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Arzneimittelhersteller Apogepha besetzt erfolgreich die Nische

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Die Unternehmerin Henriette Starke führte viele Jahre die Pharmafirma Apogepha. Auch nach ihrem Ausscheiden soll der Urologie-Spezialist unabhängig bleiben.

Es ist der Duft der Liebe und der Schönheit, der Besucher bei Apogepha empfängt. Rosmarinsträucher säumen die Wege auf dem Firmengelände des traditionsreichen Arzneimittelherstellers. Und wer das nicht sofort riecht, der kann es auch nachlesen. „Rosmarinus officinalis“ steht auf einem kleinen, weißen Schild am Fuße eines Strauchs.

Es ist kein Zufall, dass hier zwischen roten Pflastersteinen der Rosmarin und auch andere Kräuter wachsen. Es sind Pflanzen, die in der traditionellen Heilkunde verwendet werden. Die Wirkung etwa von Rosmarin ist vielfältig. Rosmarin wirkt anregend, entspannend, krampflösend, durchblutungsfördernd und schmerzstillend.

Eben hier in der Kyffhäuser Straße, einer der besten Wohngegenden in Dresden-Driesen, liegt in einem Ensemble aus der Gründerzeit seit über 100 Jahren die Zentrale von Apogepha, einem mittelständischen Medikamentenhersteller, den es so eigentlich nicht mehr geben sollte. Apogepha ist eigentlich zu klein, zu speziell, zu eigen.

Doch es ist gerade diese Nischenstrategie, die Apogepha bis heute erfolgreich existieren lässt – im wettbewerbsintensiven Arzneimittelmarkt. Und wie und warum das gelingt, weiß keiner so gut wie Henriette Starke. Die zierliche, im Gespräch mit dem Handelsblatt zunächst sehr zurückhaltende Frau mit den mittellangen, glatten, braunen Haaren hat Apogepha mehr als 15 Jahre geführt, als geschäftsführende Gesellschafterin.

Inzwischen hat sich die 53-Jährige in den Beirat zurückgezogen und einer familienfremden Geschäftsführung das Amt überlassen. Ihre Meinung und Analyse zählen jedoch nach wie vor. Schließlich gehört ihrer Familie die Firma zu 100 Prozent.

Doch das war nicht immer so. In den Jahren 1972 bis 1990 war Apogepha verstaatlicht. Die Unabhängigkeit gehört deshalb bis heute zu den wichtigsten Werten des Familienunternehmens und wird hochgehalten, koste es, was es wolle.

„Mein Großvater hat dieses Unternehmen neu gegründet, und mein Vater hat mit Patenten die Grundlagen für die Zukunft gelegt. Wir waren und sind seit 1991 wieder ein Familienunternehmen. Diesen wiedererlangten Freiheitsgrad wollen wir bei allen Herausforderungen nutzen und nie wieder abgeben. Wir haben uns in unserer Nische gut etabliert. Unsere Unabhängigkeit ist uns sehr wichtig. Teil eines Konzerns zu werden ist für uns keine Option“, erklärt Starke.

Nach der Wende schnell reprivatisiert

Apogepha ist auf die Entwicklung und den Vertrieb urologischer Arzneimittel spezialisiert. Zum Sortiment gehören verschreibungspflichtige Arzneien sowie Medikamente zur Selbstmedikation für urologische Anwendungsgebiete wie Blasenschwäche, Harnblasenkrebs und Prostatakrebs. 2019 erwirtschaftete das Unternehmen mit rund 150 Mitarbeitern knapp 50 Millionen Euro Umsatz.

Die bedeutendste Eigenentwicklung des Unternehmens ist Propiverin, ein Wirkstoff zur Behandlung von Harninkontinenz und Blasenschwäche. Er wurde in den 1980er-Jahren von Christian Starke entwickelt, dem Vater von Henriette Starke.

Ihr Weg an die Spitze von Apogepha war alles andere als vorgezeichnet. Ihr Großvater hatte das Unternehmen zwar gegründet, doch ihre Familie wurde 1972 komplett enteignet und die Firma dem Sächsischen Serumwerk zugeschlagen. Ihr Vater, Christian Starke, blieb zwar Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung, war jedoch ein normaler Angestellter und noch dazu ein Exot.

Er entwickelte Arzneimittel, seine Kollegen im Serumwerk Impfstoffe. Die Firma war in dieser Zeit nicht mehr „ihre Firma“, sondern VEB, „Vaters ehemaliger Betrieb“. Eine Reprivatisierung schien viele Jahre nicht einmal ein Gedankenspiel wert. „Ich bin nicht als Unternehmerkind aufgewachsen“, sagt Henriette Starke.

Doch dann kommt die Wende. Starke studiert damals in Leipzig die Fächer Englisch und Russisch auf Lehramt. Zu Hause in Dresden überschlagen sich die Ereignisse. Ihr Vater erkennt die neuen, nie mehr für möglich gehaltenen Aussichten und stellt bereits im März 1990 den ersten Antrag auf Rückgabe. „Es war eine sehr euphorische Zeit“, erinnert sich Starke. „Mein Vater hat sehr früh die Initiative ergriffen. Er kannte ja die Firma, die Mitarbeiter, die Produkte, die Patente. Er hat nicht einen Moment gezögert, die Verantwortung wieder zu übernehmen.“

Bereits am 12. Februar 1991 unterzeichnet Christian Starke den Reprivatisierungsvertrag mit der Treuhand. Apogepha gehört damit zu den ersten Pharmaunternehmen in den neuen Bundesländern, die reprivatisiert werden. Henriette Starke, die älteste von drei Schwestern, beendet noch ihr Studium und steigt dann unmittelbar nach dem Examen 1992 in das frisch privatisierte Familienunternehmen ein.

Nach sechs Monaten im Durchlauf ist sie sich sicher, dass hier ihre Zukunft liegt. Sie beginnt und beendet ein duales BWL-Studium. „Diese Studienfachwahl entbehrte nicht der Komik“, erinnert sich Starke. „In der DDR hatten wir zu Hause immer über den ,dummen Ökonom‘ gelacht.“

Eigene Fertigung wurde aufgegeben

Doch nun ergibt das Fach Sinn. „Henriette Starke und ihr Vater Christian haben sich gut ergänzt. Er war der Forscher, sie die Betriebswirtin“, erinnert sich Manfred Wirth, der langjährige Leiter der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Dresden. Wirth kennt die Familie und Firma gut. Er war bis 2018 wissenschaftlicher Chairman des von Apogepha ins Leben gerufenen „Dresdner Urologentages“. Er gestaltete diesen über 20 Jahre fachlich mit und moderierte ihn auch. „Die Starkes sind eine Unternehmerfamilie, und sie wissen genau, was sie wollen, achten dabei aber nicht auf den letzten Cent.“

An Henriette Starke ist es jedoch, harte betriebswirtschaftliche Entscheidungen zu treffen, ohne die es Apogepha heute wahrscheinlich nicht mehr geben würde. Sie schließt die erst im Jahr 1996 in Dresden-Lockwitz aufgebaute und 2009 noch einmal ausgebaute Medikamentenproduktion 2018. Knapp 50 Mitarbeiter müssen gehen.

Apogepha setzt seitdem auf die Entwicklung, das Marketing und den Vertrieb urologischer Produkte. „Es war eine auch persönlich schwierige Entscheidung. Schließlich hatte schon mein Großvater den Traum von einer neuen eigenen Fertigung gehabt. Doch die vor allem kostenorientierte deutsche Gesundheitspolitik einerseits und protektionistische Tendenzen anderer Länder, die uns den Export erschwerten, andererseits ließen uns keine andere Wahl“, sagt Starke.

Apogepha ist seitdem noch mehr ein Exot. Die Pharmaindustrie wird zum einen von Konzernen wie Novartis, Roche, Sanofi-Aventis, Bayer, Merck und Boehringer-Ingelheim dominiert. Zum anderen ist sie in ihrer Breite zwar sehr mittelständisch geprägt, doch forschende Pharmaunternehmen gibt es nur noch wenige unter den kleinen und mittelständischen Firmen.

„Die Nischenstrategie von Apogepha ist schon besonders, aber durchaus erfolgversprechend“, sagt Jörg Wieczorek, selbst Chef der auf Selbstmedikation spezialisierten Arzneimittelgruppe Hermes und Vorsitzender des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH).

Und so ist Starke auch für das laufende Jahr sehr optimistisch. Sie erwartet einen Umsatzsprung von 20 Prozent auf gut 60 Millionen Euro. „Das Wachstum zeigt, dass sich unsere Strategie, im Produktnachschub neben der Eigenentwicklung auch auf Lizenzkooperationen und damit den Vertrieb zu setzen, bestätigt.“