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Die Bürokratie-Beherrscher: Amana Consulting expandiert mit Steuersoftware

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Das Geschäft von Amana Consulting ist krisensicher: Das Softwarehaus hilft Firmen bei Steuern und Berichtspflichten. Nun expandieren die Gründer ins Ausland.

Als Teil des Konjunkturpakets hat die Bundesregierung die Mehrwertsteuer temporär gesenkt. Foto: dpa
Als Teil des Konjunkturpakets hat die Bundesregierung die Mehrwertsteuer temporär gesenkt. Foto: dpa

Ob Boom oder Krise, ob Große Koalition oder Schwarz-Gelb, ob AG oder GmbH & Co KG: Auf eines ist Verlass. Der Katalog an Steuergesetzen und Berichtspflichten, den Unternehmen einhalten müssen, wächst von Jahr zu Jahr. So gibt die EU-Kommission ab 2021 ein einheitliches Format für digitale Finanzberichte vor, ESEF genannt – die Umstellung beschäftigt derzeit die Finanzabteilungen.

Was für viele Unternehmen lästige Bürokratie bedeutet, ist für Amana Consulting die Geschäftsgrundlage. Der Softwarehersteller aus Essen bietet Programme für Rechnungswesen, Controlling und Steuern an.

„Der Gesetzgeber lässt sich immer etwas Neues einfallen“, beobachtet Co-Geschäftsführer Thorsten Funke. „Es wurde immer gesagt, dass die Steuern einfacher werden sollen, aber sie sind komplexer geworden.“

Während zahlreiche Unternehmen unter der Coronakrise leiden, expandiert Amana Consulting sogar: Das Softwarehaus, das bisher nur im deutschsprachigen Raum aktiv war, hat seit Jahresbeginn in acht europäischen Ländern ein neues Produkt eingeführt, weitere sollen in Zukunft folgen. Der Umgang mit der Regulierung ist ein wachsendes Geschäft.

Die vier Gründer – Thorsten Funke, Jörg Ringelstein, Philipp Stampfuß und Christian Groove – kennen sich von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC. 2003 entwickelten sie dort ein Programm für die Sammlung von Steuerdaten.

Bei den Klienten kam es gut an, angesichts der Trennung von Bilanzprüfung und Beratung passte es jedoch nicht so recht in den Konzern. 2011 kam es zum Management-Buy-out: Die einstigen Angestellten machten sich selbstständig.

Extra-Arbeit durch Mehrwertsteuersenkung

Mit ihren letzten Boni mieteten die vier ein Büro im Essener Stadtteil Rüttenscheid, leasten die IT-Ausrüstung bei der Commerzbank und setzten sich auf Bierbänke, bis die Büromöbel ein paar Wochen später da waren. Eine Finanzierung mit Risikokapital benötigten sie aber nicht, nur ein Darlehen. „Dadurch, dass wir funktionierendes Geschäft mitgenommen haben, war es planbar“, berichtet Mitgründer Christian Groove.

Heute ist Amana Consulting am Markt etabliert. 75 Prozent der Dax-Konzerne nutzen Software des IT-Anbieters, darunter beispielsweise Daimler. Der Umsatz beläuft sich auf rund zwölf Millionen Euro. Und „Juve“, das Magazin für Wirtschaftsjuristen, führt das Unternehmen zwischen den Big Four und anderen bekannten Namen wie Datev und Baker Tilly auf, wenn es um „Tax Technology“ geht.

Das Geschäft beruht auf zwei Säulen: Einerseits bietet Amana Consulting Software für den Umgang mit Steuergesetzen, die beispielsweise Arbeitsschritte automatisiert, Steuern für den Jahresabschluss berechnet und das Zahlenwerk für Betriebsprüfungen dokumentiert.

Andererseits gibt es Lösungen, die Kunden bei der Dokumentation des Geschäfts unterstützen, vom Datenimport bis zur Veröffentlichung. Es sind Themen, mit denen sich Unternehmen selbst in der Coronakrise beschäftigen müssen.

Als die Politik aufgrund der Pandemie strenge Ausgangsbeschränkungen beschloss, blieb die Firmenzentrale zwar leer, trotzdem brachen kaum Aufträge weg. Das Neugeschäft sei zwar schwieriger, berichten die Manager, die Bestandskunden blieben aber. Und mussten etwa die - durchaus umstrittene - Mehrwertsteuersenkung berücksichtigen.

„Wir konnten die Projekte komplett online weiterführen“, sagt Thorsten Funke. „Es war interessant, wie agil die Projektmitarbeiter bei unseren Kunden waren.“

Strengere Gesetze wegen Wirecard-Skandal?

Immer mehr Regeln gibt die Europäische Union vor, es gibt Standards für die elektronische Veröffentlichung von Finanzzahlen und Regeln für die Offenlegung von Steuergestaltungsmodellen. Damit wächst der Markt für Amana Consulting: Unternehmen in allen 27 Mitgliedstaaten müssen die Auflagen erfüllen. Und nach dem Wirecard-Skandal, bei dem Prüfungsgesellschaften in die Kritik geraten sind, erwartet Funke weitere Offenlegungspflichten.

All das ist eine Chance für Amana Consulting. 2019 beschlossen die Geschäftsführer, in mehreren Ländern ein Vertriebsnetz aufzubauen: Großbritannien, Belgien, die nordischen Länder, zudem Polen, Litauen und Bulgarien. Partner wie die Wirtschaftsprüfer PwC und KPMG und der Steuerberater World Tax Service (WTS) sollten beim Verkauf helfen. Dann kam 2020, und das Management musste alle Reisen absagen.

Die Schulungen für die neue Software laufen seitdem über Videokonferenzen. „Obwohl wir nicht reisen können, geht das sehr gut – das überrascht uns selbst ein bisschen“, sagt Christian Groove. Wenn die Pandemie vorbei ist, wollen die Amana-Gründer aber wieder auf Reisen gehen. „Ich vermisse zwar nicht, um half fünf aufzustehen, um den ersten Flieger zu nehmen, aber ein Bürobesuch bei den Partnern fehlt: Man lernt die Leute nicht so richtig kennen.“

Zumal Amana Consulting in den kommenden Jahren mehrere andere Produkte außerhalb des deutschsprachigen Raums verkaufen will. „Unser Fokus liegt in den nächsten Jahren darauf, weitere Produkte zu internationalisieren“, sagt Funke. Eines ist sicher: An neuen Regeln wird es nicht mangeln.