Wiederaufnahme des Sportbetriebs in „zumindest abgespeckter Form“ für wichtig. Sportvereine seien selbst in Zeiten des Abstandhaltens „für viele Menschen ein sozialer Anker und eine wichtige Kommunikationsplattform“.

Den ökonomischen Ton gibt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor. Genauso wie Lufthansa oder die Autokonzerne ihre Position als Weltmarktführer nach der Coronakrise behaupten müssten, „gilt das für die Bundesliga auch“. Die Liga werde überall auf der Welt von Zuschauern verfolgt, und er „finde es schon wichtig, dass wir uns die auch erhalten“.

Einige Spitzenathleten anderer Sportarten kritisieren den Wiederbeginn. Der Staat verkaufe die Gesundheit des Volkes an den Fußball, das sei „pervers“, sagt etwa Weltklasse-Speerwerfer Johannes Vetter.

Höhere Liquidität

Mit dem politischen Plazet verbessert sich die Liquidität der deutschen Profiklubs, da mit dem Wiederanpfiff eine letzte Rate des Pay-TV-Betriebs Sky Deutschland in Höhe von 230 Millionen Euro für Übertragungsrechte fließt.

Medienerlöse machen allein 36 Prozent des DFL-Umsatzes aus. Die Liga-Vereinigung überweist jedoch nach Informationen des Handelsblatts erst mal nur ein Viertel dieser Summe; der Rest verbleibt ihr, um etwaige Ansprüche anderer oder neue Notlagen auszugleichen.

Ein selbst gefertigtes Video des – inzwischen suspendierten – Berliner Spielers Salomon Kalou hatte zuletzt einen laxen Umgang mit den Hygieneregeln offenbart. Der Film habe der DFL und dem Profifußball einen „Bärendienst“ erwiesen, sagt Anja Stahmann, Vorsitzende der Sportministerkonferenz.

Sie habe auch von anderen gehört, „dass sie geschockt und erschüttert seien“. Manche denken, die Liga habe „die Bodenhaftung verloren in Zeiten einer Pandemie“, so die Bremer SPD-Politikerin. Expertin Freitag plädiert für Augenmaß beim Breitensport im Freien: „Mit anderen Worten: es deutlich besser zu machen als die Verantwortlichen von Hertha BSC Berlin.“

Schon warnt Professor Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln vor Gesundheitsschäden: „Ein Sportler sollte sich schon Gedanken darüber machen, dass eine Infektion das Karriereende sein kann.“ Die Lungenkapazität könne dauerhaft sinken – fatal für Leistungssportler bei Dauerbelastung. Deshalb seien Sportler, so Bloch, besonders schutzbedürftig.

Aus den Gesprächen des Handelsblatts mit Klubverantwortlichen ergibt sich, dass die meisten bis Ende 2020 mit „Geisterspielen“ ohne Zuschauer rechnen. Damit fehlen Erlöse aus Ticketverkäufen, Merchandising und auch Sponsoring.

Für etwaig nötige Kredite hat die DFL die japanische Investmentbank Nomura gewonnen. Die Liga sei wie ein „Junkie“, der sich an die Droge Geld gewöhnt habe und nun mit einer neuen Budgetpolitik und Einsparungen auf Entzug gehen müsse, urteilt ein langjähriger Erstliga-Manager.

Zuletzt hatte sich auch DFL-Manager Seifert für Gehaltsobergrenzen erwärmt. Er dankt nun der Politik für ihr Vertrauen. Ihre aktuelle Entscheidung sei eine „gute Nachricht für die Bundesliga“ – und verbunden mit einer großen Verantwortung für die Klubs.

Sportmarketingexperte Peter Rohlmann befürwortet den Liga-Start: „Der Profifußball stellt einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar, der ähnlich wie andere Wirtschaftszweige ein Anrecht auf eine dosierte Wiederaufnahme seines Geschäftsbetriebs hat.“

Sollte die Saison zu Ende gespielt werden, könnten „schwerwiegende Einschnitte in den Profifußball, etwa die Insolvenz einzelner Vereine, wohl vermieden werden“.