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Arcelor-Finanzchef Aditya Mittal: „Wir wissen, dass unsere Kunden grünen Stahl wollen“

Der Finanzvorstand des weltgrößten Stahlherstellers Arcelor-Mittal fordert finanzielle Unterstützung aus Brüssel – und lobt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.

Der Klimawandel stellt die Stahlindustrie vor große Herausforderungen. Das gilt auch für den weltgrößten Hersteller Arcelor-Mittal. Im Interview erklärt Finanzvorstand Aditya Mittal, wie er den Konzern in Europa bis 2050 auf Klimaneutralität trimmen will: „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir das Problem mit einer technologischen Perspektive lösen können. Aber wir brauchen die richtige Politik.“

So fordert der Manager eine ähnliche Förderung für die Stahlindustrie, wie sie beispielsweise auch die europäischen Energiekonzerne für die Energiewende erhielten. „Es muss eine Politik entworfen werden, die finanzielle Unterstützung und Anreize bietet, die die europäische Stahlindustrie zur Dekarbonisierung benötigt“, so Mittal.

Um eine nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen, brauche die Branche vergleichbare Wettbewerbsbedingungen mit einem CO2-Grenzausgleich gegen unfaire Importe sowie Zugang zu sauberer Energie, nachhaltiger Finanzierung von Investitionen und einen Ausgleich zusätzlicher Kosten.

In dem Zusammenhang lobt Mittal insbesondere die bisherige Arbeit der Bundesregierung: „Wir sind dankbar für die politische Unterstützung, die wir beispielsweise von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in Deutschland erhalten, um einen Markt für grünen Stahl zu ermöglichen.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Mittal, wie lange werden die globale Corona-Pandemie und die Folgen die Stahlindustrie finanziell beschäftigen?
Covid-19 hat den größten Teil der Welt überrascht und stellt nicht zuletzt aus gesundheitlicher Sicht eine unerwartete Herausforderung dar. Die von so gut wie jedem Land eingeführten Lockdown-Maßnahmen hatten eindeutig erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und natürlich auf die Stahlnachfrage. In einer Situation, in der die Nachfrage plötzlich schrumpft, müssen wir schnell handeln, um die Produktion und die Kosten in Einklang zu bringen. Wir haben das so gut gemacht, wie wir es hätten tun können – leider haben wir bereits einige Erfahrungen mit Krisen in den letzten Jahren gesammelt. In Bezug auf die längerfristigen Auswirkungen des Virus werden wir später diesen Sommer ein Update zu unseren Halbjahresergebnissen geben.

Was bedeutet die Krise für den Wandel zu klimaneutralen Produktionsverfahren?
Natürlich hören wir in Europa die Botschaft laut und deutlich, dass die Regierungen nicht wollen, dass Covid-19 die Dekarbonisierung der Wirtschaft verzögert. Sie suchen nach Möglichkeiten, um Corona-Konjunkturpakete an den Green Deal anzupassen – was vernünftig ist. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft ist sehr teuer. In schwer zu reduzierenden Sektoren wie Stahl ist das nicht allein möglich - das war auch bereits vor Corona der Fall. Wir sind dafür verantwortlich, die Technologien zu entwickeln und zu erproben, die den Stahlherstellungsprozess dekarbonisieren. Wir brauchen aber eine Politik, die es ermöglicht, diese Technologien erschwinglich und kommerziell zu machen. Das ist nicht unähnlich zu dem, was der Sektor für erneuerbare Energien in den vergangenen 15 Jahren erhalten hat. Wenn alle Beteiligten zusammenarbeiten, bin ich zuversichtlich, dass wir gemeinsam den Weg frei machen können, der die Dekarbonisierung der europäischen Stahlindustrie ermöglicht und einen wichtigen Beitrag zum Green Deal leistet.

Klimaneutraler Stahl bedeutet für die Abnehmer zunächst einmal steigende Kosten. Wie lassen sich dennoch Kaufanreize im Vergleich zu günstigeren Importprodukten setzen?
Das ist eine entscheidende Frage. Wir wissen, dass unsere Kunden grünen Stahl wollen. Aber werden sie bereit sein, mehr dafür zu bezahlen? Wenn grüner Stahl nicht zu wettbewerbsfähigen Bedingungen hergestellt werden kann, wird er nicht überleben. Das bringt uns wieder zur Politik zurück. Wir sind dankbar für die politische Unterstützung, die wir beispielsweise von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in Deutschland erhalten, um einen Markt für grünen Stahl zu ermöglichen. Am Ende des Tages kostet die Dekarbonisierung Geld. Es muss eine Politik entworfen werden, die finanzielle Unterstützung und Anreize bietet, die die europäische Stahlindustrie zur Dekarbonisierung benötigt. Es ist anzunehmen, dass die Kosten für eine grüne Energieinfrastruktur im Laufe der Zeit sinken werden, aber das wird wahrscheinlich viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte entfernt sein. Daher muss es eine Politik geben, die den Übergang in der Zwischenzeit unterstützt.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang den Plan der EU-Kommission, die Klimaziele für 2030 deutlich zu verschärfen?
Mit unterstützender Politik ist es machbar. Arcelor-Mittal ist das weltweit führende Stahlunternehmen mit Hauptsitz in Europa. Wir verfügen über hervorragende Forschungs- und Entwicklungskapazitäten. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir das Problem mit einer technologischen Perspektive lösen können. Aber wir brauchen die richtige Politik. Wenn Sie sich den Sektor der erneuerbaren Energien im Vergleich ansehen, hat diese Bereich in den vergangenen 15 Jahren sehr deutliche finanzielle Unterstützung erhalten, was zu erheblichen Fortschritten geführt hat. Es gibt also Präzedenzfälle bei dem, was wir benötigen.

Die Branche setzt in Deutschland bei der Bewältigung des Klimawandels große Hoffnungen in die Wasserstofftechnologie. Arcelor-Mittal setzt hingegen auf verschiedene Strategien in verschiedenen Ländern. Warum?
Die Dekarbonisierung des Stahlherstellungsprozesses ist eine so große Herausforderung, dass wir es für besser halten, in dieser Phase offen für potenzielle saubere Energiequellen zu bleiben, die letztendlich erfolgreich sein können. Das ist umso wichtiger, da wir in vielen Regionen der Welt tätig sind und verschiedene Regionen verschiedene Technologiewege priorisieren und unterschiedliche Arten der politischen Unterstützung bieten können. Wir verfolgen zwei grundlegende Technologierouten, die beide unterschiedliche saubere Energiequellen nutzen können. Beide haben das Potenzial, den Netto-Nullwert zu erreichen. Aktuell ist Smart Carbon weniger kostenintensiv als Wasserstoff-DRI, obwohl beide erhebliche Kosten mit sich bringen.

Während viele Stahlhersteller in Europa infolge des Nachfrageeinbruchs durch die Pandemie ihre Produktion heruntergefahren haben, ist der Ausstoß beispielsweise in China konstant geblieben. Was bedeutet das für den europäischen Stahlmarkt, wenn die Pandemie vorbei ist?
Die Stahlindustrie ist seit einigen Jahren von Überkapazitäten geprägt, und es ist nichts Neues, wenn Europa durch erhöhte Importe unter Druck gesetzt wird. Wir haben uns aktiv dafür eingesetzt, dass dies gemeinsam mit Eurofer angegangen wird. Aber Sie haben natürlich Recht, die aktuelle Situation trägt nicht zur Lösung dieses Problems bei, und es ist wichtig, dass Europa es ernst nimmt. Die aktuellen Schutzmaßnahmen der EU werden jedoch unter den gegenwärtigen Umständen nicht den erforderlichen Schutz bieten. Um eine nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen, brauchen wir vergleichbare Wettbewerbsbedingungen mit einem CO2-Grenzausgleich gegen unfaire Importe sowie Zugang zu sauberer Energie, nachhaltiger Finanzierung von Investitionen und einen Ausgleich zusätzlicher Kosten, um langfristig einen Markt für grünen Stahl zu ermöglichen.

Die chinesische Baowu-Gruppe hat ihre Produktionsmenge in den vergangenen drei Jahren um rund 50 Prozent gesteigert und rangiert beim Ausstoß nun keine zwei Millionen Tonnen hinter Arcelor-Mittal. Wird Arcelor-Mittal seine Position als weltgrößter Stahlhersteller behaupten können?
Wir bezeichnen uns nicht als den größten Stahlproduzenten der Welt, sondern sehen uns vielmehr als das weltweit führende Stahlunternehmen. Wir glauben, dass unsere Größe und Reichweite viele Vorteile bringt, aber Erfolg ist mehr als nur Größe. Unser Ziel ist es, Technologie- und Nachhaltigkeitsführer zu sein - zum Beispiel bei der Einführung des Responsible-Steel-Standards - und ich hoffe auch, dass wir führend im Klimawandel sein werden.

Derzeit sind viele Stahlproduzenten in Europa miteinander in Konsolidierungsgesprächen. Welche Rolle will ArcelorMittal bei der erwarteten Reorganisation der europäischen Stahlbranche spielen?
Wir konzentrieren uns darauf, unser derzeitiges Geschäft so stark wie möglich zu machen.