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Ehemaliger Audi-Chefentwickler will von Manipulationen nichts gewusst haben

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Am zweiten Tag des Prozesses um manipulierte Dieselmotoren sind nun die Verteidiger am Zug. Die Angeklagten weisen die Schuld von sich.

Der ehemalige Audi-Entwicklungschef will von den Manipulationen nichts gewusst haben. Foto: dpa
Der ehemalige Audi-Entwicklungschef will von den Manipulationen nichts gewusst haben. Foto: dpa

Der ehemalige Audi-Chef-Motorenentwickler Wolfgang Hatz hat nach Angaben seines Verteidigers nichts von der illegalen Schummel-Software bei Dieselantrieben im VW-Konzern gewusst. „Herr Hatz wurde zu keinem Zeitpunkt über die Manipulationen informiert“, sagte sein Verteidiger Gerson Trüg am Dienstag im Prozess vor dem Landgericht München. Er habe die Manipulation nicht gebilligt – und hätte sie auch nie geduldet.

Trüg sagte, die vermeintlichen Beweise für eine Beteiligung von Hatz seien dünn. Die Staatsanwaltschaft berufe sich nur auf – nicht einmal zeitlich genau bestimmbare – Telefonate mit dem für die Abgasnachbehandlung zuständigen Ingenieur Giovanni Pamio, in denen Hatz die Software abgenickt habe.

Der ebenfalls angeklagte ehemalige Vorstandschef Rupert Stadler wird im Prozess zunächst nicht aussagen. Stadler werde von seinem Recht Gebrauch machen, sich nicht zur Sache zu äußern, kündigte sein Verteidiger Thilo Pfordte am Dienstag.

Es sei unlogisch und unfair, dass der 57-Jährige zusammen mit drei an der Entwicklung der manipulierten Dieselmotoren beteiligten Ingenieuren auf der Anklagebank sitze, nicht aber mit anderen Audi-Vorständen und Führungskräften, gegen die getrennt verhandelt werde. Diese könnten deswegen möglicherweise nicht als Zeugen zugunsten von Stadler aussagen.

Die Anwälte forderten darüber, die Hauptverhandlung gegen ihren Mandaten auszusetzen und das Verfahren von denjenigen gegen die drei anderen Beschuldigten abzutrennen. Dabei übte Verteidiger Pfordte massive Kritik an der Staatsanwaltschaft. Deren bisherige Verfahrensführung sei „grob unfair“, sagte er. Die ganze Anklage befinde sich in „Schieflage“.

Der größte Teil der Anklage beziehe sich auf die drei anderen Beschuldigten, sagte Pfordte. Die Vorwürfe gegen Stadler seien erst auf den letzten Seiten angehängt. Zudem befürchtet der Verteidiger, dass die aktuelle Konstellation es Stadler sehr schwer machen werde, sich zu verteidigen. Beschuldigte in anderen Verfahren würden sich auf ihr Aussageverweigerungsrecht berufen, sagte Pfordte. So argumentiert er, dass Stadler nicht als Privatperson sondern als Vorstandsmitglied angeklagt sei, wie auch ein anderer Vorstand. Dessen Verfahren soll nach dem aktuellen Plan aber erst nach dem gegen Stadler und die drei anderen Angeklagten laufen.

Zuvor hatte der Ingenieur Giovanni Pamio ebenfalls die Verantwortung für Manipulationen von sich gewiesen. Nicht Pamio gehöre auf die Anklagebank, sondern das Unternehmen, sagte sein Verteidiger Walter Lechner. „Kein Ingenieur entscheidet darüber auf eigene Faust. Das war eine strategische Entscheidung.“

Die Probleme, die Abgaswerte der „Clean Diesel“-Motoren ohne einen unerwünschten hohen Verbrauch des Harnstoff-Zusatzes „AdBlue“ unter Kontrolle zu halten, seien allen bei Audi bekannt gewesen – bis hin zur Konzernspitze. Der heute 63-jährige Pamio war für die Abgasnachbehandlung verantwortlich und stand vier Hierarchiestufen unter dem Vorstand. Er gilt als möglicher Kronzeuge der Staatsanwaltschaft. Sein Anwalt kündigte an, der Italiener werde umfassend aussagen.

„Die Frage ist: Wer wusste nicht Bescheid?“ fragte Anwalt Lechner. Pamio sei immer transparent mit den Problemen umgegangen, die Audi letztlich mit einer Software zu lösen versuchte, die die Abgaswerte auf dem Prüfstand manipulierte. Die US-Umweltbehörden hatten das erst im September 2015 entdeckt. Dem früheren Konzernchef Stadler wirft die Staatsanwaltschaft vor allem vor, den Verkauf in Europa nicht sofort gestoppt zu haben.

Dass die Audi-Spitze versucht habe, die Manipulationen als Werk einzelner Ingenieure darzustellen, sei nicht glaubhaft. Die Ingolstädter VW-Tochter sei streng hierarchisch organisiert. „Herr Pamio hat nie etwas verheimlicht oder vertuscht“, betonte sein Verteidiger. Er habe einen wirklich sauberen Dieselmotor entwickeln wollen.

Dass Pamio – wie es in der Anklage heißt – von seinen Mitarbeitern „intelligente Lösungen“ gefordert habe, sei nie als Aufforderung zum Schummeln zu verstehen gewesen. Lechner warf der Audi-Spitze und der intern mit der Aufklärung betrauten Anwaltskanzlei Jones Day vor, die Aufdeckung behindert zu haben.

Der Verteidiger von Pamios Mitarbeiter Henning L. beschrieb den Einsatz der Software, die den Stickstoff-Ausstoß auf dem Prüfstand künstlich gering hielt, als „Folge einer schleichenden Entwicklung“. „Es gab bei Audi keine Entscheidung, die Schummelsoftware einzusetzen“, sagte Maximilian Müller. Man habe 2007 erkannt, dass die Vorgaben nicht anders einzuhalten seien als durch eine Täuschung der Behörden.

L. ist der einzige der vier Angeklagten, der noch für Audi arbeitet – wegen des Prozesses in Teilzeit. Er hatte auch vor den US-Strafverfolgern ausgesagt, ohne dort angeklagt zu werden. Als einziger der vier Angeklagten in München saß er nicht in Untersuchungshaft.

Richter-Autos sorgen für Spannung

Die Anklage legt allen vier Ex-Audi-Managern Betrug zur Last. Hatz, von 2001 bis 2009 Leiter der Motorenentwicklung bei Audi, soll zusammen mit den beiden Ingenieuren bei den Abgaswerten ab 2008 getrickst haben. Mit Hilfe illegaler Software sollen die Fahrzeuge die Grenzwerte auf dem Prüfstand eingehalten, auf der Straße aber überschritten haben. Stadler soll zwar erst 2015 von Manipulationen erfahren, aber den Verkauf in Europa nicht gestoppt haben.

Laut Anklage soll Hatz alle Manipulationen abgesegnet haben, um den Start der „Clean-Diesel“-Kampagne in den USA nicht zu gefährden. Hatz weist die Vorwürfe der Anklage jedoch zurück. Stadler sieht sich von den Audi-Motorexperten hinters Licht geführt, die ihm versichert hätten, der Sechszylinder sei sauber.

Mit Spannung wird auch die Auskunft der Wirtschaftsstrafkammer zu den Autos der Richter erwartet. Die Verteidiger von Stadler und Hatz wollen von den Richtern und Schöffen wissen, ob sie Dieselautos aus dem VW-Konzern gefahren haben und damit als Betroffene vielleicht befangen sein könnten.

Im Prozess, der mehr als zwei Jahre dauern soll, sitzen für den Fall von Ausfällen Ersatzrichter und -Schöffen neben der Kammer auf der Richterbank.

Die Kammer plant, nach den Erklärungen der Verteidiger am Nachmittag mit der Anhörung der Angeklagten zu beginnen. In der Reihenfolge der Anklage würde der Ingenieur Pamio den Anfang machen. Seine Verteidiger haben angekündigt, dass er sich umfassend zur Sache äußern wird. Seine Einlassung zur Sache dürfte am Mittwoch fortgesetzt werden.

Die Kammer plant, nach den Erklärungen der Verteidiger am Nachmittag mit der Anhörung der Angeklagten zu beginnen. Foto: dpa
Die Kammer plant, nach den Erklärungen der Verteidiger am Nachmittag mit der Anhörung der Angeklagten zu beginnen. Foto: dpa