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An der Parkhaus-Einfahrt aussteigen – Die neue S-Klasse sucht die Parklücke selbst

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Mercedes, Bosch und Europas größter Parkhausbetreiber Apcoa zeigen, wie Autos im Parkhaus am Stuttgarter Flughafen künftig ihre Lücke selbst finden.

Experten sind sich einig: Das Roboterauto wird kommen. Die Frage ist nur wie schnell. Im Parkhaus P6 am Stuttgarter Flughafen bewegt sich die neue Mercedes S-Klasse an diesem Montagmorgen zwar im Schneckentempo vorwärts – aber komplett ohne Fahrer.

„Wir schreiben Mobilitätsgeschichte“, frohlockt Frank van der Sant, Chief Commercial Officer des Parkhausbetreibers Apcoa. Ziel des Testbetriebs am Flughafen Stuttgart ist es, das reibungslose Zusammenspiel von Fahrzeug, Infrastrukturtechnik und Parkhausbetreiber zu erproben und optimal an den Kunden anzupassen.

Es klingt alles so einfach: Via App reserviert der Fahrer einen Parkplatz. Direkt hinter der Einfahrtschranke verlässt er in einer speziellen Zone sein Fahrzeug und übergibt es an das System. Dieses sucht dann einen Parkplatz für das Auto und parkt es vollautomatisch ein. Währenddessen kann der Reisende bereits zum Terminal laufen und einchecken. Bei der Rückkehr ruft er per App seinen Wagen, nachdem er gelandet ist. Keine Parkhaus-Rallye mehr – nur noch einsteigen.

Die neue S-Klasse ist das erste Serienfahrzeug, das das System mit dem sperrigen Namen „Automated Valet Parking“ (AVP) nutzen kann. Allerdings geht das nur, wenn der Kunde bereit ist, für den intelligenten Parkassistenten einen Aufpreis im „unteren vierstelligen Euro-Bereich“ zu zahlen , wie Martin Hart, Leiter Mercedes-Benz Entwicklung Assistenzsysteme und Aktive Sicherheit sagt. Das System soll künftig auch noch in weitere Modelle mit dem Stern eingebaut werden.

Die Partner verfügen über eine Sondergenehmigung des Regierungspräsidiums für das sogenannte SAE-Level 4 beim autonomen Fahren. Das Auto kann dabei unter bestimmten Bedingungen auf ausgesuchten Straßen, bei bestimmtem Wetter oder in Parkhäusern alle Verkehrssituationen selbstständig meistern. Ein Fahrer braucht nicht an Bord zu sein.

Kameras ersetzen Lidar-Scanner

Der Clou an dem Geisterparken ist, dass der Mercedes-Partner Bosch einen großen Teil der notwendigen Technik in der Infrastruktur verbaut hat. Die Informationen der Kameras machen es sogar möglich, dass die Autos eigenständig innerhalb des Parkhauses fahren können – auch auf engen Rampen, was den Wechsel zwischen verschiedenen Stockwerken möglich macht.

Die Fahrzeugtechnik setzt die Informationen der Infrastruktur selbstständig in Fahrmanöver um: Wenn die Kameras in der Infrastruktur beispielsweise ein überraschendes Hindernis erkennen, bremst das Fahrzeug blitzschnell in den sicheren Stillstand.

Allein 180 Kameras hat Bosch an der Parkhausdecke installiert. Dabei ersetzen die intelligenten Kameras die teuren Lidar-Scanner. Diese wurden noch bei einem vorangegangenen Pilotversuch im Juli 2019 im Parkhaus des Mercedes-Benz-Museums eingesetzt. Zudem benötigt das Flughafen-Parkhaus eine Cloud und einen lokalen Rechner samt Vernetzung.

„Wir können um die Ecke sehen“, sagt Bosch-Projektleiter Rolf Nicodemus. Die Schwaben verhandeln nach eigenen Angaben in diesem Bereich bereits mit weiteren Herstellern, darunter ist der US-Konzern Ford. Über System- und Entwicklungskosten schweigen sich die Schwaben aus.

Service kostet laut Experten 15 Euro extra

Auch Apcoa-Manager van der Sant hält dieses System für skalierbar. Selbst Mercedes-Manager Hart befürwortet ein auch für andere Hersteller offenes System, damit sich die neue Technologie in der Breite durchsetzen kann.

Die Voraussetzungen: Die eingesetzten Autos müssen über eine elektrische Lenkung, Automatikgetriebe sowie über ein redundantes Bremssystem verfügen. Zudem müssen die Plattformen des Autos, des Parkhauses und des Ausrüsters über eine gemeinsame Schnittstelle kommunizieren, damit das Fahrzeug selbstständig einen freien Parkplatz findet. Bewusst haben die Entwickler mit dem P6 ein vierzig Jahre altes Parkhaus ausgewählt, um die Leistungsfähigkeit des neuen Systems zu demonstrieren.

Der Preis für den Dienst steht noch nicht fest. Den Kunden wird der zeitsparende Service nach Schätzung von Branchenexperten rund 15 Euro extra kosten und damit auf dem Niveau manueller Parkdienste liegen. Bezahlt wird ohne Kassenautomaten durch Abbuchung direkt online. „Automated Valet Parking ist ein echter Komfort- und Zeitgewinn für unsere Passagiere. Das gilt ganz besonders, wenn sie in Eile sind und am Flughafen schnell ihr Auto loswerden wollen“, sagt der Stuttgarter Flughafenchef Walter Schoefer. Im P6 stehen während der nun startenden Testphase zunächst zwei Parkplätze für selbstparkende Fahrzeuge bereit. Mit dem Start des künftig geplanten fahrerlosen Serienbetriebs und steigender Nachfrage sollen weitere Parkplätze dazukommen.

Damit das „Automated Valet Parking“ über das Pilotprojekt hinaus im Alltag Anwendung finden kann, braucht es aber noch eine Behördengenehmigung. Eine Bosch-Sprecherin nannte auf Anfrage keinen Zeitpunkt, bis wann damit zu rechnen sei.

Mit dem System passen mehr Autos auf weniger Parkraum, da kein Fahrer mehr aus- und einsteigen können muss. Einziger aktueller Wermutstropfen: Aufgrund der Corona-Pandemie sind die Parkhäuser derzeit leer und die Parkplatzsuche ist ohnehin kein Problem. Tendenziell wirkt diese Situation nicht gerade förderlich für die Einführung der neuen Technik.

Die Euphorie um Roboterautos, die künftig fahrerlos durch die Straßen fahren, hat sich in letzter Zeit wegen der hohen Kosten für die komplexe Technologie spürbar abgekühlt. Versuche wie jetzt in Stuttgart gelten aber als ein weiterer Schritt nach vorn. Auch bei Nutzfahrzeugen gibt es vielversprechende Systeme wie zum Beispiel das automatische Ankuppeln von Anhängern.