Deutsche Märkte geschlossen

AUSBLICK 2020: Anleger müssen sich nach Dax-Sause auf Achterbahnfahrt einstellen

FRANKFURT (dpa-AFX) - Nach dem starken Lauf an Europas Aktienmärkten im Jahr 2019 ist die Luft auch für den deutschen Leitindex Dax dünner geworden. Eine Talfahrt wie 2018 im Sog eskalierender Spannungen zwischen den USA und China halten Experten aber für unwahrscheinlich - trotz zahlreicher Konjunkturrisiken etwa durch den nach wie vor ungelösten Handelskrieg zwischen den USA und China sowie den Brexit. Die Mehrheit sieht sogar abnehmende Rezessionsrisiken. Zudem dürften die Notenbanken im Zweifel mit Billiggeld parat stehen, um der Wirtschaft zu helfen. Im Jahresverlauf könnten aber Wolken über den Börsen auftauchen. Ein großer Unsicherheitsfaktor ist etwa die US-Präsidentschaftswahl.

Für den Dax <DE0008469008> prognostizieren Analysten erst einmal neue Höchststände. Mitte Dezember 2019 hatte sich der Leitindex bereits bis auf weniger als 200 Punkte an sein Rekordhoch von 13 596 Zählern aus dem Januar 2018 herangepirscht, bevor ihn im ruhigen vorweihnachtlichen Handel ein wenig die Kraft verließ. Den Rücksetzer nennt Analyst Martin Utschneider von der Privatbank Donner & Reuschel eine "gesunde kurzfristige Konsolidierung". Aus charttechnischer Sicht "bleibt der Aufwärtsmodus, der sich seit Oktober etabliert hat, davon unberührt", sagte er.

Experte Milan Cutkovic von Axitrader spricht ebenfalls von einem "langfristig intakten Aufwärtstrend" und sieht im Falle eines Rückschlages im Bereich zwischen 12 786 und 12 883 Punkten eine wichtige Unterstützung. Solange der Dax nicht durch diesen Bereich durchsackt, bleibt der positive Trend also bestehen.

Dennoch rechnen Experten im Vergleich zum Bullenjahr 2019 mit seinem satten Plus von mehr als 25 Prozent für 2020 unter dem Strich mit eher mageren Gewinnen. Ein Kursplus im zweistelligen Prozentbereich hat kaum einer auf dem Schirm. Wegen der vielen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten weltweit könnte es zudem turbulent zugehen. Auf eine gute erste Jahreshälfte könnte eine schwächere zweite folgen, glaubt etwa Marktstratege Mislav Matejka von der Bank JPMorgan.

Die Hauptrisiken des alten Jahres, der internationale Zollkonflikt und der Brexit, bestehen schließlich fort. Der Teilerfolg im US-chinesischen Handelsstreit und der klare Sieg der Konservativen bei der britischen Parlamentswahl haben die Sorgen zwar gemildert. Die anstehenden weiteren Verhandlungen dürften aber kompliziert und zäh werden.

So bleibt der langfristige Kampf um die globale Vormachtstellung zwischen den USA und China bestehen, wie Stratege Talib Sheikh vom Vermögensverwalter Jupiter Asset Management betont. Zudem geht der britische Premierminister Boris Johnson mit Blick auf den Brexit ins Risiko. Er schließt einen No-Deal-Austritt am 31. Januar 2020 nicht aus. Und er will offenbar eine Verlängerung der Übergangsphase nach dem Brexit, in der bis Ende 2020 zunächst so gut wie alles beim Alten bleibt, gesetzlich ausschließen.

Weitere geopolitische Unwägbarkeiten stehen 2020 mit dem US-Präsidentschaftswahlkampf an, der laut JPMorgan Konsumenten, aber auch Unternehmen und Investoren in der weltgrößten Volkswirtschaft in die Passivität zwingen könnte. Ganz nach dem Motto: erst einmal abwarten, wer das Rennen im November macht.

In Deutschland werden vorgezogene Bundestagswahlen nicht ausgeschlossen, während in Italien zwar nur Regionalwahlen anstehen, dafür aber gleich acht. Außerdem gilt die europafreundliche Koalition in Rom als fragil. Neue Parlamentswahlen werden daher auch in der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone von Marktexperten als potenzielle Gefahr gesehen.

Trotz der zahlreichen Risiken erwarten Volkswirte übereinstimmend eine Aufhellung der wirtschaftlichen Aussichten für die meisten Industrieländer. Und sollten sich die Perspektiven doch eintrüben, dürften die Notenbanken aktiv werden. So hält es der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel, für möglich, dass die US-Notenbank Fed der Wirtschaft 2020 mit Leitzinssenkungen unter die Arme greifen muss.

Gleichzeitig hält die Europäische Zentralbank (EZB) an ihrer extrem lockeren Geldpolitik fest. Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat außerdem schon klar gemacht, dass sie von den Regierungen fiskalpolitische Unterstützung erwarte, um die Wirtschaft der Eurozone zu stimulieren. Für Aktieninvestments sind dies trotz aller Risiken in Summe positive Voraussetzungen.

Die Deutsche Bank sieht den Dax per Ende des Jahres 2020 bei rund 14 000 Punkten, was aktuell ein Plus im mittleren einstelligen Prozentbereich bedeutet. Rückenwind sieht ihr Chef-Anlagestratege Ulrich Stephan durch die historisch niedrigen Kapitalmarktzinsen. Diese seien "kein Phänomen, das Anleger aussitzen können", sagte er. Statt Jahr für Jahr reale Kapitalverluste mit Giro- oder Tagesgeldkonten in Kauf zu nehmen, sollten Anleger auch Wertpapiere in Betracht ziehen - vor allem Aktien.

Die Commerzbank ist etwas vorsichtiger und prognostiziert 13 700 Dax-Punkte für das Jahresende, wobei Stratege Andreas Hürkamp den Index zwischen 11 800 und 14 400 Punkten schwanken sieht. Der EuroStoxx 50 <EU0009658145>, der 2019 ähnlich stark wie der Dax zugelegt hat, wird von der Deutschen Bank bei 3770 Punkten und von der Commerzbank bei 3800 Punkten gesehen. Damit hätte der Leitindex der Eurozone so gut wie keine Luft mehr nach oben.

Anlagestratege Christian Kahler von der DZ Bank ist noch skeptischer für die europäischen Börsen gestimmt. Er spricht 2020 sogar von einem "Murmeltiermarkt" für den Dax, den er auf Jahressicht letztlich seitwärts laufen sieht. Zum Jahresende prognostiziert er für den Dax 13 200 Punkte, nach einem Rückschlag bis auf 13 000 um die Jahresmitte herum. Für den EuroStoxx 50 rechnet er mit 3700 Punkten. Die Risiken für die Weltwirtschaft blieben hoch, woran auch die ultra-expansive Geldpolitik der EZB nichts ändern werde.

Deutschland mit seiner starken Exportausrichtung sei vom Zollstreit besonders betroffen und werde der weltweiten Wirtschaftsentwicklung erneut hinterherhinken. Ein Einstieg ist laut Kahler daher aktuell nicht ratsam. Im übrigen Europa indes, wo die Unternehmensgewinne solider als im zyklischen Dax wüchsen, könnten bereits investierte Anleger 2020 dagegen zumindest attraktive "Stillhalteprämien" in Form von Dividenden einstreichen.

Ins selbe Horn bläst die Societe Generale: "Das Chance/Risiko-Profil an den europäischen Aktienmärkten ist inzwischen asymmetrisch mit nur begrenztem Aufwärtspotenzial 2020." Der Dax sei wegen seiner zahlreichen exportorientierten und zyklischen Unternehmen schwankungsanfälliger als andere europäische Indizes. Den Pariser Cac 40 <FR0003500008> halten sie zugleich für den ausgewogensten und am stärksten diversifizierten Index./ck/mis/ag/tav/fba/jha/

--- Von Claudia Müller, dpa-AFX ---