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Stahl-Kronprinz Mittal: „Staatsbeteiligungen sind die Folge politischer Fehler“

·Lesedauer: 10 Min.

Aditya Mittal ist Finanzchef der mächtigen Stahldynastie und Sohn des Patriarchen. Die EU-Wettbewerbsbedingungen kritisiert er scharf. Altmaiers Stahlstrategie sei jedoch ein „sehr guter Plan“.

Der Bundeswirtschaftsminister will die Stahlhersteller bei der Transformation finanziell unterstützen. Foto: dpa
Der Bundeswirtschaftsminister will die Stahlhersteller bei der Transformation finanziell unterstützen. Foto: dpa

Globale Überkapazitäten, immer stärkere Konkurrenz aus Asien und obendrein noch der Klimawandel: Die europäische Stahlindustrie steht vor großen Herausforderungen. Das weiß niemand besser als Aditya Mittal, Finanzchef beim größten Stahlhersteller der Welt. Seine Familie hält knapp 40 Prozent der Anteile an Arcelor-Mittal. Langfristig wird er wohl die Führung von Patriarch Lakshmi Mittal übernehmen.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt gibt sich der 44-Jährige zuversichtlich, die Transformation zu klimaneutralen Produktionsverfahren zu bewältigen – wenn die Politik mitspielt. „Arcelor-Mittal verfügt über die notwendige Technologie und das Personal, um den Wandel zu schaffen“, sagte Mittal. „Doch wir brauchen regulatorische Unterstützung. Im Energiesektor hat das sehr gut funktioniert – mit Fördergeldern, Steuererleichterungen und staatlichen Garantien.“

Dem Manager schwebt ein europäischer Aktionsplan vor, ähnlich dem Handlungskonzept Stahl, auf das sich das Bundeswirtschaftsministerium zusammen mit den hiesigen Unternehmen und der IG Metall geeinigt hatte.

„Peter Altmaier hat einen sehr guten Plan entwickelt“, so Mittal. Jetzt sei es dringend notwendig, diesen Plan umzusetzen. „Das deutsche Handlungskonzept Stahl ist eine gute Grundlage, die auch für die europäische Stahlindustrie gelten sollte.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Mittal, die europäische Stahlindustrie ist in Bewegung. Viele Hersteller prüfen Konsolidierungsoptionen, mit dem Verkauf des Stahlgeschäfts von Thyssen-Krupp sortiert sich der Markt neu. Was bedeutet das für Arcelor-Mittal?
Wir kommentieren die Marktkonsolidierung nicht. Aus Sicht von Arcelor-Mittal hat das Unternehmen allerdings hervorragende Arbeit in Bezug auf Covid geleistet, um die Mitarbeiter am Arbeitsplatz vor dem Virus zu schützen, auf Kundenbedürfnisse einzugehen und die Kosten zu senken.

Wie stellt sich die konjunkturelle Lage zurzeit dar? Spüren Sie eine Erholung?
Speziell im Automobilsektor zieht das Geschäft wieder stärker an, als wir zunächst vermutet hatten. Hinzu kommt, dass der Nachfrageeinbruch beispielsweise in den Schwellenländern deutlich milder ausgefallen ist als etwa in Europa oder Nordamerika. Insgesamt wird es in diesem Jahr einen Rückgang geben, der aber regional unterschiedlich ausfällt. China wird die Ausnahme sein.

Welche Rolle spielt dabei die Suche nach einem Impfstoff? Einige Pharmahersteller haben bereits erste Erfolge vermeldet.
Die jüngsten Nachrichten sind auf jeden Fall sehr positiv, sollte die prognostizierte Schutzwirkung erreicht werden. Wir sehen zwar noch keine Auswirkungen auf die Nachfrage, aber sobald ein Impfstoff verfügbar ist, sorgt das auf jeden Fall für eine Verbesserung der Verbraucherstimmung. 2021 könnte also positiver ausfallen, als wir das heute erwarten.

Im Oktober haben Sie angekündigt, die Stahlproduktion im polnischen Krakau einzustellen. Ist das eine Reaktion auf die Pandemie – oder eher als Versuch zu sehen, die europäischen Überkapazitäten abzubauen?
Diese Möglichkeit wurde bereits diskutiert, als es keine Pandemie gab. Mehrere Faktoren waren entscheidend, einschließlich der Marktsituation in Europa. Jetzt haben wir hier kein Level Playing Field, was bedeutet, dass wir im internationalen Handel gegenüber Produzenten außerhalb Europas im Nachteil sind. Hinzu kommen die hohen Kosten für CO2-Emissionen, die dazu führen, dass wir in Europa nicht wettbewerbsfähig produzieren können.

In diesem Umfeld muss die Stahlindustrie den wohl größten technologischen Wandel ihrer Geschichte vollziehen: den Wechsel zu klimaneutralen Produktionsverfahren. Kann das gelingen?
Es muss in einem ersten Schritt darum gehen, die richtigen Rahmenbedingungen für diesen Wandel zu schaffen. Wir brauchen eine Lösung für die hohen Importe aus Ländern, die ihre Stahlindustrie mit Subventionen vor Wettbewerb schützen – und die unter deutlich schwächeren Umweltschutzbedingungen produzieren als wir in Europa.

Arcelor-Mittal verfügt über die notwendige Technologie und das Personal, um den Wandel zu schaffen. Doch wir brauchen regulatorische Unterstützung. Im Energiesektor hat das sehr gut funktioniert – mit Fördergeldern, Steuererleichterungen und staatlichen Garantien. Das Gleiche brauchen wir auch für die europäische Stahlindustrie.

In Deutschland versucht Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, die Branche mit einem auf die Stahlindustrie zugeschnittenen Transformationskonzept zu unterstützen. Ist das der richtige Weg?
Peter Altmaier hat einen sehr guten Plan entwickelt. Jetzt ist es allerdings dringend notwendig, diesen Plan umzusetzen. Das deutsche Handlungskonzept Stahl ist eine gute Grundlage, die auch für die europäische Stahlindustrie gelten sollte. Es muss darum gehen, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die es der europäischen Stahlindustrie ermöglichen, im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Welche Instrumente schlagen Sie vor? In der Vergangenheit haben Sie sich für sogenannte Contracts-For-Difference (CFD) ausgesprochen, also die staatliche Absicherung von Preisen.
Es gibt sicherlich mehr als einen Weg zum Ziel. CFDs sind ein Instrument, das gut erprobt ist und sich leicht kalkulieren lässt. Eine andere Möglichkeit wären Grenzausgleiche. Es gibt im Moment einen intensiven Dialog mit den Regulierern dazu. Wichtig ist aber, dass am Ende ein gesamteuropäischer Aktionsplan herauskommt, der die Probleme in Europa adressiert.

Einige dieser Themen sind handelspolitisch umstritten und dürften auf Widerstand sowohl bei der Welthandelsorganisation als auch bei anderen stahlproduzierenden Ländern stoßen.
Wir haben das untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass beispielsweise ein CO2-Grenzausgleich durchaus WTO-konform wäre. Zudem böte ein solches Instrument die Möglichkeit, eine Art CO2-Diplomatie zu etablieren. Gerade für Länder, die stark von Exporten abhängig sind, erzeugt ein CO2-Zoll einen enormen Anreiz, ihre eigenen Anstrengungen beim Klimaschutz zu verstärken. Am Ende könnte so ein globaler Zertifikatehandel entstehen, der die Klimakosten der Produktion adäquat abbildet.

Das Europäische Emissionshandelssystem wird ab dem kommenden Jahr noch deutlich verschärft. Was bedeutet das für die europäische Stahlindustrie?
Das Europäische Emissionshandelssystem setzt sehr anspruchsvolle Ziele. Für die europäischen Hersteller entstehen Kosten, die sie im Wettbewerb stark belasten. Dafür müssen Lösungen her. Entweder muss es einen CO2-Grenzausgleich geben oder finanzielle Unterstützung in Form von Differenzverträgen. Wahrscheinlich ist eine Kombination verschiedener Instrumente die sinnvollste Lösung.

Wir sind jedenfalls darauf angewiesen, dass die Politik konkrete Lösungen anbietet. Wenn die Kosten in Europa aufgrund politischer Entscheidungen immer nur weiter steigen, können wir nicht noch unseren CO2-Fußabdruck verkleinern und zugleich noch international wettbewerbsfähig bleiben. Beides zusammen geht einfach nicht.

Der Transformationsprozess fordert Ihre Branche. Wo steht Arcelor-Mittal?
Wir sind nicht nur der weltgrößte Stahlhersteller, wir spielen auch technologisch eine führende Rolle. Darum haben wir beste Voraussetzungen, das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen. Wir haben unseren Hauptsitz in Europa, Europa steht an vorderster Front beim Thema Dekarbonisierung. Wir wissen also sehr genau, wohin die Reise gehen wird.

Für die Branche insgesamt gilt, dass unser Produkt einen niedrigeren CO2-Fußabdruck hat als Aluminium, Glas, Plastik und viele andere Materialien, die mit Stahl konkurrieren. Das sind gute Voraussetzungen, darauf bauen wir auf. Wir können den Wandel also schaffen.

Für die Produktion von klimaneutralem Stahl braucht Ihre Branche enorme Mengen an grünem Wasserstoff. Woher kommt der?
Es gibt für uns zwei Pfade der Dekarbonisierung. Der eine Ansatz, den wir „smart carbon“ nennen, basiert auf Kohle und Kreislaufwirtschaft. Wasserstoff kann bei diesem Ansatz auch genutzt werden, ist aber nicht der Treiber dabei. Diese Technologieroute ist Teil unseres Ziels für 2030.

Der andere Ansatz besteht darin, die Direktreduktion von Eisenerz mit Wasserstoff durchzuführen. Sobald dieser Wasserstoff „grün“ wird, nähert sich der Stahlerzeugungsprozess der Kohlenstoffneutralität. Der zweite Weg wird mittel- bis langfristig an Bedeutung gewinnen. Für uns haben aber beide Verfahren hohen Stellenwert. Beide Wege sind geeignet, das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen. Die Investitionen in „smart carbon“ sind daher vernünftig und notwendig aus unserer Sicht.

Ohne Wasserstoff wird es aber nicht gehen.
Unser Ansatz „smart carbon“ ist nicht abhängig von Wasserstoff. Aber unser Ansatz für innovatives direktreduziertes Eisenerz schon. Darum arbeiten wir an einer Reihe von Wasserstoff-Projekten. Wir betreiben in Hamburg die europaweit einzige Anlage, bei der die Direktreduktion mit Erdgas stattfindet. Nun planen wir dort eine weitere Direktreduktionsanlage, die mit Wasserstoff betrieben werden soll. Diese neue Demonstrationsanlage wird eine Produktionskapazität von 100.000 Tonnen haben. Es ist die größte Anlage mit dieser Technologie, die aktuell geplant wird.

In Deutschland ist die Diskussion auf grünen Wasserstoff fokussiert, der aber zumindest im Moment noch gar nicht zur Verfügung steht. Wie bewerten Sie das?
Am Ende reden wir über grünen Wasserstoff. Aber der Weg dorthin ist noch weit. Also setzen wir zunächst auch grauen Wasserstoff ein, der auf der Basis von Erdgas durch Dampfreformierung hergestellt wird.

Welche Chancen sehen Sie für Ihr Unternehmen, an grünen Wasserstoff zu kommen?
Viele unserer Anlagen stehen nicht weit entfernt von den Erzeugungsschwerpunkten erneuerbarer Energien. Nehmen Sie unser Stahlwerk in Hamburg. Von dort ist es nicht weit zu den Offshore-Windparks in der Nordsee. Daraus ergeben sich interessante Möglichkeiten. Allerdings geht es im Moment gar nicht so sehr um die Frage, ob der Wasserstoff nun grün oder grau ist. Es geht vielmehr um die Kosten.

Wie wichtig ist es für Arcelor-Mittal, zu den Ersten zu gehören, die grünen Stahl anbieten? Liberty Steel will 2030 grünen Stahl anbieten, SSAB bereits 2026. Werden die Unternehmen ökonomisch profitieren, die besonders früh dabei sind?
Ich bin mir nicht sicher, ob diejenigen einen besonderen Schub erleben werden, die als Erste grünen Stahl im Angebot haben. Aber ich denke, es beschleunigt bei allen die Bemühungen, zu dekarbonisieren und grünen Stahl zu ermöglichen. Bei Arcelor-Mittal gehen wir voran und reagieren damit auf die Wünsche unserer Kunden.

Wird sich in den kommenden Jahren ein Markt für grünen Stahl entwickeln? Welche Kundengruppen werden zuerst danach verlangen?
Wir sind bei der Markteinführung von grünen Produkten noch in einer sehr frühen Phase. Wir hoffen jedoch, dass wir durch einen Zertifizierungsprozess bald grüne Tonnen verfügbar haben. Noch ist nicht klar, wie sich Nachfrage und Preise bei klimaneutralem Stahl entwickeln.

Wird Arcelor-Mittal selbst in die Produktion von erneuerbaren Energien und grünem Wasserstoff einsteigen?
Wir sind in dieser Frage offen für Partnerschaften.

Wird die Umstellung auf Direktreduktion mittels grünem Wasserstoff für Standortverlagerungen sorgen? Eisenschwamm könnte dort entstehen, wo es grüne Energie in Hülle und Fülle gibt.
Wir haben in Europa durchaus gute Bedingungen, was den Zugriff auf erneuerbare Energien angeht. Da bin ich nicht pessimistisch.

An vielen europäischen Stahlunternehmen sind Staaten beteiligt. Ihr Unternehmen gehört zu den wenigen Ausnahmen. Ist das ein Wettbewerbsnachteil?
Die Dinge haben sich so entwickelt, weil die europäische Politik inkonsistent ist. Die EU schafft es nicht, die Unternehmen gegen unfaire Handelspraktiken anderer Länder hinreichend in Schutz zu nehmen. Zugleich steigen die Kosten des Europäischen Emissionshandelssystems weiter, was zur Verlagerung von Produktion führt. Das schwächt viele Unternehmen so, dass sie den Schutz des Staats suchen.

Was empfehlen Sie?
Wenn die Politik dazu in der Lage wäre, den Unternehmen faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, wären Eingriffe des Staats nicht erforderlich. Staatliche Beteiligungen sind insofern die Folge politischer Fehler. Anstatt Unternehmen für Unternehmen zu unterstützen, wäre es viel besser, wenn die Politik Bedingungen schaffen würde, die es den Unternehmen ermöglicht, den anstehenden Transformationsprozess aus eigener Kraft zu bewältigen.

Mein Appell an die Politik ist eindeutig: Sorgt für faire Wettbewerbsbedingungen und einen international gültigen klimapolitischen Rahmen, dann kann die Branche alle Herausforderungen bewältigen. Es wäre dann nicht mehr erforderlich, einzelnen Unternehmen mit Staatshilfen unter die Arme zu greifen.
Herr Mittal, vielen Dank für das Interview.

Im Hamburger Werk testet der Stahlkonzern den Einsatz von Wasserstoff. Foto: dpa
Im Hamburger Werk testet der Stahlkonzern den Einsatz von Wasserstoff. Foto: dpa