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Baerbocks Wiederwahl beweist: Sie ist nicht nur „die Frau an Roberts Seite“

Die Grünen-Chefin fährt auf dem Bundesparteitag ein Rekordergebnis ein. Nur über das Thema Kanzlerkandidatur will man bei den Grünen trotzdem weiterhin nicht reden.

„Wir haben noch lange nicht fertig“ – Annalena Baerbock bekräftigt in ihrer Rede auf dem Grünen-Parteitag die Bereitschaft der Partei, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Foto: dpa

Es gibt diese Momente, in denen das Bild eines harmonisch agierenden grünen Spitzenduos ins Wanken gerät. „Rutsch‘ mal zur Seite“, sagt Grünen-Chefin Annalena Baerbock zu Co-Chef Robert Habeck, während der ungläubig auf das für ihn zu niedrige Rednerpult starrt. „Hey, macht mal das Pult auf meine Höhe“, sagt Habeck, „ich will auch mal was sagen.“

Es mag nur eine kleine Anekdote vom Grünen-Bundesparteitag an diesem Wochenende in Bielefeld sein. Doch sie zeigt allen, die Annalena Baerbock vielleicht noch immer unterschätzen, dass sie eben „nicht die Frau an Roberts Seite“ ist – wie sie selbst schon im Januar 2018 in ihrer ersten Bewerbungsrede zur Bundesvorsitzenden sagte.

Bald zwei Jahre später ist Baerbock an diesem Samstag mit eindrucksvollen 97,1 Prozent wiedergewählt worden. Mit einer kämpferischen und Mut machenden Rede rund um Verantwortung und Regierungsfähigkeit begeisterte sie die mehr als 700 Grünen-Delegierten. Habeck verbuchte 90,4 Prozent. Im Gegensatz zu Baerbock reizte er seine Redezeit mitnichten aus, so als wolle er seiner Co-Chefin gönnerhaft und bewusst nicht in die Parade fahren. Tatsächlich hatte er seine bessere Rede am Freitag gehalten, zur Eröffnung des Parteitags.

Baerbock kann das egal sein. Die 38-Jährige gehört zweifellos zu den stärksten Spitzengrünen, die die Partei je hatte. Aufgewachsen ist Baerbock in Niedersachsen, studiert hat sie in Hamburg und London, ehe sie über Stationen in Straßburg und Brüssel nach Brandenburg zog. 2004 stieß sie zu den Grünen, mitten in einem Europawahlkampf. Von 2009 bis 2013 war die Völkerrechtlerin dann Landesvorsitzende der Brandenburger Grünen, bevor sie Bundestagsabgeordnete und Klimaexpertin wurde.

Inzwischen ist sie thematisch breit und tief aufgestellt, Kollegen in der Partei und Fraktion loben ihre inhaltliche Kompetenz, mit der sie auch die Wirtschaft beeindruckt. Sie scheut sich nicht, dahin zu gehen, wo es wehtut, ob in Diskussionen mit Kohlelobbyisten oder Windkraftgegnern.

„Menschen, die wirklich gestalten wollen, muten sich Widerspruch zu“, ruft sie am Samstag den begeisterten Delegierten zu. „Das ist nicht immer einfach, es ist anstrengend, da macht man Fehler.“ Aber es gebe keine Alternative: „Wir müssen eine klimaneutrale Wirtschaft schaffen und eine Gesellschaft, die die planetaren Grenzen anerkennt.“

Michael Lühmann vom Göttinger Institut für Demokratieforschung beschreibt Baerbocks Politikstil als „sachlich-energisch, zupackend und präzise, klar und, wenn es nicht so strapaziert wäre, authentisch“. Er sehe da wenig Inszenierung. „Sie ist, wenn man einen Gegenentwurf bräuchte, sowohl im Auftritt als auch in der dahinter liegenden Ernsthaftigkeit, so etwas wie das Gegenteil eines Christian Lindners“, sagt er dem Handelsblatt.

Seiner Ansicht nach haben die Grünen eben nicht nur ein politisches Talent an der Spitze ihrer Partei – sondern zwei auf Augenhöhe. Dass Baerbock mit dem 50-jährigen Habeck, der bereits stellvertretender Ministerpräsident in Schleswig-Holstein war, mithalten kann, habe schon ihre starke, mitreißende Bewerbungsrede 2018 gezeigt, bei der sie „Habecks Rede locker in den Schatten stellte“.

Die Frage nach der Kanzlerkandidatur

Das hat sie jetzt wiederholt – obwohl die beiden Parteivorsitzenden sich inhaltlich kaum voneinander unterscheiden. Lühmann sieht sie denn auch als ein „Versöhnungsangebot an beide Parteilager“. Sozialpolitisch und ökologiepolitisch brächten die Parteivorsitzenden beide Flügel zusammen, meint Lühmann, keine Frage, „ein Erfolgsmodell“.

Sie stehe für eine Politik, „die differenziert, als einfach draufzuhauen“, sagt Baerbock selbst und als Kritik an den anderen Parteien gemeint. „Wir haben die Kraft für Verantwortung in diesen Zeiten“ und sie verspricht ihrer Partei: „Wir haben noch lange nicht fertig.“

Was dieses Ergebnis jetzt für eine mögliche Kanzlerkandidatur der Grünen aussagt? Einiges, aber längst nicht alles. Es zeigt, dass Baerbock gute Chancen hat, den nächsten Karrieresprung zu machen, aber auch Habeck ist nicht abgeschrieben. Lühmann warnte davor, das Ergebnis in eine Richtung zu interpretieren. Er rät dazu, mit der Nominierung eines möglichen Kanzlerkandidaten abzuwarten und die Basis entscheiden zu lassen.

Auch Forsa-Chef Manfred Güllner warnt davor, das Ergebnis der Wiederwahl als Vorentscheidung für eine Kanzlerkandidatur zu deuten. Wenn die Grünen in der nächsten Zeit zweitstärkste Kraft nach der Union blieben, sei es aber bald an der Zeit, sich für einen Kandidaten zu entscheiden, sagte er dem Handelsblatt.

In Partei und Fraktion sieht man dagegen keine Eile. Sobald man sich für eine Person entschieden hätte, würde dieses wichtige und gut zusammenarbeitende Führungsduo an Schlagkraft verlieren, heißt es. Klar ist: Dieses Duo profitiert erheblich voneinander. Baerbock ist da zur Stelle, wo es Habeck an inhaltlicher Tiefe fehlt. Wo Habeck die großen Linien ziehen kann, lässt ihm Baerbock den notwendigen Raum.

Beide zusammen – nicht einer allein – gelten derzeit quasi als Garant dafür, dass es mit den Grünen nicht wieder bergab geht. Gerade jetzt, wo das grüne Ur-Thema Klimaschutz bei den Deutschen nicht mehr ganz oben auf der Prioritätenliste steht, weil die Konjunktur sich abschwächt.