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Andreas Dombret: „Die Banken sind solide kapitalisiert“

Der ehemalige Bundesbankvorstand spricht über das Misstrauen gegenüber der Finanzbranche, ordnet die Gefahr einer globalen Rezession ein und lobt die EZB.

Der Ex-Bundesbanker lobt die EZB. Sie habe mit ihrem Notfallpaket besonnen und nicht alarmistisch reagiert. Foto: dpa

Ex-Bundesbanker Andreas Dombret kennt die Finanzbranche von allen Seiten. Lange Jahre war er im Vorstand der Bundesbank für die Bankenaufsicht zuständig, heute arbeitet er als Global Senior Advisor für die Unternehmensberatung Oliver Wyman. In Zeiten von Corona sei nun vor allem die Fiskalpolitik gefragt, sagt er im Interview mit dem Handelsblatt.

Dombret ist der Meinung, „dass die Märkte die Risiken zunächst unterschätzt haben – und erst spät begonnen haben, diese Gefahren zu erkennen“.

Die US-Notenbank hat bereits gehandelt und die Zinsen überraschend schnell und deutlich gesenkt – die EZB jedoch nicht. „Die EZB hat mit ihrem Notfallpaket besonnen und nicht alarmistisch reagiert – und das ist gut so“, urteilt der Wirtschaftswissenschaftler.

Im Interview nennt er konkrete Vorschläge, was der Staat tun könnte, um eine Finanznot bei Firmen zu verhindern und um das Vertrauen in die Banken zu stärken.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Dombret, wie gefährlich ist das Coronavirus für die Märkte und für das Finanzsystem?
Um diese Frage beantworten zu können, müsste man die langfristigen Wirkungen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft abschätzen können. Das ist im Moment unmöglich. Klar scheint mir aber, dass die Märkte die Risiken zunächst unterschätzt haben – und erst spät begonnen haben, diese Gefahren zu erkennen. Die Märkte preisen jetzt eine schwere Rezession und ein geopolitisches Risiko von besonderem Ausmaß ein.

Ist das übertrieben, oder droht tatsächlich eine globale Rezession?
Das Coronavirus sorgt erst einmal für einen klassischen Angebotsschock, dessen Potenzial nicht einzuschätzen ist, aber wir sehen bereits Störungen in den globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten. Wie stark diese Störungen ausfallen werden, hängt davon ab, wie lange der Schock anhält.

Sollte die Pandemie länger andauern und sich ausdehnen, droht in Europa und Deutschland zusätzlich ein Nachfrageschock, weil China nicht nur Produkte exportiert, sondern auch ein wichtiger Abnehmer unserer Produkte ist. Grundsätzlich gilt: Wenn sich das Wachstum in der zweitgrößten Wirtschaftsnation der Welt stark verlangsamt, bedeutet dies automatisch enorme Ansteckungsgefahr für die Weltwirtschaft.

Die US-Notenbank hat bereits gehandelt und die Zinsen überraschend schnell und deutlich gesenkt – die EZB jedoch nicht. War das richtig?
Die EZB hat mit ihrem Notfallpaket besonnen und nicht alarmistisch reagiert – und das ist gut so. Einerseits wurden die Zinsen nicht weiter gesenkt, und andererseits wurden den Banken Kredite zu sehr günstigen Konditionen zur Verfügung gestellt. Notenbanken sind nicht allmächtig; Geldpolitik kann und darf kein Allheilmittel sein. Jetzt ist sehr viel stärker die Fiskalpolitik gefragt.

Was könnte der deutsche Staat Ihrer Meinung nach tun, um zu verhindern, dass Firmen durch Corona in Finanznot geraten?
Man kann sich eine ganze Reihe von sinnvollen Maßnahmen vorstellen, von Bürgschaftsprogrammen für Kredite über Steuerstundungen bis hin zu Finanzhilfen für Kurzarbeit.

Für die Banken ging es an der Börse noch schneller abwärts als für andere Branchen. Droht eine neue Finanzkrise?
Anders als 2008 liegen die Gründe für die Krise nicht im Finanzsystem. Damals entstanden die Risiken innerhalb des Bankensystems. Dieses Mal sind die Institute nicht die Ursache der Krise, sondern gehören zu den Betroffenen der durch das Coronavirus ausgelösten Verwerfungen.

Dennoch scheinen die Märkte an der Solidität der Banken zu zweifeln.
Die deutschen Banken mögen unter einer schwachen Börsenbewertung und einer schwachen Ertragslage leiden, aber sie sind solide kapitalisiert, und darauf kommt es im Moment an.

Was könnte der Staat konkret tun, um das Vertrauen in die Banken zu stärken?
Für die Aufsicht ist es in solchen Momenten sinnvoll, die Banken eng zu begleiten. Zum Beispiel durch Umfragen, in denen die Banken melden können, was derzeit für sie wichtig ist, was sie brauchen und wo sie sich Unterstützung wünschen.

Sollte man auch darüber nachdenken, die Belastungen durch die Regulierung für die Institute zu senken?
In solchen Phasen ist Fantasie gefragt, Denkverbote wären meiner Meinung nach völlig falsch.

An was denken Sie?
Wir nähern uns einer Sondersituation an. Wenn man den Banken jetzt nachweislich damit helfen könnte, dann könnte man die Einführung des großen, unter dem Kürzel „Basel III“ bekannten Regulierungspakets zum Beispiel um ein Jahr verschieben.

Herr Dombret, vielen Dank für das Interview.