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Antoine Frérot wird vom Gejagten zum Jäger

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Zweimal wollten seine Feinde den Chef des Versorgers Veolia schon aus dem Amt drängen. Nun holt er zum Schlag gegen den Konkurrenten Suez aus.

Wer Antoine Frérot zum ersten Mal begegnet, kann ihn leicht unterschätzen: Leicht gebeugt gehend und mit einem entspannten Bariton redend, wirkt er wie ein älterer Herr, der ohne große Ambitionen das Leben genießt. Doch weit gefehlt: Mit dem Versuch, den etwas kleineren Konkurrenten Suez zu schlucken, mischt der Chef des Pariser Konzerns Veolia Environnement die französische und europäische Wasser- und Abfallwirtschaft auf. Sein feindlicher Übernahmeversuch hat Freund und Feind, Politik und Gewerkschaften auf den Plan gerufen.

Am Mittwoch baten der Wirtschafts- und der Finanzausschuss der Nationalversammlung die Verantwortlichen von Veolia und Suez, ihnen Rede und Antwort zu stehen, weil mit der Wasserversorgung und Kreislaufwirtschaft „das öffentliche Interesse berührt ist“, wie der Vorsitzende des Finanzausschusses, Eric Woehrt, formulierte. In Frankreich ist der Staat zwar wirtschaftlich viel präsenter als in Deutschland. Doch die Wasserversorgung wurde bereits vor Jahrzehnten privatisiert. In Berlin versuchte der Senat das mit Veolia und RWE, doch nach einem Volksentscheid wurde die Teilprivatisierung 2012 zurückgedreht.

Frérot weiß, wie wichtig die Rückendeckung durch die Politik ist und wie leicht das Argument verfangen kann, mitten in der Krise spiele er Monopoly. Deshalb verbreitet er eine leicht verständliche Botschaft: „Wir müssen unsere Kräfte jetzt bündeln, wenn wir in 20 Jahren noch eine Rolle spielen wollen, anders als in so vielen Branchen, in denen Frankreich nicht mehr präsent ist.“

Überall kämen die Konkurrenten hoch, China greife an: In Deutschland sei die Nummer zwei der Abfallwirtschaft schon chinesisch. „Wenn wir jetzt nicht handeln, gibt es in Zukunft nicht mehr zwei große französische Wettbewerber mehr, sondern keinen!“

Seit Jahren belauern sich die beiden aus der Générale des Eaux (Veolia) und der Lyonnaise des Eaux (Suez) entstandenen Konkurrenten. Immer wieder gab es Annäherungs- oder Übernahmeversuche von der einen oder der anderen Seite. Doch alle Versuche, aus zwei Champions einen zu machen, scheiterten.

Seit 30 Jahren bei Veolia

Frérot wusste also, worauf er sich einlassen würde, als er sein Gebot für die rund 30 Prozent der Suez-Aktien vorbereitete, die der Energieversorger Engie (vormals GDF Suez) hält und verkaufen will. Nach dieser Akquisition will Veolia ein Übernahmegebot für die restlichen Aktien machen. Durch eine Fusion würde ein Gigant mit 250.000 Beschäftigten und 45 Milliarden Euro Umsatz entstehen.

Der 62-jährige Frérot arbeitet seit 30 Jahren bei Veolia, seit 2010 leitet er das Unternehmen. Mit der École polytechnique hat er eine der besten Eliteschulen absolviert. Anschließend unterrichtete er an der École nationale des ponts et chaussées und begann schon früh, sich mit Umweltfragen zu befassen, über die er heute kompetent urteilen kann und die er als potenziellen Gewinnbringer entdeckt hat.

In Strategie und Taktik, im Austricksen seiner Feinde ist er geübt. Zwei Putschversuche hat er überlebt: Den ersten orchestrierte 2012 sein Vorgänger Henri Proglio, der als Chef zum Energieversorger EDF gewechselt war. 2014, als die Konzentration des Unternehmens auf Wasserversorgung und Umweltdienstleistungen sowie der Schuldenabbau erste Früchte trugen, versuchte der Großaktionär Dassault, Frérot über die Klinge springen zu lassen. Auch das misslang.

Bevor er sein Angebot Ende August formulierte, holte Frérot sich die Rückendeckung der Politik. Von Premier Jean Castex erhielt er geradezu den Ritterschlag: „Das Projekt ergibt Sinn“, äußerte der nach einem Gespräch mit dem Angreifer. Auch mit der EU-Kommission hat er schon Rücksprache gehalten, er weiß, welche Auflagen sie für eine Fusion formulieren wird: Die Wasseraktivitäten von Suez in Frankreich muss er verkaufen, auch einen Teil der Abfallwirtschaft. Auch in Australien und Großbritannien sind Desinvestitionen nötig. Der umsichtige Frérot hat schon Käufer organisiert.

Hektische Reaktionen bei Suez

Suez dagegen hat die Offerte unvorbereitet getroffen. CEO Bertrand Camus und Verwaltungsratschef Philippe Varin, der früher Peugeot führte, reagieren etwas hektisch: Da sie noch keine alternativen Interessenten für den Kauf der Engie-Aktien haben, versuchen sie, die eigenen Aktionäre mit einer Sonderdividende von einer Milliarde Euro zu beeindrucken. Dafür werden im Eiltempo Aktivitäten verkauft, die die beiden Chefs als nicht strategisch ansehen: in Frankreich, Deutschland und Schweden. Ein großer Teil geht an die Schwarz-Gruppe, Muttergesellschaft von Lidl.

Das wirkt wie ein Ausverkauf und ist ein gefundenes Fressen für Frérot. Offen spielt er die nationale Karte aus: „Mein Projekt ist rein französisch. Überall auf der Welt wächst das Interesse an der ökologischen Wende, wir bieten die Lösungen dafür“, versicherte er den Abgeordneten am Mittwoch. Eine Jobgarantie könne er „hier und jetzt unterschreiben“. Suez dagegen zerlege sich gerade. Dann versetzte er den Gejagten einen Tiefschlag: „Es ist nicht im französischen Interesse, wenn wichtige Aktivitäten von Suez an einen deutschen Discounter verscherbelt werden und mitten in der Coronakrise eine Milliardendividende an die Aktionäre geht.“

Noch ist der Jäger nicht am Ziel. Doch man sieht nicht recht, wer ihn noch aufhalten soll.