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Die Börsen sind wegen des Coronavirus im Angst-Modus – Was Anleger jetzt wissen müssen

Das Coronavirus beunruhigt die Finanzmärkte und weckt Erinnerungen an die Sars-Epidemie. Die wichtigsten Fragen und Antworten für Anleger zur Krise.

Die Börse reagiert erstaunlich empfindlich auf das Coronavirus (Bild: Silas Stein/dpa)

Wenige Tage ist es erst her, da markierten die Börsen neue Höchststände. Doch das Coronavirus hat die Rekordjagd abrupt beendet. Investoren fragen sich insbesondere, wie stark die Konjunktur in China, der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft, in Mitleidenschaft gezogen wird.

In Tokio ging der 225 Werte umfassende Nikkei-Index am Dienstag 0,6 Prozent schwächer bei 23.216 Punkten aus dem Handel. In China waren die Börsen die Feiertagsbedingt geschlossen. In den USA gingen am Montag Dow Jones, Nasdaq sowie S & P 500 mit deutlichen Verlusten aus dem Handel. Der deutsche Leitindex Dax verlor zum Wochenauftakt ebenfalls kräftig und dreht auch am Dienstag nach einer kurzen Erholung zurück ins Minus.

An der Lungenkrankheit sind inzwischen mehr als 100 Menschen gestorben, Tausende sind infiziert. Die Millionenstadt Wuhan, in der die Erkrankung erstmals aufgetreten ist, steht unter Quarantäne. Der öffentliche Verkehr steht in Teilen des Landes still. Die Regierung in Peking verlängerte die Feiertage zum Neujahrsfest landesweit bis zum 2. Februar, in Schanghai ist sogar bis zum 9. Februar frei.

Im folgenden die wichtigsten Punkte, die Anleger jetzt wissen sollten.

Warum reagieren die Märkte so stark?

Das Coronavirus weckt ungute Erinnerungen an das Sars-Virus. Das hatte 2002/2003 von China ausgehend eine weltweite Pandemie mit 8000 Infizierten zur Folge, etwa 800 Menschen starben. Die Weltbank und die Weltgesundheitsorganisation WHO bezifferten den damals entstandenen Schaden für die Weltwirtschaft auf insgesamt 30 Milliarden US-Dollar. Vor allem Hongkong und Singapur waren stark betroffen.

In China könnte die neue durch das Coronavirus hervorgerufene Lungenkrankheit nach Einschätzung von JP Morgan im Fall einer Ausbreitung nun erneut „deutliche Abwärtsrisiken“ für die weitere konjunkturelle Entwicklung zu Folge haben.

Welche Branchen sind besonders betroffen?

Luftfahrtunternehmen und Reisekonzerne zählen vorerst zu den großen Verlierern der Entwicklung. Sie gehören zu den ersten Firmen, deren Tickets storniert werden, wenn die Menschen zu Hause bleiben. Aber auch chinesische Handelsfirmen, Luxusaktien und der Ölpreis stehen unter Druck. Auto-Aktien sind ebenfalls chinasensibel. Denn Wuhan ist ein wichtiges Logistikzentrum für zahlreiche Zulieferer der Autoindustrie.

„Es ist klar, dass die Märkte das Risiko einer Epidemie verfolgen. Falls die Dinge kritisch werden, könnte es massive Einbußen für die Luftfahrtindustrie und für den lokalen Tourismus bedeuten“, sagte Stephen Innes, Asien-Pazifik-Marktstratege bei AxiCorp.

Sollte das neue Coronavirus in den kommenden Wochen ähnlich massive Folgen wie Sars haben, dürften die Auswirkungen auf den chinesischen Einzelhandel nach Einschätzung von JP Morgan allerdings deutlich geringer ausfallen als 2003. Damals waren die Umsätze im zweiten Quartal im Einzelhandel kurzfristig eingebrochen. Da sich aber die Geschäfte im Einzelhandel mittlerweile stark auf den Onlinehandel verlagert haben, sei aktuell nicht mit ähnlich starken Rückschlägen zu rechnen.

Gibt es Firmen, die von der Angst vor dem Coronavirus profitieren?

Ja, die gibt es. Im Gegensatz zu Fluggesellschaften und Reisekonzernen verzeichneten die Aktienkurse von Gesundheitsunternehmen deutliche Gewinne. Investoren rechnen offenbar mit steigender Nachfrage nach Medizinprodukten und Gesundheitsdienstleistungen, von denen bisher nahezu unbekannte börsennotierte Unternehmen profitieren könnten.

Die Aktien von BioCryst, die an einem Mittel gegen das Virus arbeiten, stiegen deutlich. Die Papiere des Impfstoff-Anbieters Novavax klettern ebenfalls um knapp 20 Prozent. Aber auch Shandong Lukang Pharma, das unter anderem Antibiotika herstellen, kletterten deutlich ins Plus. Auch Zhende Medical legten stark zu.

In der Hoffnung auf einen Nachfrageschub wegen des Coronavirus stiegen Anleger auch bei Alpha Pro Tech ein. Die Aktien des US-Anbieters von Mundschutz und Schutzmasken kletterten zeitweise um 25 Prozent und markierten den höchsten Stand seit rund fünf Jahren. Aus Angst vor einem Dämpfer für die Weltwirtschaft durch die rasch um sich greifende neuartige Lungenerkrankung griffen die Anleger auch verstärkt zur „Krisenwährung“ Gold.

Wie massiv kann der Virus die Börse drücken?

Das Thema wird die Weltbörsen in der kommenden Woche sicher beschäftigen. Es wird maßgeblich von der weiteren Nachrichtenlage bei der Bekämpfung des Virus abhängen, ob sich die Märkte bald beruhigen. Sollte dies der Fall sein, kann es für die Finanzmärkte durchaus wieder nach oben gehen. Das Sars-Virus hielt die Weltbörsen damals rund fünf Monate im Bann und drückte die Kurse, danach ging es wieder aufwärts.

Die nächsten Wochen könnten entscheidend sein. Unzählige Chinesen sind wegen des chinesischen Neujahrfestes auf Reisen, so könnte das Risiko einer Pandemie und der hiermit verbunden negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft in den nächsten Tagen noch steigen. Im Unterschied zu 2002 wurde das Virus diesmal allerdings schon nach zwei Wochen identifiziert; zudem reagierten die Behörden rasch und konsequent.

Nach Meinung der Topstrategen Frank Engels und Peter Oppenheimer von Union Investment und Goldman Sachs wird der Ausbruch des Coronavirus die Wirtschaft und die Märkte nicht über Gebühr belasten. Die Ökonomen von Goldman Sachs gehen davon aus, dass sich jeder Rücksetzer durch die Verbreitung der Viren, die zu einer Lungenkrankheit führen können, auf das Wirtschaftswachstum und die Vermögenspreise als kurzlebig erweisen wird. Das hätten Erfahrungen mit früheren Viren wie Sars von 2002 bis 2003 oder der Schweinegrippe von 2009 bis 2010 gezeigt. Viele Investoren werden hoffen, dass sie recht behalten.