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Börsennotierte Unternehmen bauen kräftig Lehrstellen ab – Mittelstand und Handwerk empört

Konzerne stellen weniger Lehrstellen. Foto: dpa

Lieber ausschütten als ausbilden: Börsennotierte Unternehmen fahren in Deutschland ihr Engagement bei der Ausbildung deutlich zurück, zeigt eine Studie.

Wenn Kanzlerin Angela Merkel an diesem Montag die Sozialpartner und Teile ihres Kabinetts zum Fachkräftegipfel lädt, dann wird es vorrangig um das Einwanderungsgesetz und neue Anwerbeprogramme gehen. Aber natürlich müsse Deutschland auch sein „eigenes, heimisches Potenzial ausschöpfen“, betonte die Regierungschefin in ihrem wöchentlichen Videopodcast.

Und hier gibt es noch einiges zu holen. Das zeigt eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Danach ist das Ausbildungsengagement börsennotierter Großunternehmen, zu denen auch die Dax-Konzerne gehören, stark rückläufig. Boten diese Unternehmen, die in Deutschland 1,6 Millionen Menschen beschäftigen, 2006/07 noch rund 85.000 Lehrstellen an, ist die Zahl bis 2016/17 um fast neun Prozent auf knapp 78.000 gesunken.

Die erfassten nicht börsennotierten Firmen, die nur rund 630.000 Mitarbeiter haben, erhöhten im gleichen Zeitraum die Zahl der Ausbildungsplätze um 17 Prozent von gut 26.000 auf 31.000. Zu dieser Gruppe gehören auch große Unternehmen wie die Deutsche Bahn, Bosch oder Rewe.

„Investition in Ausbildung ist eine Investition in die Zukunft“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) dem Handelsblatt. „Das gilt für alle Arbeitgeber.“ Jedes Unternehmen – egal ob börsennotiert oder nicht – benötige schließlich kompetente Fachkräfte.

In der WZB-Untersuchung haben die Forscher Durchschnittswerte aus zwei Jahren gebildet, um den Einfluss von Ausreißern zu minimieren. Basis der Studie waren 130 Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten, davon 62 börsennotierte, aus dem Mitbestimmungsindex des WZB.

In beiden Gruppen wurden sowohl klassische Auszubildende als auch duale Studenten erfasst, die die Unternehmen üblicherweise zusammen ausweisen. Die dualen Studenten bilden dabei nach Angaben des WZB rund ein Fünftel aller Auszubildenden aus.

Wie der Studientitel „Ausschütten statt Investieren“ schon nahelegt, führen die Autoren das sinkende Ausbildungsengagement börsennotierter Firmen vor allem auf den steigenden Druck am Kapitalmarkt zurück: „Gerade in den Unternehmen, die der Kapitalmarktlogik unterliegen, wird also zunehmend weniger in die duale Ausbildung investiert“, schreibt das Team um den WZB-Experten Robert Scholz.

Steigender Renditedruck

Insbesondere seit der Finanzkrise 2008/09, in Zeiten fallender Zinsen und mangelnder Investitionsalternativen drängten viele Investoren in die Aktienmärkte. Das erhöhe den Druck, dort auch entsprechende Renditen zu erzielen. Die Ausbildung als langfristige Investition stehe offenbar in Konkurrenz zu kurzfristigen Ergebniszielen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) reagierte mit Unverständnis auf den Ausbildungsrückgang bei den Börsen-Unternehmen: „Wenn Dax-Betriebe ihren Aktionären in 2020 geschätzt rund 37 Milliarden Euro ausschütten können, erwarte ich von ihnen auch, dass sie mehr ausbilden“, sagte DGB-Vize Elke Hannack.

Es könne nicht sein, dass börsennotierte Firmen sich bei der Ausbildung „einen schlanken Fuß machen“, kritisierte sie und forderte die Kanzlerin auf, die Dax-Konzernchefs zu einem Ausbildungsgipfel einzuladen.

Gerade weil die börsennotierten Unternehmen in der Summe ungleich mehr Lehrlinge ausbilden als die nicht börsennotierten, sei der Rückgang des Ausbildungsengagement ein „Warnzeichen“, schreibt Studienautor Scholz.

„Die Strategie, fertig ausgebildete Arbeitnehmer zu rekrutieren statt auszubilden, kann langfristig keine Lösung sein.“ Denn das gehe „zulasten der kleinen und mittleren Betriebe, der volkswirtschaftlichen Beschäftigung, des generellen Bildungsniveaus und damit der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung insgesamt“.

Man könne sich schließlich auch nicht darauf verlassen, dass die nicht börsennotierten Unternehmen weiter in dem Umfang Ausbildungsplätze aufbauen, wie sie bei börsennotierten wegfallen. „Langfristig könnte die starke Renditenorientierung also noch mehr Ausbildungsplätze kosten.“


„Ablösesummen“ für die Ausbildungslast

Es sei „verwerflich“, wenn renditegetriebene Kapitalgesellschaften immer weniger bereit seien, sich an der Ausbildung junger Menschen zu beteiligen, kommentierte der Präsident des Verbands Die Familienunternehmer, Reinhold von Eben-Worlée, die Daten.

Die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen vermeide Jugendarbeitslosigkeit und habe somit eine wichtige stabilisierende Bedeutung für die Gesellschaft. „Wer die von Familienbetrieben ausgebildeten Fachkräfte lediglich über höhere Löhne vom Markt abfischt, drückt sich vor seiner gesellschaftlichen Verantwortung“, kritisierte Eben-Worlée.

„Wenn Großunternehmen die Ausbildungslast immer weiter auf den Mittelstand abwälzen, wird man über Ablösesummen diskutieren müssen“, sagt der Sprecher für berufliche Bildung der FDP-Bundestagsfraktion, Jens Brandenburg. Ein Vorschlag, der auch bei Eben-Worlée durchaus Unterstützung findet. Der DGB hingegen tritt für eine Umlage ein.

Entlastung für Betriebe, die die Ausbildung schultern, fordert auch Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer. Er erinnert daran, dass 83 Prozent der Ausbildungsbetriebe in Deutschland Klein- und Kleinstbetriebe seien. „Sie übernehmen damit nicht nur gesellschaftliche Verantwortung, sondern schultern auch erhebliche Kosten von im Durchschnitt 16.500 Euro für die Ausbildung eines Lehrlings.“

Wollseifer fordert daher eine Entlastung von Bürokratie und Sozialabgaben. So seien etwa Studenten bis zum 25. Lebensjahr zumeist auf dem Ticket ihrer Eltern kranken- und pflegeversichert. „Warum steht das Auszubildenden eigentlich nicht zu?“, fragt der Handwerkspräsident.

Verstärkte Ausbildungsbereitschaft nur bei wenigen Konzernen

FDP-Politiker Brandenburg ist allerdings nicht überzeugt, dass vor allem der Shareholder-Value-Gedanke ursächlich für das sinkende Ausbildungsengagement börsennotierter Unternehmen ist. „Quartalsberichte und Gewinnausschüttungen gab es vor zehn Jahren schon. Trotzdem lag die Ausbildungsquote der börsennotierten Unternehmen damals über der Vergleichsgruppe.“

Den Trend der WZB-Studie hatte Anfang 2019 bereits eine Umfrage des Handelsblatts aufgezeigt. So hatten von 28 untersuchten Dax-Konzernen im Lauf von zehn Jahren 19 ihre Ausbildung zurückgefahren. Die Quote der Lehrlinge (ohne duale Studenten) war bis 2018 von 4,6 auf 3,6 zurückgegangen.

Besonders stark hatten etwa Daimler, die Deutsche Bank oder die Deutsche Telekom die Lehrlingsausbildung eingeschränkt. Der wertvollste deutsche Konzern, SAP, bildete sogar überhaupt keine Lehrlinge aus, ausschließlich duale Studenten. Zu den wenigen Konzernen, die die Lehrlingsquote erhöhten, gehörten Chemie-Konzerne wie BASF und Beiersdorf, aber auch der Wohnungskonzern Vonovia.

Regionales Matching-Problem

Wie bei den großen börsennotierten Unternehmen ist auch in der Gesamtwirtschaft die Ausbildung tendenziell zurückgegangen. In diesem Herbst wurden noch 525.000 neue Lehrverträge geschlossen – 6300 weniger als im Vorjahr. Duale Studenten sind hier außen vor.

Damit war das Plus, das in den Vorjahren erreicht wurde, wieder zunichte. Vom Niveau der Jahre 2007/2008, oder auch der Jahre zu Beginn des Jahrtausends, als jährlich deutlich mehr als 600.000 neue Lehrlinge eingestellt wurden, ist Deutschland also trotz des wachsenden Fachkräftemangels meilenweit entfernt.

Das liegt aber auch an der Demografie: 2019 fiel die Zahl der Bewerber erstmals unter 600.000. Es könnten dennoch weit mehr junge Leute ausgebildet werden, würden Lehrmeister und Azubis besser zueinander finden. Denn weil Angebot und Nachfrage regional nicht passen und die Schulabgänger sich auf wenige Lieblingsberufe fokussieren, waren nach den Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) zum Stichtag 30. September noch mehr als 53.000 Plätze unbesetzt.

Von dem Problem, aus Mangel an Bewerbern Plätze nicht besetzen zu können, seien große Konzerne jedoch kaum betroffen, schreiben die WZB-Autoren. Denn die großen Firmen „sind attraktiv für Jugendliche, haben meist eine hohe Reputation und bieten vergleichsweise gute Arbeitsbedingungen sowie ein gutes Gehalt“.