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Aus dem Arbeiterhaushalt in die FDP: Anna Neumann über Chancengerechtigkeit, Frauenquote und Machosprüche

·Lesedauer: 5 Min.

Anna Neumann stammt aus einer Arbeiterfamilie aus dem tiefsten Ruhrgebiet. Ihre Großeltern arbeiteten bis zur Schließung in der Stahlverhüttung in Hattingen, ihre Mutter als nicht examinierte Pflegekraft, ihr Vater ist Zahntechniker. Die 26-Jährige kandidiert für den Deutschen Bundestag. Was wäre bei ihrer Biografie naheliegender, als ein SPD-Parteibuch? Doch die ehemalige Arbeiterpartei ist es nicht geworden. Business Insider erklärt sie, warum: "Weil ich schon in jüngsten Jahren immer nach Eigenständigkeit und Selbstständigkeit gestrebt habe."

Die Familie wohnte in einem Mehrfamilienhaus, große Sprünge waren nicht möglich. "Wenn ich Urlaub mit Freunden machen, ein eigenes Auto oder irgendwann mal von zu Hause ausziehen wollte, musste ich anfangen zu arbeiten. Ich wollte meine Eltern nicht belasten, auch wenn sie jeden Cent umdrehen würden, um mir etwas zu ermöglichen. Aber das ist nicht mein Stil, deshalb habe ich mit 15 angefangen, Zeitungen auszutragen." Als erste in ihrer Familie machte Neumann das Abitur, bekam damit die Möglichkeit zu studieren. "Meine Familie war superstolz, als es mit mir zum ersten Mal jemanden gab, der eine Hochschulzugangsberechtigung hatte, denn das gab es vorher nicht."

Sozialer Aufstieg durch Bildung ist eines ihrer Schlüsselthemen

Ihr erstes Studium in den Fächern "Management und Economics" hat Anna Neumann abgebrochen. "Ich hatte die naive Vorstellung, dass ich in die Uni gehe und danach Top-Managerin werde." Sie habe da an Steve Jobs und andere gedacht, rückblickend völlig irrational, sagt sie. Nach eineinhalb Jahren habe sie gemerkt, dass es nicht das richtige sei und habe sich gesagt: "Wenn du jetzt nicht die Reißleine ziehst, dann wirst du in deinem Leben nicht mehr glücklich." Ein Problem habe darin bestanden, dass keiner in ihrer Familie sie zu unterstützen vermocht hätte, als es in ihrem Erststudium schwierig geworden sei. Eine schwierige Zeit sei das gewesen. Wenn der Akademiker-Hintergrund fehle, sei es in Deutschland noch viel zu häufig eine Herausforderung, sich im Studium zurechtzufinden, sagt Neumann: "Bildungserfolg ist immer noch viel zu stark vom Elternhaus abhängig", ihre eigene Geschichte sei da ein passendes Beispiel. Eines ihrer politischen Ziele sei daher, sozialen Aufstieg zu ermöglichen.

Die Bundestagskandidatin will sich für höhere Investitionen in Bildung einsetzen. In Gebiete mit sogenannten Problemschulen solle ihrer Ansicht nach das Geld fließen. Nur diese Herangehensweise würde für Chancengerechtigkeit sorgen. Außerdem müsse Schule individueller werden: „Ich empfinde die Schullaufbahn als Schablonen-System. Digitalisierung in der Bildung kann helfen, das aufzusprengen, damit die Schwächen Einzelner sichtbar werden und gezielter gefördert werden.“ Ihr sei schon auch klar, dass Bildung eigentlich Ländersache sei. Doch die Hattingerin findet, es brauche eine neue Definition des Föderalismus: "Ich will nicht die Bildung zentralisieren, sondern die Länder in Finanzierungsfragen unterstützen." Die Jungpolitikerin liefert ein greifbares Beispiel: „Die Toilette in meiner alten Schule wird wahrscheinlich, wenn ich morgen vorbeigehen würde, immer noch so aussehen würde wie vor acht Jahren – und das war damals schon nicht gut.“

Nach ihrem abgebrochenen Studium gab sie sich selbst ein halbes Jahr Zeit, wohnte weiter zu Hause und entschied sich dann für sich für Geschichte und Germanistik. Inzwischen besucht sie den Master-Studiengang Politik, Philosophie, Ökonomie an der Privatuni Witten/Herdecke. Ihr Studium finanziert sie unter anderem durch ihre Arbeit in der Bundesgeschäftsstelle ihrer Partei. Auch hier sieht die 26-Jährige einen Ansatzpunkt für Veränderung, sollte sie es in den Bundestag schaffen: "Die Rate der Bafög-Bezieher in Deutschland liegt bei unter zwölf Prozent. Die Studenten arbeiten nebenbei alle, sie müssen im Kino jobben – wie ich – oder kellnern, und wissen daher, wie es ist, Geld zu verdienen." Die Lebensrealität junger Menschen sei häufig bestimmt von Mini- und Midijobs, in denen sie nicht mehr als 450 Euro beziehungsweise maximal 1300 Euro monatlich verdienen dürften. Diese Zuverdienstgrenzen will Anna Neumann anheben. Das Versprechen von Eigenständigkeit und sozialem Aufstieg habe sie als Studentin zur FDP. "Weil die FDP sich in meinen Augen dafür einsetzt, dass die Rahmenbedingungen dafür vorhanden sind", sagt die Bundestagskandidatin.

Sie möchte die junge Generation im Parlament vertreten, deren Themen seien viel zu kurz gekommen in der Corona-Pandemie. Im Wahlkampf werde die junge Politikerin häufig mit Vorurteilen konfrontiert. Bei einer Podiumsdiskussion habe ihr der Mitbewerber, ein Mittsechziger, die Qualifikation abgesprochen. Er habe viele Jahre lang "malocht", würde damit mehr Erfahrung mitbringen. Das mache die 26-Jährige wütend: „Die Politik schreit danach, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen sollen. Ich sage: Mache ich gerne! Deswegen bewerbe ich mich für ein politisches Mandat. Ich fordere aber Respekt von allen Altersgruppen statt gönnerhafter Sprüche. Es geht um den eigenen Wertekompass und was man bewegen möchte und nicht darum, ob ich zehn Jahre im Arbeitsleben auf dem Buckel habe.“

Ein Hindernis auf ihrem Weg nach oben lauert möglicherweise in ihrer eigenen Partei. Denn Frauen in Führungspositionen sucht man in der FDP aktuell vergebens. Parteichef Christian Linder musste sich schon häufiger den Vorwurf, er führe eine Männerpartei, gefallen lassen. Bei dem Thema ist Anna Neumann voll auf Parteilinie: "Ich bin nicht für eine Frauenquote, weil ich glaube, dass das die Stimmung und Kultur innerhalb einer Partei toxischer macht." Stattdessen sollte bei der Listenaufstellung komplett auf Quotierungen verzichtet werden, wenn es nach Neumann ginge: „Entweder überhaupt keine Identitätsmerkmale mehr, das hieße auch den Verzicht auf einen Bezirksproporz, oder wir sagen, wir haben bestimmte Quotierungen.“

Ihre Partei müsse nach außen hin die Diversität und Vielfalt, die in der Basis vorhanden sei, stärker zeigen, sagt die Bundestagskandidatin. „Es sollen nicht überall dieselben 08/15-Typen antreten. So überzeugen wir nicht mehr als die Stammwähler davon, die FDP zu wählen.“ Genau mit dieser Einstellung habe sie sich innerparteilich bei der Kandidatensuche zur Bundestagswahl durchgesetzt. Dass sie die Liberalen in der Kommunalwahl von 1,34 Prozent auf 11,9 Prozent gehievt hatte und damit das beste Bezirksergebnis der FDP in Nordrhein-Westfalen eingefahren hatte, half natürlich auch. Dabei hätten ihr Parteifreunde zuvor geraten, „in Welper brauchst du gar keinen Wahlkampf zu machen“. Im Bundestags-Wahlkampf geht Neumann verstärkt in Gebiete, in denen traditionell die SPD stark ist. Denn Anna Neumann, selbst aus einer Arbeiterfamilie in Hattingen, sei sich sicher: Nur weil von außen betrachtet alles auf die SPD hindeute, könne trotzdem noch Potenzial für ihre FDP zu heben sein.

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