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Aufsicht schaltet sich in Führungsstreit bei José-Carreras-Stiftung ein

Neun Jahre unterstützte Gabriele Kröner die Stiftungsarbeit des Opernstars, dann musste sie gehen. Nun zweifelt die Aufsicht an der Rechtmäßigkeit ihrer Abberufung.

Gabriele Kröner feierte Anfang April Firmenjubiläum, aber Grund zur Freude hatte sie nicht. Seit neun Jahren arbeitet sie als geschäftsführende Vorständin der José-Carreras-Stiftung in Deutschland. Doch Kröner darf das Büro der Organisation seit Monaten nicht betreten, Kontakt zur Stiftung gibt es nur noch über Anwälte.

Die Medizinerin wurde im Oktober von ihrem Posten abberufen, will das aber nicht akzeptieren und geht juristisch dagegen vor. Nun schöpft Kröner Hoffnung, weil die Stiftungsaufsicht der Regierung von Oberbayern „neue Zweifel im Hinblick auf die formelle Rechtmäßigkeit“ der Abberufung angemeldet hat.

Die Behörde hatte zunächst die Auffassung vertreten, Kröners Rausschmiss sei rechtmäßig erfolgt. Doch nun komme „eine Rücknahme und Neuausstellung“ der entsprechenden Urkunde in Betracht, heißt es in einem Schreiben an die Anwälte der Carreras-Stiftung. Sie müssen bis Anfang Mai Stellung zu den Bedenken der Aufsicht nehmen.

Korrigiert die Behörde die Urkunde, wäre Kröner wieder Geschäftsführerin. Nur wenn das Landgericht München, wo gleichzeitig eine Klage der geschassten Stiftungschefin anhängig ist, die Abberufung später als rechtmäßig bestätigt, müsste Kröner ihr Büro erneut räumen.

Ihre Anwälte argumentieren in der Klage, dass es keinen „wichtigen Grund“ für den Beschluss gegeben habe, obwohl er laut Satzung unabdingbar sei. Der Rausschmiss solle deshalb für unwirksam erklärt werden.

Die Stiftungsanwälte hatten Kröner zunächst vorgeworfen, eine private Handyrechnung als Spesen abgerechnet zu haben. Dieser Vorwurf findet in der Klageerwiderung von Mitte März keine Erwähnung mehr. Kröners Arbeitgeber nennt darin als Grund für die Trennung lediglich einen „massiven und nachhaltigen Vertrauensverlust“.

Kröner fühlt sich bestätigt. Sie wirft der Stiftung vor, die Handyrechnung vorgeschoben zu haben, um sie loszuwerden. Sie habe sich geweigert, den Betrieb eines spanischen Instituts mit deutschen Spendengeldern zu finanzieren und sei deshalb in Ungnade gefallen, sagt Kröner. E-Mails zeigen, dass es entsprechende Anfragen vom Stiftungsableger in Barcelona gab.

Die Stiftung will sich nicht zu den Gründen für die Trennung äußern. Ein Sprecher bezeichnet den Vorwurf der Medizinerin als „absolut haltlos“. Er verweist auf eine freiwillige Wirtschaftsprüfung, der sich die Stiftung jedes Jahr unterziehe: „Das Zertifikat wurde bislang ohne Einschränkung erteilt.“ Kröner wolle lediglich das „Ansehen der Stiftung in Misskredit bringen.“

Wiedersehen vor Gericht

Stiftungsgründer Carreras sang als einer der „Drei Tenöre“ an der Seite von Luciano Pavarotti und Plácido Domingo, dann erkrankte er Leukämie. Er besiegte den Krebs und gründete 1988 die Stiftung in Barcelona, die seither die Leukämieforschung unterstützt. 1995 folgte der deutsche Ableger. Kröner übernahm die Geschäftsführung 2011, sammelte seitdem nach eigenen Angaben 100 Millionen Euro Spendengelder ein.

Im Juni 2018 bekam sie eine Mail von Antoni Garcia Prat, Geschäftsführer der spanischen Stiftung. Kröner sollte prüfen, wie sie ein neues Institut in Barcelona finanziell unterstützen könnte, ohne dass die Spanier das Geld projektbezogen einsetzen müssen. Prat wollte die Gelder für laufende Kosten und neue Ausstattung ausgeben. Die Medizinerin sollte „Wege finden“, die über den „bereits bestehenden Mechanismus“ für deutsch-spanische Forschungskooperationen hinausgehen.

Anfang September, einen Monat vor der Eröffnung, wurde Prat ungeduldig: Er wolle wissen, wo sie in Bezug auf den „Transfer von Mitteln an das Institut stehen“, schrieb er. Kröner gab zwei Gutachten in Auftrag. Beide warnten davor, den Betrieb des Instituts mit deutschen Geldern zu finanzieren. Ein solcher Schritt könne „weitreichende Konsequenzen“ haben: vom Entzug der Gemeinnützigkeit bis zu einer persönlichen Haftung. Für Kröner war das Thema damit durch.

Im Oktober 2019 reisten Prat und ein weiterer Carreras-Vertrauter nach München, um Kröner mitzuteilen, dass sie mit sofortiger Wirkung suspendiert sei. Zwei Wochen später folgte die Abberufung aus dem Vorstand.

Warum stimmten die 14 Mitglieder des Vereins, die Kröner noch im Juli einstimmig für eine weitere Amtszeit wiedergewählt hatten, drei Monate später der Trennung zu? Offiziell äußern will sich keiner. Kröner vermutet, die Mitglieder wollten Carreras nicht verärgern.

Ihre Ausdauer vor Gericht hat Kröner schon bewiesen. Sie ist die Stieftochter von Fresenius-Firmenerbin Else Kröner und war die zentrale Figur in einem Streit um die nach ihrer Stiefmutter benannten Stiftung. Kröners Gegenspieler hieß Dieter Schenk, damals Fresenius-Aufsichtsrat und Partner bei der Kanzlei Noerr LLP.

Vier Jahre stritten sie vor Gericht, ehe Ruhe einkehrte. Nun gibt es ein Wiedersehen, wenngleich ohne Schenk: Die Carreras-Stiftung lässt sich im Streit mit Kröner von Noerr LLP vertreten.