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Der Antritt des neuen Markenchefs von Volkswagen

Anfang Juni hat eine schwere Führungskrise den VW-Konzern erschüttert. Ralf Brandstätter übernimmt deshalb zum 1. Juli die Führung bei der Marke Volkswagen.

Der neue Volkswagen-Markenchef tritt sein Amt zum 1. Juli an. Foto: dpa

Chefposten werden in großen Konzernen in aller Regel mit längerem zeitlichen Vorlauf vergeben. Die wichtigsten Kapitalvertreter im Aufsichtsrat müssen vorab gehört werden. Und wo es die Mitbestimmung gibt, haben auch die Betriebsräte ein gehöriges Wörtchen mitzureden.

Bei Ralf Brandstätter war das völlig anders. Kurz nach Pfingsten, also Anfang Juni, hatte er noch keine Ahnung davon, was ihn einige Tage später ereilen würde. „Nein“, antwortet er auf die entsprechende Frage, ob er schon länger von seiner bevorstehenden Beförderung zum Vorstandsvorsitzenden gewusst habe.

Manchmal gibt es auch im recht bürokratischen Volkswagen-Konzern keine Zeit für lange Vorgespräche. VW-Vorstandschef Herbert Diess hatte sich Anfang Juni – damals auch noch Vorstandsvorsitzender der Marke Volkswagen – den Zorn seiner wichtigsten Kontrolleure zugezogen. Auf einem internen Managementtreffen hatte Diess einigen Aufsichtsräten vorgehalten, dass sie interne Informationen an Medien weitergereicht hätten – was aus seiner Sicht einer Straftat gleichgekommen wäre.

Die Aufsichtsräte zürnten. Beinahe hätte Diess, 61, auch seinen Posten als Chef des gesamten Konzerns räumen müssen. Dann befanden die VW-Kontrolleure, dass ihm der Vorstandsposten bei der Marke Volkswagen entzogen wird. Für alle Seiten gesichtswahrend wurde hinterher davon gesprochen, dass Diess ohne Verantwortung für die Marke besser seinen strategischen Aufgaben als Konzernchef nachkommen könne.

Und an diesem Punkt kommt Brandstätter ins Spiel. Die Aufsichtsräte mussten nicht lange überlegen, wem sie den Chefposten bei der Marke geben würden. Seit bald zwei Jahren arbeitet der 51-jährige VW-Manager als „Chief Operating Manager“ (COO) der Marke. Er war der Mann für das Tagesgeschäft, um Diess in dessen Doppelfunktion als Konzern- und als Markenchef zu entlasten.

Zum 1. Juli steigt Brandstätter nun also zum Vorstandsvorsitzenden der Marke Volkswagen auf. „Damit bekomme ich als Vorgesetzter das volle Durchgriffsrecht im Vorstand“, beschreibt er selbst die aus seiner Sicht wichtigste Veränderung. Als COO der Marke sei er nur der „Primus inter Pares“ unter den anderen gleichberechtigten Vorstandsmitgliedern gewesen. Disziplinarisch zieht er jetzt an den anderen Markenvorständen vorbei.

Brandstätter gilt als Teamplayer

Niemand in Wolfsburg erwartet allerdings, dass Brandstätter zum 1. Juli bei der Marke ein strenges Regiment vorleben wird. Der studierte Wirtschaftsingenieur gilt intern als Teamplayer. „Sein Managementstil ist integrativ“, sagt ein VW-Insider. Brandstätter sei längst nicht so polarisierend wie sein Vorgänger auf dem Chefposten der Marke - Herbert Diess.

Noch ein anderer Punkt dürfte dem neuen Markenchef im Wolfsburger Alltag helfen: Brandstätter hat die Rückendeckung von Betriebsratschef Bernd Osterloh. Herbert Diess wollte vor zwei Jahren eigentlich einen anderen Vertrauten zum COO der Marke Volkswagen machen. Doch der Betriebsrat hatte maßgeblichen Anteil daran, dass es Brandstätter wurde.

Der Manager ist durch und durch ein Volkswagen-Mann, 33 Jahre arbeitet er schon für den Konzern. Er stammt aus Braunschweig, kommt also aus der Region. Nur zweimal hat er Wolfsburg und Umgebung für längere Zeit verlassen: für das Studium in Wilhelmshaven und für die fünf Jahre bei der spanischen VW-Tochter Seat.

Loyalität gehört zu seinem Stil: Niemals würde sich Brandstätter öffentlich allzu kritisch über Volkswagen äußern. Auch zu der Episode, die Diess Anfang Juni fast den Chefposten im Konzern gekostet hätte, hält sich Brandstätter diplomatisch vornehm zurück. Er freue sich vielmehr über das Vertrauen, dass ihm Diess mit der Übergabe des Chefpostens bei der Marke entgegenbringe. Mit dem Aufstieg vom COO zum CEO erlebe er eine „Evolution der Verantwortung“.

Die Coronakrise könnte Volkswagen und damit Brandstätter in den kommenden Monaten zu schwierigen Entscheidungen zwingen, auch beim Personal. Dann sind da noch die Qualitäts- und Produktionsmängel bei neuen Autos wie dem Golf und dem Elektromodell ID.3, die vor allem Herbert Diess angelastet werden. Diese Probleme muss Ralf Brandstätter in den Griff bekommen – auch das gehört zu seinen Aufgaben als neuer Marken-CEO.