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Das Atlanta-Experiment: US-Staat Georgia hebt Corona-Beschränkungen weitgehend auf

Selbst US-Präsident Trump hält den Kurs von Georgias Gouverneur für verfrüht. Brian Kemp setzt auf die Eigenverantwortung der Bürger.

Das Grenzschild von Georgia ist gerade erst im Rückspiegel verschwunden, da lockt schon die Versuchung. Vom „Los Arcos Mexican Grill“ im Örtchen Dillard leuchtet eine Neonschrift zum Highway herüber: „Open“.

Inhaber Jose Munoz grüßt mit tiefer, herzlicher Stimme, „willkommen, such Dir einfach einen Tisch aus!“ Das fällt leicht, alle Plätze sind frei. 20 Minuten später ist das kleine Glück perfekt: Ein riesiger Becher, zur Hälfte mit Cola gefüllt, zur Hälfte mit Eiswürfeln. Daneben ein Korb voller Nachos und ein Teller mit knusprig gebratenem Fischfilet. Dazu Reis, Bohnen, Avocadosalat, Limonenscheiben. Der Parkplatz vor dem Fenster flimmert in der Südstaatensonne. Corona? War das nicht diese mexikanische Biermarke?

Seit dieser Woche dürfen im US-Bundestaat Georgia die Restaurants wieder Gäste bewirten. Die Friseure dürfen wieder Haare schneiden. Auch Geschäfte, Fitness-, Tattoo- und Nagelstudios können wieder öffnen, ja sogar Massagepraxen und Bowlingbahnen.

Ganz offiziell ist seit Donnerstag auch die Corona-bedingte Ausgangsbeschränkung aufgehoben, die Georgia wie die meisten US-Bundessstaaten erlassen hatte. Ein paar Regeln gelten weiterhin: Schulen bleiben zu, Massenveranstaltungen sind verboten – und Jose Munoz trägt die für Kellner vorgeschriebene Schutzmaske. Die zwei Teenagern, die wenig später zum Mittagessen eintreffen, platziert er drei Tische entfernt.

Brian Kemp, der republikanische Gouverneur von Georgia, wagt ein riskantes Experiment mit der eigenen Bevölkerung. So ehrgeizig wie wohl kein anderer Regierungschef der westlichen Welt macht er sich daran, die Wirtschaft seines Bundesstaats wieder zu öffnen.

Selbst Donald Trump, dem es beim Überwinden der Corona-Folgen für die Wirtschaft normalerweise nicht schnell genug gehen kann, hält den Kurs seines Parteifreunds für gefährlich. „Ich habe dem Gouverneur gesagt, dass ich überhaupt nicht einverstanden bin mit seiner Entscheidung“, sagte der US-Präsident vor laufenden Kameras, „es ist einfach zu früh“.

Klare Bedingungen aus dem Weißen Haus

Tatsächlich schreitet der Gouverneur deutlich schneller voran, als es der dreistufige Ausstiegsplan des Weißen Hauses vorgibt. Der empfiehlt den Bundesstaaten: Erst nachdem die Corona-Neuinfektionen und Todesfälle 14 Tage lang kontinuierlich gesunken sind und eine Reihe anderer Bedingungen eingehalten werden, sollte es erste Lockerungen geben.

In Georgia sinken die Fallzahlen laut der Statistik der Gesundheitsbehörde der Gesundheitsbehörde erst seit dem 19. April, bereits fünf Tage später endeten die ersten Beschränkungen. Eine weitere Bedingung des Weißen Hauses: Genug Kapazitäten, um alle Corona-Verdachtsfälle zu überprüfen. Ob Georgia diese Bedingung erfüllt ist zumindest umstritten.

Neben Georgia lockern derzeit auch eine Reihe weiterer, meist dünn besiedelter und republikanisch regierter US-Bundesstaaten ihre Corona-Beschränkungen. In Alaska dürfen die Restaurants wieder öffnen, in Oklahoma die Friseure. Aber niemand hebt so viele Bestimmungen gleichzeitig und so weitgehend auf wie Kemp.

Und zu Georgia gehören nicht nur die riesigen Wälder, von denen auch das Städtchen Dillard umgeben ist. Im Bundestaat liegt auch der Ballungsraum Atlanta. Über die Hälfte der knapp elf Millionen Einwohner von Georgia lebt hier. Und es gilt die Regel: Je höher die Bevölkerungsdichte, desto leichter kann sich das Virus ausbreiten.

Am Freitag verzeichnete Georgia laut den Zahlen seiner eigenen  Gesundheitsbehörde 1159 Corona-Tote und rund 27.347 registrierte Fälle. Zum Vergleich: In Deutschland mit seinen 83 Millionen Einwohnern hat das Robert-Koch-Institut (RKI) Stand Freitag rund 161.000 Corona-Infektionen und 6500 Todesfälle registriert. Pro Kopf der Bevölkerung hat Georgia also mehr Corona-Tote als die Bundesrepublik.

Die Zahl der Neuinfektionen sinkt laut RKI in Deutschland bereits seit dem 10. April. Und trotzdem haben Bund und Länder am Donnerstag die Öffnung von Restaurants erst einmal vertagt: Frühestens am 6. Mai wollen die Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel darüber entscheiden. Für Fitnessstudios gibt es noch nicht einmal einen solchen Beratungstermin. Friseure dürfen am 4. Mai wieder aufmachen, eine Woche später als in Georgia.

„Das beunruhigt und verängstigt mich.“

Entweder ist Deutschland also übervorsichtig oder Gouverneur Kemp extrem leichtsinnig. Die meisten Gesundheitsexperten sind sich einig: Letzteres ist der Fall. Ihnen zufolge riskiert Kemp mit seinem Öffnungskurs ein Wiederaufflammen der Seuche mit hunderten zusätzlichen Toten.

„Viele Bürger erhalten durch die Botschaft des Gouverneurs den falschen Eindruck, dass es jetzt sicherer sei das Haus zu verlassen als vor einem Monat“, sagt Harry Heiman, Professor für Gesundheitswissenschaften an der Georgia State University. „Das beunruhigt und verängstigt mich.“

Dabei ist Gouverneur Kemp niemand, der die Ansteckungsgefahr des Corona-Virus leugnet oder herunterspielt, auch kein Dampfplauderer wie sein Präsident. In Interviews wägt Kemp die Einschränkungen der Freiheitsrechte und die wirtschaftlichen Verheerungen des Lockdown gegen die Risiken des Virus ab und macht deutlich: Erfolg oder Misserfolg seines Öffnungskurses hängen davon ab, ob die Bürger von Georgia ihrer Eigenverantwortung gerecht werden.

Ob sie all die strengen Hygieneregeln befolgen, die erforderlich sind, um Restaurants, Friseursalons oder Fitnessstudios in Coronazeiten ohne allzu große Ansteckungsgefahr zu betreiben. „Die Bürger vorn Georgia sind klug“, sagt Kemp. „Sie sind unternehmerisch und innovativ und viele von ihnen haben Wege gefunden, um mit der Situation auf sichere Weise umzugehen.“ Ihm gehe es vor allem darum, den Menschen ihre Wahlfreiheit zurückzugeben.

Letztlich geht es beim großen Georgia-Experiment also um eine Frage des Menschenbildes: Können individuelles Verantwortungsbewusstsein und Bürgersinn beim Kampf gegen Corona Ähnliches bewirken wie staatlicher Zwang? Die Erfahrung in anderen Staaten stimmt da eher skeptisch. In Schweden, wo die Regierung ebenfalls auf Eigenverantwortung statt Vorschriften setzt, liegt die Zahl der Corona-Toten pro Kopf der Bevölkerung deutlich höher als in den skandinavischen Nachbarländern.

Allerdings hat Schweden im Unterschied zu Georgia auch keinen wochenlangen Lockdown hinter sich, der die Zahl der Infektionen erst einmal gesenkt hat und den Bürgern die Gelegenheit gegeben hat, sich an das Leben mit verschärften Hygieneregeln zu gewöhnen.

Take-outs in den meisten Restaurants

Im „Los Arcos“ im Städtchen Dillard ist sich Jose Munoz selbst nicht sicher, was er vom Vorpreschen seines Gouverneurs halten soll. „Vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, noch ein paar Wochen abzuwarten mit den Restaurants“, sagt er hinter seiner Schutzmaske.

Andererseits musste er selbst nicht lange überlegen, ob er sein Restaurant wieder öffnet: „Wir haben in den vergangenen Wochen zwar Take-Away-Essen angeboten, aber den zusätzlichen Umsatz können wir gut gebrauchen“. Da er als Inhaber selbst die Gäste bedient, gefährdet er auch keine Angestellten. Ob sich denn viele Gäste ins Lokal trauen würden? „Das ist noch zu früh zu sagen“, er habe heute den ersten Tag wieder geöffnet.

Der Wirt eines anderen mexikanischen Restaurants einige Meter weiter den Highway hinauf hat sich anders entschieden: Hier gibt es weiterhin nur Essen zum Mitnehmen, ein Kellner nimmt auf dem Parkplatz die Bestellungen auf und reicht das Essen in Plastiktüten und Styroporschalen zur Tür hinaus. So ist es seit Mitte März das gewohnte Bild in den USA.

Auch in Georgia scheint ein großer Teil der Unternehmen die Wahlfreiheit, die Gouverneur Kemp ihnen gewährt, für eine eindeutige Entscheidung zu nutzen: Sie lassen ihre Türen für Kunden geschlossen. In Großstädten wie Atlanta oder Athens tragen dazu auch entsprechende Aufrufe der Bürgermeister bei, die Kemps Kurs für leichtsinnig halten. Ein Vetorecht haben die Bürgermeister zwar nicht, aber ihre Empfehlungen an die lokalen Geschäftsleute haben durchaus Gewicht.

Athens ist eine Collegestadt mit gut 100.000 Einwohnern. Sie liegt im Osten von Georgia und ist bekannt als Heimat der Popbands REM und The B-52s. Im „Alps Shopping Center“ von Athens haben am Mittwoch die meisten Geschäfte geschlossen. Die großen Imbissketten wie McDonalds oder Starbucks bieten ihre Ware weiterhin nur am Autoschalter zum Mitnehmen an. Geöffnet haben vor allem kleine, inhabergeführte Betriebe, darunter ein Nagelstudio und ein Friseur. Bei beiden ist der Andrang groß.

Wer sich bei „Barbers & The Salon“ die Haare schneiden lassen will, muss allerdings eine ganze Reihe von Regeln beachten: Erst einen Termin vereinbaren, dann vor der Tür oder im Auto warten, bis man an der Reihe ist. Vor dem Betreten des Salons Fieber messen lassen. Wer keine eigene Schutzmaske mitbringt, bekommt eine Einmalmaske ausgehändigt, Tragen ist im Salon Pflicht. Das Prozedere könnte sich nach Gängelung anfühlen, läge da nicht über allem die lockere Freundlichkeit der Südstaaten.

Während er die Schneidemaschine surren lässt, erklärt Friseur Dempsey Sapp, warum er die Ansteckungsgefahr bei seiner Arbeit für gering hält - trotz der unvermeidliche körperlichen Nähe: „Wir vergeben extra weniger Termine um den nötigen Sicherheitsabstand zwischen den Kunden einzuhalten und nach jedem Haarschnitt den Stuhl und alle Arbeitsgeräte zu desinfizieren.“ Auch Sapp trägt bei der Arbeit eine Maske, und ach ja: „Außerdem kriegt jeder Kunde einen frisch gewaschenen Umhang“. Was wahrscheinlich auch außerhalb von Corona-Zeiten keine schlechte Idee wäre.

175 Dollar pro Test

Sapp, ein sanfter Hüne mit Hipster-Vollbart, ist jedenfalls heilfroh, dass der alteingesessene, familiengeführte Friseursalon endlich wieder aufmachen darf. Er mag seinen Job hier sehr, und ist sich nicht sicher, wie lange der Betrieb ohne Einnahmen hätte überleben können.

Direkt gegenüber von „Barbers & The Salon“ hat auf dem Parkplatz einer geschlossenen Grundschule eine Corona-Teststation ihre weißen Zelte aufgebaut, und zwar wie es sich für die Autonation USA gehört im Drive-Through-Betrieb: Mitarbeiter in Schutzanzügen entnehmen durchs geöffnete Autofenster die Probe aus dem Rachen der Patienten, das Ergebnis kommt drei bis vier Tage später per Email.

Der Andrang ist sehr überschaubar. Wer darf sich hier testen lassen? „Jeder, wenn Sie wollen sind Sie sofort an der Reihe“, sagt die Angestellte an der Zufahrt zum Zelt. Abgerechnet werde direkt mit der jeweiligen Krankenversicherung. Wer nicht versichert ist, zahlt 175 Dollar per Kreditkarte.

Seit Wochen wogt in den USA ein Streit darüber, ob es genug Kapazitäten für Corona-Tests gibt (nein, sagen fast alle Experten), wer daran Schuld hat (das Weiße Haus, sagen die meisten Gouverneure – die Gouverneure, sagt das Weiße Haus).

Hier in Athens scheint das Problem plötzlich eher eines der mangelnden Nachfrage zu sein als des fehlenden Angebots. Genug Corona-Tests sind ein wichtiger Teil von Kemps Öffnungsstrategie: Wer immer den Verdacht hat, sich angesteckt zu haben, soll sich testen lassen können.

Neuinfizierte sollen anschließend von einem „Contact Tracer“ interviewt werden, der überprüft, wen der Patient noch angesteckt haben könnte, um diese Personen dann zu warnen. Rund 170.000 Einwohner des Bundesstaats haben sich bislang testen lassen. 400 Contact Tracer seien bereits im Einsatz, sagt Kathleen Toomey, die Chefin der Gesundheitsbehörde von Georgia. Toomeys Ziel: 1000 Contact Tracer für ganz Georgia.

Viel Zeit zum Aufstocken des Personals bleibt der Behördenchefin nicht. Die ersten Ergebnisse des Georgia-Experiments werden bereits in einigen Wochen vorliegen. Wenn die Zahl der Corona-Erkrankten und -Toten dann erneut drastisch steigt, ist Kemp mit seinem Kurs gescheitert und muss sich die zusätzlichen Opfer persönlich anlasten lassen.

Wenn die Zahl der neuen Corona-Fälle in Georgia hingegen annährend konstant bleibt oder sogar weiter sinkt, wäre das eine Überraschung. Dann hätte das Prinzip Selbstverantwortung funktioniert. All jene Politiker, die den staatlich verordneten Lockdown als alternativlos ansehen und immer noch weiter verlängern wollen, müssten sich in diesem Fall kritische Fragen gefallen lassen – auch in Deutschland.

„Thank You“, steht auf der schwarzen Kunstledermappe, in der Jose Munoz nach einem üppigen Essen in Dillard die Rechnung vorlegt. Sie lautet auf 20 Dollar plus Trinkgeld. Der Haarschnitt bei Dempsey Sapp in Athens kostet 18 Dollar. Definitiv zu wenig Geld, um dafür zu sterben.

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