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Asiaten lieben die Daimler-Aktie – Zeit für eine Neubewertung?

Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Unter Dieter Zetsche hat Daimler (WKN: 710000) Rekordgewinne eingefahren und schöne Dividenden ausgeschüttet, aber die Aktie kommt seit Jahren nicht mehr richtig voran. Seit den Zwischenhochs von 2015 zeigt die Tendenz sogar deutlich nach unten. Mit Ola Källenius nimmt nun eine neue Epoche im Traditionskonzern Fahrt auf und asiatische Investoren scheinen ihm einiges zuzutrauen. Vielleicht wird es also Zeit, dass auch wir unsere Zurückhaltung ablegen.

Die Krise, die keine ist

Jetzt hat Daimler ein Mal einen Verlust ausgewiesen und stagnierende Zahlen präsentiert, da spricht schon alle Welt von der großen Krise. Natürlich war man in den letzten Jahren verwöhnt, was die operativen Zahlen angingen: Verkaufsrekorde und Milliardengewinne am laufenden Band. Da überrascht es schon, wenn die Zahlen auf einmal viel schlechter ausfallen.

Andererseits kann von einer echten Krise kaum die Rede sein, denn schon im dritten Quartal wurde wieder ein Nettogewinn von 1,8 Mrd. Euro ausgewiesen und auch die meisten anderen Kennzahlen zeigten in die richtige Richtung. Damit lässt sich gut leben. Und dass Ola Källenius gleich mal mit dem eisernen Besen durchkehrt und Schwachstellen offen anspricht, ist nur zu begrüßen.

Das sieht man wohl auch in Asien so, denn nach dem treuen Langzeitinvestor Kuwait sowie der Geely Holding ist kürzlich auch der Partner BAIC eingestiegen und will nun vielleicht sogar seinen Anteil noch erhöhen. Trotzdem dümpelt die Aktie Ende November mutlos um die Marke von 50 Euro herum und damit weiterhin deutlich unter Buchwert. Die einheimischen Investoren sind offenbar weit weniger zuversichtlich als ihre Pendants im Fernen und Nahen Osten. Dieser Pessimismus könnte übertrieben sein und daher eine schöne Gelegenheit darstellen, um sich ebenfalls einzukaufen.

Was jetzt dafürspricht, dass Daimler nach oben drehen wird

Daimler musste viele Milliarden in Dinge investieren, die kurzfristig keinen Ertrag bringen. Darunter fallen unter anderem die aufwändige Forschung rund um autonome Fahrzeuge, Dutzende Themen im Bereich der Fahrzeugelektrifizierung und der Aufbau von Mobilitätsdienstleistungen. Nichts davon hat sich bislang zum großen Umsatzbringer entwickelt, obwohl beispielsweise an der Brennstoffzelle schon seit Jahrzehnten geforscht wird.

Hinzu kommen vielfältige Beteiligungen, um die Technologieführerschaft zu verteidigen, Digitalkompetenz aufzubauen oder die Reichweite zu stärken. Zuletzt hatte sich die Truck-Sparte den Spezialisten für Fahrzeugautonomie Torc Robotics einverleibt. Zuvor wurde unter anderem in Batteriematerialien, E-Commerce, Mobility Apps und einen Elektrobushersteller sowie in ambitionierte Joint Ventures wie HERE, Ionity, ChargePoint und YourNow investiert.

Auch hier floss erst einmal viel Geld ab, das frühestens in den kommenden Jahren zurückkommen dürfte. Gleichzeitig mussten eine Menge Einmaleffekte verdaut werden, darunter der Ärger mit den Takata-Airbags, diverse Probleme rund um den Diesel sowie der neue Prüfzyklus WLTP. Dass daneben der Handelsstreit, der BREXIT und ähnliche Themen den Lkw-Absatz belasten, kann auch kaum überraschen.

All diese Herausforderungen muss der Konzern schultern und doch bleibt er operativ solide profitabel. Was können wir da erst erwarten, wenn die Einmaleffekte alle abgeschlossen sind und die Investitionen anfangen, sich zu profitablen Standbeinen zu entwickeln?

Krise oder Neubewertung?

Wenn jetzt, wie von einigen Marktbeobachtern befürchtet, die Konjunkturkeule zuschlägt, dann wird sich Daimler dem kaum entziehen können, selbst wenn Källenius fleißig an der Kostenschraube dreht. Auch höher als erwartet ausfallende Strafzahlungen würden natürlich einen weiteren Rückschlag darstellen. Fällt die Eintrübung jedoch aus und die Strafen liegen im Rahmen, dann könnte die Daimler-Aktie nach oben ziehen.

Die Einmaleffekte könnten bald abgearbeitet sein, die aktuell vor allem in Europa zurückhaltende Lkw-Nachfrage könnte schon bald wieder anziehen, die Neuaufstellung von Smart erscheint aussichtsreich und die massiven Investitionen der letzten Jahre sollten mit zunehmender Dynamik in Umsätze konvertieren. Kommt es so, dann wird es ein Lächeln auf die Gesichter in Kuwait und China zaubern. Denn was heute wie eine Krisenaktie bewertet wird, könnte schon bald wieder als strahlender Stern wahrgenommen werden.

Damit es so kommt, wird Källenius noch ein paar richtige Entscheidungen treffen müssen, während Mercedes bei der Elektrooffensive den Geschmack der Kunden treffen muss. Unter diesen Voraussetzungen gehört die Daimler-Aktie derzeit für mich zu den günstigsten DAX-Aktien.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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