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AstraZeneca schadet der gesamten Branche

Salz, Jürgen
·Lesedauer: 3 Min.

Nie war die Pharmaindustrie so wertvoll wie heute, da alle Welt ihre Impfstoffe benötigt. Die Hersteller hätten zu Helden der Pandemie werden können. Doch leider verspielen sie gerade ihre große Chance.

Auf die Pharmaindustrie ist Verlass, wenn die Not am größten ist. Sie hat die Interessen der Patienten im Blick, liefert in Rekordzeit Impfstoffe gegen Corona, die sie zu günstigen Selbstkostenpreisen an Länder und globale Hilfsorganisationen abgibt. Ja, das wäre ein mögliches Fazit der Coronapandemie gewesen.

Die Pharmaindustrie hatte ihre Chance, endlich wegzukommen von dem schlechten Image, das ihr einschlägige Umfragen seit Jahren bescheinigen. Endlich die allgegenwärtigen Vorwürfe – angebliche Profitgier und zu hohe Medikamentenpreise – hinter sich zu lassen. Die Branche hat diese Chance nicht genutzt. Statt Jubel über die Impfstofferfolge beherrscht vor allem der hässliche Lieferstreit zwischen der EU und dem Hersteller AstraZeneca die Schlagzeilen.

Dabei hat es ja tatsächlich gut begonnen. Viele Hersteller haben ihre Impfstoffe in weniger als einem Jahr entwickelt – ein solches Tempo gab es in der Medizingeschichte noch nie. Unternehmen wie AstraZeneca oder Johnson & Johnson kündigten an, nur wenige Dollar pro Dosis zu verlangen. Die Hoffnungen der Menschheit auf das segensreiche Wirken der Pharmaindustrie waren wohl noch nie so groß wie in den vergangenen Monaten.

Natürlich führte nicht jeder Ansatz zum gewünschten Erfolg. Die Impfstoffe von Sanofi sowie dem US-Konzern Merck & Co erwiesen sich dann als doch nicht so wirksam wie erhofft. Das ist schade, aber kein Anlass zur Schadenfreude. Dass Projekte scheitern, ist in der Pharmaforschung eher die Regel als die Ausnahme.

Um so mehr liegen die Hoffnungen nun etwa auf den Vakzinen von Biontech/Pfizer und AstraZeneca. Um so schlimmer, dass die Unternehmen dabei zuletzt viel Vertrauen verspielt haben: Sehr kurzfristig ließen sie die EU wissen, dass sie in den nächsten Wochen weniger Impfstoffdosen produzieren. Viele Zweifel konnten sie nicht ausräumen – etwa, warum es in anderen Ländern offensichtlich keine Lieferengpässe gibt. Vertrauensvolle Partnerschaft – schließlich haben die Hersteller Fördergelder aus der EU sowie aus einzelnen Ländern erhalten – sieht anders aus. Von Transparenz auch keine Spur: Die Abkommen mit der EU gelten als geheim – nur Curevac hat seinen Vertrag bislang öffentlich gemacht. Der Vertrag zwischen der EU und AstraZeneca wurde nun auch veröffentlicht – mit etlichen geschwärzten Stellen, die nur aufgrund eines Fauxpas bei der EU entschlüsselt werden können. Und auch die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA empfahl zuletzt die bedingte Marktzulassung für den Corona-Impfstoff des britisch-schwedischen Konzerns in der EU.

Gerade AstraZeneca hat mit seinem selbstherrlichen Gebaren der Branche einen schlechten Dienst erwiesen: Einfach mal die Produktion um 60 Prozent zu kürzen und die Maßnahme dann nicht richtig erklären zu können, ist peinlich. Jetzt will das britische Unternehmen offensichtlich wieder mehr Dosen in die EU liefern. Mal sehen, ob noch was zu retten ist – auch für das Image der Pharmaindustrie.

Mehr zum Thema: Verpatzte Impfkampagne, analoge Ämter und stockende Hilfen – Berlin und Brüssel drohen an der „Jahrhundertaufgabe“ Corona zu scheitern. Die Infektionszahlen sinken. Aber die Lage spitzt sich zu.