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Andrea Orcel wird neuer Unicredit-CEO

Maisch, Michael Wermke, Christian
·Lesedauer: 5 Min.

Das monatelange Machtvakuum ist endlich vorbei: Der Italiener Andrea Orcel wird Nachfolger von Jean Pierre Mustier bei der Mailänder Großbank.

Für Andrea Orcel muss sich der neue Posten in Mailand wie eine Rückkehr zu den Ursprüngen anfühlen: Mehr als 20 Jahre ist es her, dass der Italiener dabei mithalf, die Unicredit-Gruppe aus der Taufe zu heben. Als Investmentbanker wirkte der heute 57-Jährige damals am Merger von UniCredito und Credito Italiano mit, auch bei der Übernahme der Münchner Tochter Hypovereinsbank (HVB) war er einer der Berater. Nun wird Orcel CEO der Unicredit, Italiens zweitgrößter Bank.

Mit der Personalie, über die seit Tagen spekuliert wird und die Unicredit am Mittwochabend bestätigt hat, findet ein monatelanges Machtvakuum sein Ende. Bereits im November kündigte Noch-Chef Jean Pierre Mustier an, sein Amt Mitte April zur Hauptversammlung abzulegen.

Der 60-jährige Franzose soll sich seit Jahren gegen Fusionen und Zukäufe gestellt haben. Am Ende zerstritt er sich wohl über die langfristige Strategie mit dem Verwaltungsrat.

Dabei soll auch die hochumstrittene Reprivatisierung der Krisenbank Monte Paschi di Siena (MPS) eine Rolle gespielt haben. Italiens Finanzministerium muss die verstaatlichte Bank in diesem Jahr wieder loswerden – und sucht dringend nach einem Käufer. Unicredit gilt dabei seit langem als Roms Favorit. Mustier soll auch den MPS-Deal vehement abgelehnt haben, selbst Großinvestoren rebellierten zuletzt dagegen.

Monate vergingen, in denen die Agentur Spencer Stuart akribisch nach einem Nachfolger für Mustier suchte. Dutzende Namen der europäischen Bankerszene ploppten auf, am Ende kristallisierte sich aber ein Zweikampf zwischen Orcel und seinem Landsmann Fabio Gallia heraus, General Manager des norditalienischen Schiffbaukonzerns Fincantieri. Dieses Duell hat Investmentbanker Orcel nun für sich entschieden, er wird sich Mitte April bei der Hauptversammlung zur Wahl stellen.

Ein legendärer Regenmacher

Vor 20 Jahren, als er den Unicredit-Deal mit einfädelte, galt der gebürtige Römer als einer der profiliertesten Banker bei Fusionen. Regenmacher heißen solche Spezialisten im Fachjargon, weil sie so gut in der Finanzwelt vernetzt sind, dass sie einen großen Deal nach dem anderen an Land ziehen – und dafür sorgen, dass ein warmer Honorar-Regen auf ihre Arbeitgeber niedergeht.

Damals arbeitete Orcel noch für die US-Investmentbank Merrill Lynch, die später in den Sog der Finanzkrise geriet und von der Bank of America übernommen werden musste. Kurz vor dem großen Knall an den Märkten machte Orcel mit einem Rekordgehalt von rund 30 Millionen Euro von sich reden – zu einer Zeit, in der sein Arbeitgeber schon tiefrote Zahlen schrieb. Orcel, der sich wegen seiner distinguierten Erscheinung über schmeichelhafte Vergleiche mit dem Schauspieler George Clooney freuen darf, zog bei vielen der spektakulärsten Deals in der europäischen Finanzbranche die Fäden.

Dabei war er allerdings auch für einen der größten Flops mitverantwortlich: Orcel gehörte zu den Strippenziehern bei der damals teuersten Bankenübernahme aller Zeiten. Der Italiener war eine der Schlüsselfiguren, die Fred Goodwin, dem damaligen Chef der Royal Bank of Scotland (RBS), halfen, ein Konsortium zu schmieden, das den niederländischen Konkurrenten ABN Amro übernehmen und zerschlagen sollte.

Nach einem spektakulären Wettbieten machte die RBS-Allianz tatsächlich das Rennen und erhielt im Oktober 2007 für den Rekordpreis von 71 Milliarden Euro den Zuschlag für ABN. Wenige Monate später kollabierten die Märkte, die RBS musste von den britischen Steuerzahlern mit 45 Milliarden Pfund aufgefangen werden. Es war die teuerste Bankenrettung aller Zeiten.

Streit ums Geld mit Santander

RBS-Chef Goodwin verlor nicht nur seinen Job und einen Teil seiner Pension, ihm wurde auch sein Adelstitel aberkannt – eine Sanktion, die sich der britische Staat normalerweise für Kriminelle und Hochverräter vorbehält. Orcels Karriere hat die Verstrickung in den ABN-Deal dagegen nicht geschadet.

2012 wechselte er als Leiter des Investmentbankings zur Schweizer UBS und galt dort als einer der Top-Kandidaten für die Nachfolge des langjährigen Vorstandschefs Sergio Ermotti. Doch es kam anders.

2018 verkündete die spanische Großbank Santander, dass sie Orcel als neuen Vorstandschef anheuern will. Er und die Familie Botín, die Santander bereits seit vier Generationen kontrolliert, kennen sich jahrzehntelang. Der Italiener beriet die Botíns als Investmentbanker bei fast allen wichtigen Deals und Kapitalerhöhungen.

Doch der Wechsel scheiterte am Geld, am Streit darüber, wer Orcel die ausstehenden Boni zahlt, die er in seinen sieben Jahren bei der UBS angesammelt hat. Dabei ging es vor allem um Aktienanwartschaften – also das Recht, in Zukunft Aktien der Bank zu erhalten. Orcel soll eine Vergütung von 40 bis 50 Millionen Franken zugestanden haben. Für den Verwaltungsrat von Santander war das zu viel.

„Ronaldo der Banker“

Orcel stammt aus gut situierten Verhältnissen, sein Vater besaß eine Leasing-Firma, seine Mutter arbeitete bei den Vereinten Nationen. Auf ihren Wunsch hin besuchte Orcel eine französische Schule in Rom, später studierte er in der italienischen Hauptstadt Handel und Ökonomie. Mit gerade mal 25 Jahren heuerte er Ende der 80er-Jahre bei Goldman Sachs an, nach nur einem Jahr wechselte er zur Pariser Einheit der Boston Consulting Group.

Nun also Unicredit, zurück in die Heimat. „Er verfügt über eine beeindruckende Erfolgsbilanz bei der Zusammenführung von Talenten und Technologien zur Transformation von Finanzorganisationen in mehreren Regionen“, erklärte Verwaltungsratspräsident Cesare Binomi in der Mitteilung der Bank.

Die italienischen Medien nennen Orcel, der mit der portugiesischen Innenarchitektin Clara Batalim-Orcel verheiratet ist und eine Tochter hat, schon mal ehrfürchtig den „Ronaldo der Banker“, in Anspielung auf den erfolgreichen Ausnahmefußballer.

Auch wenn sich das Gehalt des Stürmers, der derzeit für Rekordmeister Juventus Turin kickt, in ganz anderen Sphären bewegt: Das Fixgehalt von Mustier, das zuletzt bei 1,2 Millionen Euro lag, wird Orcel nicht reichen. Laut der „Financial Times“ will Orcel im ersten Jahr von den Italienern gar kein oder nur ein geringes Gehalt beziehen. Offenbar hofft er darauf, doch noch eine Vereinbarung mit seinem alten Arbeitgeber UBS zu finden.