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Angela Merkel hat in der Krise einmal mehr gezeigt, was wir an ihr haben

von der Leyen, Ursula
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Als sich das Coronavirus durch Europa fraß, erwies sich die Bundeskanzlerin als verlässliche Krisenmanagerin. Das zeichnet sie über ihre gesamte Amtszeit aus.

Als kluge Strategin ist die Kanzlerin jederzeit in der Lage, den Takt zu kontrollieren, wenn die Umstände schwierig sind. Foto: Dpa, Getty Images (Montage: Handelsblatt)
Als kluge Strategin ist die Kanzlerin jederzeit in der Lage, den Takt zu kontrollieren, wenn die Umstände schwierig sind. Foto: Dpa, Getty Images (Montage: Handelsblatt)

An den Tag, an dem ich Angela Merkel zum ersten Mal traf, erinnere ich mich noch genau. Es war im Jahr 2003, und ich war ganz neu im Amt als Landesministerin in Niedersachsen. Sie übernahm im Zoo in Hannover die Patenschaft für einen Pinguin namens „Helmut“.

Es war ein typischer Termin in der Fläche. Aber Angela Merkel war ehrlich interessiert, aufmerksam und versprühte ihren unvergleichlichen trockenen Humor. Ein Jahr später gewann sie die Bundestagswahl und wurde die erste Kanzlerin Deutschlands.

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Nicht jeder hat ihr damals eine Weltkarriere zugetraut. Doch dass sie bereits so lange auf allen politischen Bühnen erfolgreich ist, hat gute Gründe. Angela Merkel ist eine grundkluge und durchsetzungsstarke Politikerin.

Als Ministerin habe ich Angela Merkel in vielen langen Verhandlungsnächten erlebt, aber auch in kraftzehrenden Richtungsdebatten auf nationaler und internationaler Ebene. Teilweise zogen sich solche Diskussionen über Wochen und Monate.

Laudatorin Angela Merkel Bei Der Verleihung Der "Goldenen Feder" In Der Hamburger Handelskammer . (Photo by Franziska Krug/Getty Images)
Angela Merkel im Jahr 2003 (Bild: Franziska Krug/Getty Images)

Eine kluge Strategin auf nationaler und internationaler Ebene

Angela Merkel ist eine gewiefte Taktikerin. Wenn sie sich entschieden hat, dann geht sie beharrlich und mit strategischer Geduld vor. Und stets mit großer Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit. Nie verliert sie im Getümmel Ziel oder Horizont aus den Augen.

Als kluge Strategin ist sie jederzeit in der Lage, den Takt zu kontrollieren, wenn die Umstände schwierig sind oder ein unkontrolliertes Vorpreschen gerade zu riskant wäre. Etwa vor wichtigen Landtagswahlen oder Parteitagen. Auch auf europäischer Ebene weiß sie genau, bei welchem Amtskollegen wann Wahlen anstehen oder ob es sonst Umstände gibt, auf die sie Rücksichten nehmen muss.

Auch kleinere Partner spüren und schätzen diese Sensibilität, das ehrliche Interesse und ihr stets offenes Ohr für alle Belange. Dank dieser 360-Grad-Kontakte und ihres Detailwissens erkennt sie früh, wenn sich politische Fenster auftun, weil scheinbar konkurrierende Interessen sich plötzlich überschneiden oder Mehrheiten zu kippen beginnen. Dann gelingt das internationale Abkommen, oder der Koalitionsausschuss bringt doch noch die unerwartete Einigung.

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Angela Merkel kann, wenn sie den Augenblick für günstig hält, mühelos die Gangart wechseln und für viele Beobachter überraschend in die Offensive gehen. So hat sie viel dazu beigetragen, ihre Partei, die CDU, zu modernisieren. Sie hat sich zum genau richtigen Zeitpunkt ein Herz gefasst und die Initiative ergriffen, als die CDU sich von ihrem Vorsitzenden abnabeln musste, während vielen anderen in der Partei dieser Schritt noch zu schwerfiel.

Angela Merkel hat sich fast zwei Jahrzehnte gegen unzählige interne wie externe Gegner behauptet und ihre Stärken stetig weiterentwickelt. Ausdauer und kluge Tempowechsel sind ihre Spezialität geblieben. So war es etwa in der Familienpolitik, bei der Atomkraft und beim Klimaschutz. Und so ist es auch beim Thema Europa.

BERLIN, GERMANY - JULY 17: German Chancellor Angela Merkel (R) and outgoing Defense Minister Ursula von der Leyen attend the appointment ceremony of new Defense Minister Annegret Kramp-Karrenbauer at Schloss Bellevue on July 17, 2019 in Berlin, Germany. Von der Leyen is relinquishing her post following her election yesterday by the European Parliament by a slim margin as new president of the European Commission. (Photo by Sean Gallup/Getty Images)
Seit Jahren politische Partner: Angela Merkel und Ursula von der Leyen (hier im Juli 2019) (Bild: Sean Gallup/Getty Images)

Angela Merkel wusste immer um die Bedeutung Europas für die Deutschen. Ihr Verhältnis zu Europa ist sicher anders als das von Helmut Kohl oder Theo Waigel, aber es wurzelt ebenso tief. Ihre Stärke ist die nüchterne Analyse.

Angela Merkel kennt beides sehr genau – die großen Vorteile, aber auch die konstruktionsbedingten Schranken unserer Europäischen Union. Und sie weiß um die Eigenheiten der sie tragenden Mitgliedstaaten wie kaum jemand sonst.

Während der Pandemie stieg die Wertschätzung der Kanzlerin steil

Europa hat Angela Merkel viel zu verdanken. In der Finanz- und in der Eurokrise trug sie gegen große interne Widerstände viel dazu bei, ein Auseinanderbrechen der Europäischen Gemeinschaft oder des Euros zu verhindern. Ich habe das damals als Bundestagsabgeordnete und Mitglied ihrer Regierungsmannschaft unmittelbar erlebt.

Sie wurde damals für ihre Haltung im In- und Ausland hart angegangen. Was den einen viel zu viel war, war den anderen zu wenig. Und es wird nicht ganz spurlos an ihr vorübergegangen sein, dass der hohe Wert ihres Einsatzes für den Erhalt der Union in einer existenziellen Krise nicht überall entsprechend gewürdigt wurde.

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In der Coronakrise hat Angela Merkel erneut gezeigt, dass sie mit Herz und Verstand hinter Europa steht. Wieder einmal hat sie die Gunst der Stunde erkannt und entschlossen mit dem engen Partner Frankreich gehandelt. Zu Beginn des Jahres 2020 war die politische Debatte in Deutschland, aber auch im Ausland vom Führungsvakuum in der CDU bestimmt. Kann die Kanzlerin in Deutschland und Europa führen, wenn offen ist, wer Parteivorsitzender und möglicher Nachfolger als Kanzler wird?

Angela Merkel hat die Antwort auf ihre Art gegeben. Als sich das Virus durch Europa fraß, brauchte die Kanzlerin nicht lange, um die Deutschen und die Welt daran zu erinnern, was sie an ihr als Krisenmanagerin haben. Die Wertschätzung der Kanzlerin in der eigenen Partei, in Deutschland, aber auch im Ausland stieg steil.

Ihre Ausdauer und Genauigkeit sind bei Partnern gefürchtet wie geachtet

Angela Merkel münzte dieses gewachsene politische Kapital im Frühjahr sofort um in eine historische Entscheidung für die Zukunft unserer Europäischen Union. Ohne die mutige Unterstützung Deutschlands und Frankreichs hätte die EU-Kommission ihren Wiederaufbauplan nicht so gut auf den Weg bringen können.

Dieser Rückenwind war entscheidend für unser Vorhaben, Europa mit einer gewaltigen finanziellen Anstrengung aus der tiefen wirtschaftlichen Krise herauszuhelfen und zugleich in eine bessere Zukunft zu führen: ein grüneres, digitaleres und widerstandsfähigeres Europa. Wir haben es heute in Europa mit dem geplanten Wiederaufbauprogramm Next Generation EU selbst in der Hand, aus dieser Krise geeinter und stärker herauszukommen.

Jetzt, wo ihr in den letzten Tagen der deutschen Ratspräsidentschaft gelungen ist, den komplizierten Knoten mit Ungarn und Polen zu lösen, sind einmal mehr zwei weitere Eigenschaften deutlich geworden, die Angela Merkel als Spezialistin für die Langstrecke auszeichnen: Stehvermögen und Fairness.

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Angela Merkel ist eine beinharte Verhandlerin. Sie bereitet sich extrem gut vor und trainiert präzise für jede wichtige Runde ihre Sachkunde. Ihre Ausdauer und Genauigkeit sind bei Partnern gefürchtet und geachtet zugleich. Selbst politische Gegner zollen Angela Merkel großen Respekt für ihre Fairness.

Ganz gleich, wie hart es hinter verschlossenen Türen zugeht, Angela Merkel achtet immer darauf, dass ihr Gegenüber erhobenen Hauptes den Raum verlassen und den Kompromiss bei seinen Anhängern verkaufen kann.

Angela Merkel legt viel Wert auf Verlässlichkeit. Sie weiß: Jede Saison ist lang, aber danach kommt gleich die nächste. Auch im politischen Leben sieht man sich mehr als einmal. Das Prinzip der Rücksicht im Augenblick des Erfolgs unterscheidet sie von anderen politischen Anführern, die die Gegenseite schon mal gezielt demütigen, um den Applaus aus dem eigenen Lager noch ein paar Dezibel zu steigern.

Dieser Typus Politiker erscheint im ersten Moment dominanter. Aber auf der Langstrecke, auch das zeigt die Geschichte, hatte er gegen Angela Merkel meist das Nachsehen. Deswegen prägt sie seit mehr als 15 Jahren deutsche und internationale Politik. Dazu herzliche Glückwünsche aus Brüssel.

Wer sonst noch auffiel

Christian Sewing

Ausgerechnet das Corona-Jahr 2020 scheint für den Vorstandschef der Deutschen Bank die Wende zum Besseren zu bringen. Lange zweifelten Investoren an seiner Strategie. Die Bank verlor Kunden, Marktanteile und Börsenwert. Nun wächst das Vertrauen vieler Finanzprofis in die Strategie des 50-Jährigen.

Sie beeindruckt, dass Christian Sewing unbeirrt an seinen Finanzzielen festhält, so als gäbe es keine Krise. Sewing weiß, wie wichtig es ist, weiter Kurs zu halten. Seine Vorgänger scheiterten daran, dass sie ihre Versprechen nie einhielten. Dass die Erfolge der Bank wieder stärker als geplant von den Investmentbankern abhängen? Geschenkt.

Zu Jahresbeginn stieg ein neuer Großinvestor ein, die Motivation der Mitarbeiter verbessert sich trotz des Sparkurses, und das Kreditbuch blieb bislang sauberer als das vieler Konkurrenten. Da lässt es sich auch verschmerzen, dass der Festakt zum 150-jährigen Bestehen der Bank im Frühjahr Corona-bedingt ausfiel. Yasmin Osman

Carsten Spohr

Die Erfolgsserie für den Lufthansa-Chef endete jäh. Kaum war 2019, ein weiteres gutes Jahr für die Airlinegruppe, abgeschlossen, ging es rapide bergab. Erst musste wegen des Coronavirus der Verkehr in Richtung China eingestellt werden, dann verhängte US-Präsident Donald Trump wegen der Pandemie ein Einreiseverbot für Europa.

Und schließlich zwang Covid-19 auch den Flugverkehr in Europa zu Boden. Aus dem Vorstandschef der größten europäischen Airline wurde ein Manager, der um das Überleben seines Unternehmens bangen musste. Doch kämpfen kann der Wirtschaftsingenieur und Pilot, der gerade 54 Jahre alt wurde. Wenngleich Carsten Spohr offen einräumt, dass es ihm schwerfällt, plötzlich zu schrumpfen.

Doch mittlerweile ist bei dem Lufthansa-Chef wieder die Zuversicht zurückgekehrt. Die Aussicht auf einen Impfstoff sowie die jüngsten Erfolge beim Beschaffen neuer Gelder am Kapitalmarkt sind für Spohr genau der Rückenwind, den er für seinen weiteren Kampf braucht. Denn an Baustellen mangelt es ihm nach wie vor nicht. Jens Koenen

Alexej Nawalny

Es war der bisherige Kampf seines Lebens, als Alexej Nawalny am 20. August auf dem Flug aus dem sibirischen Tomsk nach Moskau schreiend zusammenbrach. Und er ist bis heute nicht zu Ende. Geistesgegenwärtig ließ der Pilot die Maschine in Omsk notlanden, der 44-Jährige kam in eine Klinik, wenige Tage später wurde er nach Deutschland ausgeflogen.

In der Berliner Charité retten die Ärzte das Leben von Russlands wichtigstem Oppositionsführer. Während der zweifache Familienvater im Koma lag, stellten Forscher fest, dass Nawalny mit dem Chemiekampfstoff Nowitschok vergiftet wurde. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte vom Kreml volle Aufklärung.

Als der langjährige Antikorruptionskämpfer, der auf seinem Youtube-Kanal „Nawalny Live“ ein Millionenpublikum hat, überlebte, fiel die Entscheidung zur Forderung nach einem Baustopp der Pipeline Nord Stream 2. Nawalny will weiter kämpfen: Er will genesen, nach Russland zurückkehren und Präsident Putin herausfordern. Mathias Brüggmann

Johannes Reck

Zu Beginn der Coronakrise gehörte Johannes Reck zu den großen Optimisten. Trotz der Grenzschließungen stellte er Ende März ein Konzept vor, wie sein Start-up Getyourguide allein mit Kurzarbeit ohne Stellenstreichungen durch die Krise kommen sollte. Doch über die Monate zeigte sich: Ohne zu kämpfen wird der Vermittler von Reiseerlebnissen nicht durch die Krise kommen.

Ein Sechstel der Belegschaft musste im Herbst gehen – insgesamt 90 Leute. Reck schaffte es mit offener Kommunikation, die Notwendigkeit zu erklären. Allerdings ist der Sparkurs nur der Effekt der Coronakrise. Mittelfristig sieht Reck eine noch deutlich größere Gefahr: Google.

Er beobachtet, dass die Suchmaschine die Treffer von Seiten wie Getyourguide direkt anzeigt – und so mithilfe der Daten der spezialisierten Anbieter zur ersten Anlaufstelle für Nutzer wird. Zusammen mit anderen Gründern richtete sich Reck in mehreren offenen Briefen an das US-Unternehmen. Bislang brachte das kaum ein Einlenken – aber die Regulierer in der EU dürften das Thema höher auf ihre Agenda setzen. Christoph Kapalschinski

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