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Apoorva Mehta revolutioniert mit Instacart den Lebensmittelhandel

In der Coronakrise boomt das Geschäft des US-Einkaufsdiensts. Investoren bewerten das verblüffend einfache Modell inzwischen mit 14 Milliarden Dollar.

Für viele Deutsche in New York ist Instacart in diesen Corona-Zeiten die Rettung: Sie können sich dank des Onlineshopping-Diensts die Nürnberger Rostbratwürstchen und Moser-Roth-Zartbitterschokolade von Aldi direkt vor die Haustür liefern lassen. Egal ob Aldi, Wegmans oder Key Food: Hinter den Internetseiten vieler großer Supermärkte steckt immer häufiger die Technologie und Logistik von Instacart.

Seit Corona viele Menschen aus Angst vor Corona-Ansteckung in ihre eigenen vier Wände verbannt, sind Lebensmittel online extrem gefragt. Davon profitiert auch Apoorva Mehta, Mitgründer und CEO von Instacart. Erst vor wenigen Tagen konnte er sich weiteres Wagniskapital in Höhe von 225 Millionen Dollar sichern. DST Global und General Caralyst bewerten damit das Unternehmen mit knapp 14 Milliarden Dollar. Vor Corona wäre das wohl kaum vorstellbar gewesen.

Dabei ist das Geschäftsmodell verblüffend einfach: Instacart bietet eine Plattform und analoge Einkäufer für all jene Einzelhändler an, die keinen eigenen Onlinehandel aufbauen wollen. Kunden bestellen auf der Website ihres Supermarkts. Instacart sorgt im Hintergrund dafür, dass seine „Shopper“ genannten Einkäufer mit der Einkaufsliste in den Laden gehen, die Produkte zusammensuchen und den Kunden die Einkaufstüten vor die Haustür liefern.

Der in Indien geborene und in Kanada aufgewachsene 33-jährige Mehta hat das Unternehmen 2012 im kalifornischen San Francisco gegründet. Zuvor hatte der Ingenieur nach kurzen Stippvisiten bei den Unternehmen Qualcomm und Blackberry zwei Jahre beim Onlinehändler Amazon gearbeitet. Dort war er dafür zuständig, die Zeit zwischen Bestellung und Lieferung der Pakete zu verkürzen, und er bekam so einen Einblick in die schwierige Welt der Logistik.

Zwei Jahre lang hatte er sich an verschiedenen anderen Start-ups probiert, bis er schließlich mit zwei Kollegen Instacart gründete. Schnell konnte er verschiedene Supermärkte als Kunden gewinnen, darunter auch die Bio-Supermarktkette Whole Foods.

Whole Foods als Kunden verloren

Whole Foods war einer von Instacarts größten Kunden, als Amazon vor drei Jahren die Supermarktkette übernahm. Nach der Übernahme trennten sich die Wege. Beobachter sagten bereits den Niedergang von Instacart voraus.

Doch Mehta bewies ihnen das Gegenteil: Er gewann große Kunden wie Aldi und wuchs weiter. Mit der Coronakrise ist die Nachfrage nach den Instacart-Diensten so hoch wie lange nicht mehr. Gerade in Städten wie dem Corona-Hotspot New York, wo die wenigsten Menschen ein Auto haben und Anbieter wie Fresh Direct und Amazon Fresh völlig überlastet waren, war Instacart in den Zeiten der Pandemie die Rettung.

Die Finanzierung kommt zu der Zeit der Lockdowns, in der Instacart „weiterhin einen noch nie da gewesenen Anstieg der Kundennachfrage erlebt“, teilte das Unternehmen mit. „Über Nacht ist Instacart ein existenzieller Dienst für Millionen von Familien in ganz Nordamerika geworden“, sagte Mehta. Die Zahl der Orders habe sich gegenüber dem Vorjahr verfünffacht.

Im April hatte Instacart laut einer Studie des Dateninformationsdienstes „Second Measure“ einen Anteil am Online-Lebensmittelmarkt von 57 Prozent. Im Mai ist dieser Anteil wohl leicht gesunken, er liegt aber immer noch bei mehr als 50 Prozent.

Um der hohen Nachfrage gerecht zu werden, hat Instacart im März 300.000 neue Shopper an Bord geholt und angekündigt, weitere 250.000 einzustellen.
Solche Nachrichten sind zwar in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten äußerst willkommen. Doch für die Shopper sieht die Welt oft nicht gerade rosig aus. Das haben zuletzt Proteste gezeigt.

Viele Instacart-Shopper sind als Selbstständige tätig und gehen ein hohes Risiko ein. Gerade zu Beginn der Pandemie haben sie oft mit unzureichender oder sogar ganz ohne Schutzkleidung die vollen Supermärkte aufgesucht, als noch kaum jemand Masken trug, obwohl das Virus schon weitverbreitet war.

Ärger beim Trinkgeld

Das Infektionsrisiko war hoch. Mehr noch: Wie viele dieser „Shopper“ sich angesteckt und rasch weitere Menschen infiziert haben, ganz besonders bei Ausbruch der Krise im Spätwinter, liegt im Dunkeln.

Aus diesem Grund hatten einige Shopper im März auf ihre gefährliche Lage hingewiesen. Sie protestierten in der Öffentlichkeit und verlangten einen Gefahrenzuschuss von fünf Dollar pro Order und ein verbindliches Trinkgeld von zehn Prozent.

An der amerikanischen Westküste in Seattle hat der Stadtrat daraufhin erwogen, den Gefahrenzuschuss bis zum Jahr 2023 per Gesetz durchzusetzen. „Unsere Frontline-Arbeiter überall im Land, von medizinischen Fachkräften bis zu Supermarktangestellten, haben Gefahrenzuschläge erhalten, um sie für das höhere Corona-Risiko zu entschädigen, dem sie ausgesetzt sind“, erläuterte der Stadtrat Andrew Lewis seinen Vorschlag.

„Unsere Frontline-Fahrer, von Essenslieferdiensten bis zu denen, die uns von A nach B bringen, sollten auch dafür belohnt werden, dass sie an der Front der Pandemie stehen“, sagte Lewis. Instacart will sich indes darauf nicht einlassen. Das Unternehmen ging auf Konfrontationskurs und drohte stattdessen, Seattle künftig nicht mehr zu beliefern.

Auch beim Trinkgeld gab es zuletzt Ärger: Nach Medienberichten, wonach Kunden die Shopper mit hohen Trinkgeldern locken, die sie nach der Lieferung dann aber wieder streichen, hat Instacart diese Möglichkeit nun gestrichen.

Bei Aldi etwa zahlen Kunden 5,99 Dollar Gebühr pro Einkauf zuzüglich eines Trinkgelds, das üblicherweise zwischen zehn und 15 Prozent liegt. Außerdem kosten die Produkte etwas mehr als im Laden. Doch verglichen mit den meisten Supermärkten im Umkreis von New York sind die Preise immer noch äußerst günstig. Und Nürnberger Rostbratwürstchen und Moser-Roth-Schokolade gibt es auch in den wenigsten Läden.