Deutsche Märkte schließen in 8 Stunden 28 Minuten

Börsengänge erholen sich langsam vom Corona-Rückschlag

·Lesedauer: 4 Min.

Der Markt für IPOs kam wegen der Coronakrise unter die Räder. Doch im Juni gibt es erste Lichtblicke. Drei Faktoren sorgen für das Comeback der Emissionstätigkeit.

Die weltweite Covid-19-Pandemie hat den Börsengängen in diesem Jahr einen herben Einbruch beschert. Die gute Nachricht ist allerdings, dass es im Juni wieder weltweit Anzeichen für eine durchgreifende Erholung im zweiten Halbjahr gibt. Das geht aus dem jüngsten Bericht der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young) hervor.

Zunächst muss allerdings ein deutlicher Rückgang verkraftet werden: Das Emissionsvolumen ging im zweiten Quartal um 32 Prozent auf 41,1 Milliarden Dollar zurück, die Zahl der IPOs sank sogar um 39 Prozent auf 186.

Vor allem in Europa und den USA gab es deutliche Bremsspuren im Markt, China konnte dagegen dem globalen Trend trotzen und – wie schon im ersten Quartal – erneut zulegen: Das Volumen stieg in China (einschließlich Hongkong) um 54 Prozent auf 17,9 Milliarden Dollar, die Zahl der IPOs kletterte um 28 Prozent auf 92. Damit fand fast jeder zweite Börsengang weltweit im zweiten Vierteljahr in China statt.

„Bedingt durch die weltweiten Eindämmungsmaßnahmen gingen die IPO-Aktivitäten im April und Mai wie erwartet zurück,“ sagt Martin Steinbach, Partner und Leiter des Bereichs IPO and Listing Services bei EY. „Allerdings haben wir schon im Juni deutliche Erholungszeichen gesehen.“

So lag die Zahl der Börsengänge im April bei 54, im Mai bei 43, im Juni aber schon wieder bei 89. „Die gute Entwicklung in den letzten Wochen zeigt, dass der Markt sehr aufnahmefähig ist und dass gut vorbereitete Unternehmen in den richtigen Sektoren und mit den richtigen Geschäftsmodellen auf Investorenappetit treffen“, ergänzt Steinbach. Derzeit stünden vor allem Technologieunternehmen sowie Pharma- und Biotech-Firmen bei den Investoren hoch im Kurs.

Auch Milliardentransaktionen denkbar

Für Thorsten Pauli, Head of Equity Capital Markets für den deutschsprachigen Raum bei der Bank of America (BofA), kommen Börsenpläne auch deutscher Kandidaten nicht unerwartet. „Sowohl die deutsche als auch die europäischen Börsen sind offen für IPOs, und Investoren sind bereit, in Börsenkandidaten aus attraktiven Sektoren zu investieren. Daher werden wir in den kommenden Monaten wieder mehr Börsengänge sehen“, glaubt Pauli.

Auch Transaktionen im Milliardenbereich seien prinzipiell denkbar, solange es sich bei den Börsenkandidaten um Unternehmen handele, deren Geschäftstätigkeit nicht nennenswert von den Folgen der Coronavirus-Pandemie betroffen ist. Natürlich bleibe die Volatilität vergleichsweise hoch und schwanke. Das ändere aber nichts an den attraktiven Bewertungsniveaus, wie die erfolgreichen Börsengänge und Kapitalmaßnahmen der vergangenen Wochen belegten.

Zu den wichtigsten Treibern für das Comeback der Emissionstätigkeit zählt die Erholung der Aktienkurse seit den Tiefstständen im Frühjahr, eine deutlich niedrigere Volatilität und eine verbesserte Stimmung unter den Investoren. Börsenkandidaten nutzen die virtuelle Investorenansprache und bereiten sich mit kürzeren Roadshows auf schwankungsanfällige Kurse vor.

„Durch den Lockdown ist der virtuelle Austausch zwischen Investoren und Unternehmen zur Normalität geworden, wodurch Börsengänge schneller, effizienter und sicherer durchgeführt werden können“, meint BofA-Banker Pauli. Ein IPO-Berater meint, dass sich die Manager nur noch einmal am Anfang eines Börsengangs persönlich treffen müssten, danach reichten virtuelle Konferenzschaltungen aus. Die Verfügbarkeit der beteiligten Manager nehme dadurch eher zu, weil die Eincheck- und Flugzeiten wegfielen.

Erste Börsengänge auch wieder in Deutschland

Auch in Deutschland ist im Juni wieder mehr Schwung in den Markt gekommen. Das Gesundheitsunternehmen Pharma SGP erlöste bei seinem Börsendebüt 127 Millionen Euro, im Mai hatte das Datenbank-Management-Unternehmen Exasol den Sprung aufs Parkett gewagt und dabei 88 Millionen Euro eingenommen. Außerdem hat die Beteiligungsgesellschaft Brockhaus Capital Management am Montag den Börsengang im Volumen von mindestens 100 Millionen Euro für die kommenden Monate angekündigt. Und der Impfstoffhersteller Curevac strebt sein Börsendebüt an der US-Technologiebörse Nasdaq an.

Der größte Börsengang in Europa war die Erstnotiz des niederländischen Kaffee- und Teeunternehmens JDE Peet’s, bei dem 2,9 Milliarden Dollar erlöst wurden. Die Aktien der niederländischen „Jacobs“-Holding schnellten beim IPO um bis zu 17 Prozent auf 36,78 Euro nach oben und trieben den Börsenwert von JDE Peet's auf mehr als 18 Milliarden Euro. Die weltweit größte Transaktion war das IPO des chinesischen Online Händlers JD.com, der 3,9 Milliarden Dollar einbrachte.

Trotz der positiven Aussichten für das zweite Halbjahr gibt es aus Sicht von EY auch einige Risiken, die wieder einen Dämpfer bringen könnten. Dazu zählten ein Wiederaufflammen der Pandemie, Spannungen zwischen China und den USA, die Brexit-Verhandlungen zwischen London und der Europäischen Union sowie die Präsidentschaftswahl in den USA.