Deutsche Märkte geschlossen

Bafin-Chef räumt Fehler im Wirecard-Skandal ein – „Es ist eine Schande“

Seine Behörde habe nicht genug getan, um Betrügereien bei Wirecard aufzudecken, sagt Bafin-Präsiden Hufeld - und will nun Konsequenzen ziehen.

„Ich nehme die öffentliche Kritik voll und ganz an.“ Foto: dpa

Felix Hufeld ist ein Freund offener Worte. Das hat der Präsident der Finanzaufsicht Bafin auch am Montag unter Beweis gestellt, als er sich beim „Frankfurt Finance Summit“ selbstkritisch zum Skandal um den Finanzdienstleister Wirecard äußerte.

„Es ist eine Schande“, sagte Hufeld. Er sei entsetzt, das so etwas passierten konnte in einem Land wie Deutschland, das für Qualität und Zuverlässigkeit stehe. „Es ist ein komplettes Desaster.”

Neben dem Management von Wirecard und den Wirtschaftsprüfern sei auch Kritik an der Bafin gerechtfertigt, sagte Hufeld. „Viele private und öffentlich Institutionen, inklusive meiner eigenen, waren nicht effektiv genug, um so etwas zu verhindern.“ Die Bafin habe im Fall Wirecard zwar diverse Maßnahmen ergriffen, aber nicht mit dem gewünschten Erfolg.

Hufeld wies darauf hin, dass die Bafin die Wirecard-Gruppe als Ganzes nicht direkt überwacht, sondern lediglich deren Banken-Tochter, die Wirecard Bank. Die Bafin versuche nun alles, um die Wirecard Bank zu schützen, sagte Hufeld. „Ich weiß jedoch nicht, ob das von Erfolg gekrönt sein kann, falls die Wirecard-Gruppe insolvent gehen sollte.“

Grundsätzlich ist Hufeld der Ansicht, dass die Bafin Wirecard auch im Rahmen des aktuellen Regelwerks besser hätte überwachen können. „Wir brauchen keine regulatorischen Änderungen“, sagte der Bafin-Chef. „Wir müssen nur das bestehende Regelwerk anders interpretieren.“ Er habe das bereits vor einiger Zeit angestoßen.

Insidern zufolge geht es darum, dass die Bafin Wirecard als Technologieunternehmen eingestuft hat und nicht als Finanzholding – und in der Folge weniger Aufsichtsbefugnisse hatte. Hufeld hat Aufsichtskreisen zufolge vor rund sechs Wochen angemahnt, diese Entscheidung noch einmal zu überprüfen, schließlich ist Wirecard über die Jahre immer aktiver in der Finanzbranche geworden.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sagte bei der Finanzkonferenz, er sehe wegen des Wirecard-Skandals keine Notwendigkeit für regulatorische Veränderungen. „Ich denke, die Aufsichtsbehörden haben sehr hart gearbeitet“, sagte Scholz. „Sie haben ihren Job gemacht.“

Sewing sieht Schaden für Aktienkultur

Hufeld sprach dagegen mehrfach über die Versäumnisse der Bafin. Aktuell habe es Priorität, die Krise rund um Wirecard zu bewältigen, betonte Hufeld. Aber im Anschluss werde seine Behörde eigene Defizite ausführlich analysieren und daraus Konsequenzen ziehen. „Dafür trage ich die Verantwortung.“

Hufeld lobte bei seinem Auftritt in Frankfurt ausdrücklich die Kritiker von Wirecard, die in den vergangenen Monaten und Jahren mehrfach auf Ungereimtheiten beim bayerischen Dax-Konzern hingewiesen hatten. „Ich ziehe den Hut vor allen – egal ob es Journalisten, Analysten oder Short Seller sind –, die Widersprüche beharrlich und rigoros ausgegraben haben“, sagte der Bafin-Chef. „Sie haben genau das Richtige getan.“

Gleichzeitig wies Hufeld Vorwürfe zurück, die Bafin habe ein deutsches Unternehmen aus patriotischen Gründen vor ausländischen Angreifern schützen wollen, als die Behörde 2019 ein Leerverkaufsverbot von Wirecard-Aktien verhängte. „Das ist totaler Unsinn.“

Wenn die Bafin Hinweise bekomme, dass Händler durch ihre Positionierung Kurse manipulieren wollten, müsse die Behörde einschreiten. „Dabei ist es irrelevant, ob die zugrundliegenden Fakten stimmen“, sagte Hufeld. Und die Hinweise seien nicht von einer zwielichten Quelle gekommen, sondern von einer großen deutschen Staatsanwaltschaft.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, der bei der Finanzkonferenz neben Hufeld auf dem Podium saß, teilt nach eigener Aussage die Einschätzung des Bafin-Chefs zum Fall Wirecard.

Zudem wies Sewing darauf hin, dass unter dem Skandal alle deutschen Unternehmen leiden werden.  „Für die gesamte Aktienkultur und das Thema Corporate Governance ist das eindeutig ein großes Problem“, sagte der Deutsche-Bank-Chef. „Deshalb kann ich nur hoffen, dass zügig Transparenz hergestellt wird und dass es die Chance gibt, aufzuräumen.“

Die mitten in einem Bilanzskandal steckende Wirecard hatte in der Nacht zu Montag eingeräumt, dass die verschwundenen Milliarden mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ nicht existierten. Die Aktien des Zahlungsdienstleisters befinden sich schon seit Tagen im freien Fall.

Unterdessen erwägt im Bilanzskandal um Wirecard die Staatsanwaltschaft München eine Ausweitung ihrer Ermittlungen. „Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten“, sagte eine Behördensprecherin am Montag auf die Frage, ob die jüngste Adhoc-Mitteilung des Unternehmens Anlass zu weiteren Ermittlungen sei.„Ermittlungsmaßnahmen können wir nicht vorab kommentieren“, fügte sie hinzu.

Jan Marsalek als Vorstand abberufen

Am Montagnachmittag zog der Aufsichtsrat von Wirecard weitere Konsequenzen aus dem Bilanzskandal und hat Vorstandsmitglied Jan Marsalek mit sofortiger Wirkung abberufen und seinen Anstellungsverstrag außerordentlich gekündigt. Marsalek war bereits seit vergangener Woche suspendiert, er war bis dahin für das operative Tagesgeschäft einschließlich Südostasien zuständig, wo die Affäre ihren Anfang nahm.

Insidern zufolge könnten Marsalek sowie dem zurückgetretenen Vorstandschef Markus Braun Untersuchungshaft drohen. Hintergrund sei, dass die beiden Beschuldigten österreichische Staatsbürger seien, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Juristen der Nachrichtenagentur Reuters.

Voraussetzungen für einen Untersuchungshaftbefehl sind, dass Staatsanwaltschaft und Haftrichter einen dringenden Tatverdacht sehen und befürchten, der Verdächtige könnte die Ermittlungen - etwa durch Flucht - beeinträchtigen. Bei ausländischen Verdächtigen hatte die deutsche Justiz in der Vergangenheit oft angenommen, sie könnten sich in ihr Heimatland absetzen und für die deutschen Strafverfolger unerreichbar sein.

Hinzu kommt, dass nun auch der Chef der Bank of the Philippine Islands (BPI), Cezar Consing, sich am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters zu den angeblichen Bankbestätigungen für Treuhandkonten von Wirecard bei der philippinischen Bank BPI äußerte.

Consing zufolge sind die Bestätigungen ein plumpe Fälschung: „Als man uns das sogenannte Zertifikat gezeigt hat, war sehr klar, dass es falsch war.“ Auf Konten der Bank sei nie Geld von Wirecard gelandet.

Er habe am vergangenen Montag (15. Juni) davon erfahren, als die Wirtschaftsprüfer von EY angefragt hätten, ob das Dokument echt sei. Die Bank habe umgehend festgestellt, dass ein „sehr niedrigrangiger“ Manager das gefälschte Zertifikat unterzeichnet habe. Die Bank habe ihn entlassen.

Die Ratingagentur Moody's hat Wirecard die Bonitätsnote zudem nun komplett entzogen. Die Experten hätten beschlossen, die Ratings zurückzuziehen, weil es Unregelmäßigkeiten in der Bilanz gebe, die noch aufzuklären seien, teilte Moody's am Montag mit.

Die Agentur verfüge nicht mehr über ausreichende Informationen, um eine Bewertung über die Kreditwürdigkeit des Zahlungsabwicklers aus der Nähe von München abzugeben. Am Freitag hatte Moodys's die Bonitätsnote von Wirecard um ganze sechs Stufen auf Ramschniveau zurückgestuft.

Mit Agenturmaterial