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Die Finanzmärkte bleiben optimistisch – doch das kann trügerisch sein

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Vor der Wahl gab es Warnungen, dass politisches Chaos die Kurse unter Druck setzen würde. Am Tag nach der Abstimmung lassen sich Anleger nicht schrecken.

Den Märkten steht eine turbulente Zeit bevor. Foto: dpa
Den Märkten steht eine turbulente Zeit bevor. Foto: dpa

Die Märkte sind in New York nach der chaotischen Wahlnacht überraschend positiv in den Handel gestartet. Die Technologiebörse Nasdaq legte am Mittwoch fast vier Prozent auf 11.590,78 Punkte zu. Das ist der größte Tagesgewinn seit mehr als einem halben Jahr. Der breit gefasste S & P 500 rückte gut zwei Prozent vor. Der Leitindex Dow Jones gewann 1,3 Prozent. Die europäischen Aktienbörsen hatten die gute Stimmung schon vorweggenommen.

Investmentbanker Roger Altman konnte seine Verwunderung nicht verbergen. „Ich bin wirklich überrascht von den Märkten“, sagte der Gründer von Evercore am Mittwoch im US-Börsensender CNCB. „In den vergangenen Tagen legten die Märkte zu, weil sie gehofft haben, dass Joe Biden die Wahl gewinnt. Jetzt legen die Märkte zu, weil sie die Aussicht auf geteilte Machtverhältnisse haben.“

Zugelegt haben auch die zehnjährigen US-Staatsanleihen, im Gegenzug ist ihre Rendite auf 0,65 Prozent gesunken. Laut dem Zinsstrategen Christoph Rieger von der Commerzbank erholen sich die US-Bonds deutlich, weil klar wird, dass die Demokraten nicht durchregieren können. Die Schwankungen am Anleihemarkt fielen heftig aus: In der Nacht war die Rendite von 0,9 Prozent zwischenzeitlich noch auf bis zu 0,95 Prozent gestiegen.

Anleger müssen sich vor allem auf zwei schwierige Szenarien vorbereiten: Joe Biden könnte die Wahl gewinnen und US-Präsident werden, der Senat würde jedoch republikanisch bleiben. Dann hätte Biden im tief gespaltenen Washington wenig Spielraum, seine Agenda durchzusetzen. Das zwei Billionen Dollar schwere Konjunkturpaket, das er eigentlich rasch verabschieden wollte, würde deutlich kleiner ausfallen.

Experten rechnen dann mit nur noch rund 500 Milliarden Dollar. Die Erwartung, dass ein kleineres Paket weniger Schulden bedeutet, war offenbar ausschlaggebend für das Absinken der Renditen am Anleihemarkt, nachdem klar war, dass die Wahl keinen unmittelbaren Sieger haben würde.

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Ein weiteres von den Investoren gefürchtetes Szenario ist eine lange Hängepartie. Das wäre das schlechteste Ergebnis, so Elliot Hentov von State Street Global Advisors. „In so einem Klima wird auch kein neues Konjunkturpaket verabschiedet. Das wäre schlecht für die Aktienkurse. Das würde sich auch negativ auf die Investitionen der Unternehmen auswirken.“ Im Vorfeld hatten viele Experten für den Fall eines Patts größere Kurseinbrüche befürchtet.

Die Wirtschaft sollte sich im vierten Quartal eigentlich weiter erholen. Im Falle eines langen Wahlstreits sei es jedoch denkbar, dass sich die Konjunktur weiter abschwächt, so Hentov. US-Präsident Donald Trump hatte in der Nacht zum Mittwoch angekündigt, den Obersten Gerichtshof anzurufen. Seine Anschuldigungen, dass es Wahlbetrug gegeben hätte, ließ er jedoch vage, sodass seine genaue Strategie in den frühen Handelsstunden in New York für Anleger noch nicht zu erkennen war.

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Klar ist jedoch: Die „blaue Welle“, also ein durchgreifender Sieg der Demokraten, mit der noch am Dienstag bei Marktschluss alle gerechnet hatten, ist ausgeblieben. „Das wichtigste Zwischenergebnis des Wettkampfs um die US-Präsidentschaft in dieser Phase ist, dass die Wahrscheinlichkeit der demokratischen Wende zusammengebrochen ist“, sagt Didier Saint-Georges, Mitglied des strategischen Investmentkomitees bei der Fondsgesellschaft Carmignac.

Die Anleger wurden daher, ähnlich wie schon 2016, erneut auf dem falschen Fuß erwischt. Doch sie scheinen sich darauf einzustellen. Sollte das Wahlergebnis sich nicht allzu lange verzögern, könnte sich die Wall Street schnell mit den neuen Realitäten arrangieren.

Vor allem Technologie-Aktien bekamen deutlich Rückenwind. Zum einen, weil ihnen in einem gespaltenen Kongress mit knappen Mehrheiten im Senat weniger scharfe Regulierungsauflagen drohen. Zum anderen profitieren sie , wenn das Konjunkturpaket und die wirtschaftliche Erholung weniger breit ausfallen, weil Zinserhöhungen dann bis auf Weiteres kein Thema sein werden. „Das beste Szenario ist nun: Biden im Weißen Haus mit einem republikanischen Senat“, sagte ein Händler in New York.

Infrastruktur-Titel und auch Banken starteten dagegen schwach. Biden hatte große Infrastruktur-Investments geplant, die nun kleiner ausfallen werden. Banken leiden unter den gefallenen Renditen. Einige Werte, die von einem Ausbau der Infrastruktur oder einer „grüneren“ Politik Bidens profitieren würden, standen unter Druck, in Deutschland zum Beispiel Heidelberg Cement und Nordex. Experten der Credit Suisse in Deutschland setzen noch nicht auf steigende Aktienkurse, fürchten aber auch keinen Einbruch. Chef-Stratege Michael Strobaek erwartet hohe Schwankungen.

Ein Grund für die überwiegend positive Reaktion könnte sein, dass die Anleger vor der Wahl zurückhaltend geblieben sind. Christian Keller, Chefvolkswirt von Barclays in London, hat beobachtet, dass sich Investoren mit „real money“ vor der Wahl überwiegend vorsichtig positioniert haben – also langfristig orientierte Großanleger wie etwa Pensionsfonds. „Wetten auf einen bestimmten Ausgang der Wahl sind vor allem Hedgefonds eingegangen“, sagt er.

„Die Märkte reagieren recht rational“, meint DZ-Stratege Christian Kahler. Deutsche-Bank-Stratege Dirk Steffen sagt: „Die bislang enge Wahl macht aus Sicht des Kapitalmarkts zunächst größere politische und wirtschaftliche Veränderungen unwahrscheinlicher.“

Rückschläge möglich

Die Gefahr, dass die Märkte einbrechen, ist so lange nicht gebannt, wie keiner der beiden Kandidaten seine Niederlage eingestanden hat. Die Gefahr, dass es zu einem langwierigen Prozess oder sogar zu Unruhen kommt, bleibt damit bestehen. Als „sichere Häfen“, sagt Keller von Barclays, würden in diesem Fall zum Beispiel der Yen, eventuell sogar der Schweizer Franken gelten. Auch US-Bonds dürften in diesem Szenario als sichere Anlage weiter im Fokus bleiben, sodass die Renditen noch stärker unter Druck geraten würden.

DZ-Stratege Kahler sieht im schlechtesten Fall jede Menge Rückschlagspotenzial am Markt – „je nachdem, wie weit Trump nun sein am Mittwochfrüh angekündigtes undemokratisches Verhalten auf die Spitze treibt“. So hält der Stratege es für möglich, dass etwa der deutsche Dax bei einer weiteren Zuspitzung um knapp ein Fünftel einbrechen kann. Für den breiten US-Index S & P 500 sieht er ein Abwärtspotenzial von bis zu 15 Prozent.

Dabei dürfte ein knapper Sieg Trumps für weniger Unsicherheit sorgen als ein knapper Sieg Bidens – weil Biden wohl der bessere Verlierer ist. Esty Dwek von Natixis Investment Managers erwartet, dass bei einem Sieg von Trump die Sorgen wegen der Beziehungen zwischen den USA und China wieder in den Vordergrund treten. Sie sagt: „Wir sehen bereits, wie der chinesische Yuan in Erwartung eines steigenden US-Dollars schwächer wird.“

Aber selbst nach einem chaotischen Zwischenspiel dürften die Märkte wieder zur Tagesordnung übergehen. Letztlich beherrschten den Markt dieselben Themen wie vor der Wahl, sagt Saint-Georges von Carmignac: Es gehe darum, ein Gleichgewicht zu finden. Auf der einen Seite spielten Sorgen um das Wirtschaftswachstum und den Umgang mit dem Coronavirus eine wichtige Rolle.

Andererseits fallen staatliche Hilfspakete, die unerlässliche Unterstützung der Zentralbanken und die Hoffnung auf einen Impfstoff gegen Covid-19 im nächsten Jahr ins Gewicht. Alles zusammen sollte laut Saint-Georges weiterhin große Wachstumswerte unterstützen und die Risiken auf den Anleihemärkten begrenzen.

Ähnlich argumentiert Rick Lacaille vom US-Fondshaus State Street Global Advisors. Er rechnet in nächster Zeit noch mit „jeder Menge Kursschwankungen an den Aktienmärkten“. Gleichwohl dürfte dies die Anlagebedingungen in den kommenden zwölf Monaten nicht wirklich ändern, meint Lacaille. Diese würden vom Pandemieverlauf und den historisch einmaligen geld- und fiskalpolitischen Stützungsmaßnahmen geprägt.
Mitarbeit: A. Cünnen, A. Rezmer, J. Röder, F. Wiebe