Deutsche Märkte öffnen in 5 Stunden 3 Minuten
  • Nikkei 225

    30.156,48
    +484,78 (+1,63%)
     
  • Dow Jones 30

    31.961,86
    +424,51 (+1,35%)
     
  • BTC-EUR

    41.729,66
    +493,02 (+1,20%)
     
  • CMC Crypto 200

    1.013,84
    -1,08 (-0,11%)
     
  • Nasdaq Compositive

    13.597,97
    +132,77 (+0,99%)
     
  • S&P 500

    3.925,43
    +44,06 (+1,14%)
     

Aufschwung dank Lockdown

Haerder, Max
·Lesedauer: 3 Min.

Richtig gelesen: Wenn die Infektionszahlen noch ein paar Wochen spürbar nach unten gedrückt werden können, müssen die Öffnungen hoffentlich nie wieder zurückgedreht werden – sofern diese kostbare Zeit genutzt wird.

Lockdown in Deutschland. Foto: dpa
Lockdown in Deutschland. Foto: dpa

Fast immer, wenn verantwortliche Politiker sich gerade für die Fehler, Härten und Probleme der Coronapolitik verteidigen wollen, reagieren sie ähnlich: sie verweisen auf das Ausland. Ob Deutschland im Vergleich nicht doch eigentlich ganz gut dastünde? Ob man sich mal die Zahlen anderer Länder zu Gemüte geführt habe?

Was bei diesen Repliken vergessen oder absichtlich ausgeblendet wird: Die Bundesrepublik hat im Laufe der Pandemie mehrfach Glück gehabt – wenn so ein Begriff wie Glück im Angesicht der Verheerungen überall überhaupt ein angemessenes Wort ist.

Bereits die Bilder aus den Krankenhäusern von Bergamo versetzten die Deutschen im Frühjahr 2020 in eine Art vorauseilenden Lockdown. Als sich im Spätsommer dann in vielen Nachbarländern die zweite Rolle aufbaute, sah es hierzulande auch noch lange recht ruhig aus. Und selbst die fürchterlichen Dynamiken der Virusmutationen können bislang vor allem im Ausland besichtigt werden: In Portugal, wo gerade die Bundeswehr aushilft; in Irland, wo nach Weihnachten die Fallzahlen quasi senkrecht nach oben stiegen; in Großbritannien sowieso – zuletzt trauriger Spitzenreiter bei Corona-Todesfällen.

Dreimal schon sprang das Schicksal mit den Bundesbürgern gütiger um als mit anderen. Es wäre fahrlässig, wenn Bundesregierung und Ministerpräsidenten diese Fügung verspielen, diese Erkenntnis beiseite wischen würden. Nach allem, was wir wissen, besteht offenbar jetzt noch die Chance zu verhindern, dass eine der bekannten Virusmutationen die Bundesrepublik in vergleichbarem Ausmaß erfasst und umwirft. Man möge sich deshalb nur kurz deutsche Infektionszahlen im hohen fünfstelligen Bereich vor Augen führen (mit allen Folgen für Intensivstationen und Todesfälle) – wäre dann ein Lockdown selbst bis weit in dem März hinein nicht die einzig erträgliche Aussicht?

Selbstverständlich gibt es für keines dieser Szenarien Gewissheit. Umso mehr gilt das Gebot der Vorsicht. So sehr sich – vor allen anderen – Schüler und Eltern, all die betroffenen Selbstständigen und verzweifelten Unternehmer samt ihrer Angestellten einen schnellen Einstieg in den Ausstieg aus dem Lockdown sehnlichst herbeiwünschen: käme er zu früh und müsste dann im April oder Mai wieder zugemacht werden, wäre das noch schlimmer. Für gesundheitlich Gefährdete. Für die Wirtschaft. Schreiben wir also die nächsten Wochen ab.

Mit der Entscheidung, diesen Weg weiter zu gehen,, haben sich die sechzehn Länderchefs und die Kanzlerin ein weiteres Mal Zeit gekauft. Vielleicht zum letzten Mal. Das müsste allen bewusst sein, weshalb dieser Puffer nicht fahrlässig verspielt werden dürfte.

Was das bedeutet? Die Coronahilfen müssen endlich so schnell und umfangreich fließen, dass die geschlossene Wirtschaft diese Wochen auch noch überlebt. Schulen und Kitas müssen spätestens im März mit Schnelltests, Masken und allem erdenklich Nötigen ausreichend bestückt sein, damit die „Bildungsrepublik“ (Angela Merkel) sich selbst wieder in die Augen schauen kann.

Und dann wäre da noch die bislang so beschämend angelaufene Impfkampagne. Sie muss – von der Produktionsförderung über Logistik, Kommunikation bis zur die letzte Meile – endlich als das begriffen werden, was sie ist: die einzige Zukunftsmission, die zählt, weil es ohne ihren Erfolg gar keine unbeschwerte Zukunft geben kann.

Jahrhundertaufgabe. Kraftanstrengung. Die tiefste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Politik hat den Rhetorikregler zuletzt selbst nie runter, sondern immer nur heraufgedreht. Viele Gelegenheiten, ihren Worten die Taten folgen zu lassen, die sie dringlichst verdienen, werden nicht mehr kommen.

Mehr zum Thema: Ökonomen spekulieren nach Corona auf eine Renaissance der Goldenen Zwanziger. Doch die Erfahrungen mit der Spanischen Grippe lassen eine Scheinblüte erwarten.