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„Amerikas Spielraum ist nicht unbegrenzt“

Losse, Bert
·Lesedauer: 4 Min.

Welche Folgen haben die explodierenden Schulden der USA auf die Finanzmärkte? Analyst Bernd Weidensteiner hält einen Zinsanstieg für möglich – und glaubt nicht an eine Erpressungsgefahr durch den Gläubiger China.

Bernd Weidensteiner ist USA-Analyst in der volkswirtschaftlichen Abteilung der Commerzbank in Frankfurt.

WirtschaftsWoche: Herr Weidensteiner, der neue US-Präsident Joe Biden will ein kreditfinanziertes Ausgabenprogramm von 1,9 Billionen Dollar schnüren. Kann sich das hochverschuldete Amerika so etwas überhaupt noch leisten?
Bernd Weidensteiner: Ja – zumindest noch. 2020 ist der Schuldenstand innerhalb eines Jahres um über vier Billionen Dollar gestiegen, trotzdem wurden die Schuldtitel problemlos am Markt untergebracht. Gut die Hälfte der Anleihen hat die amerikanische Notenbank gekauft, aber auch der inländische private Finanzsektor hat zugegriffen: Geldmarktfonds, Banken, Lebensversicherungen, auch private Haushalte. Die Finanzierung des riesigen Defizits hat problemlos geklappt. Allerdings ist die große Frage, wie lange das noch gut gehen kann.

Und? Wie lange kann es gut gehen?
Die USA haben in der Haushaltspolitik einen größeren Spielraum als jedes andere Land auf der Welt, aber dieser Spielraum ist nicht unbegrenzt. Irgendwann ist eine Grenze erreicht. Alles spricht für die Notwendigkeit, spätestens 2022 mit der Haushaltskonsolidierung zu beginnen. Sonst werden die Märkte austesten, ob die USA wirklich der Ausnahmefall sind, dem nichts und niemand etwas anhaben kann.

Welches Szenario droht dann am Finanzmarkt?
Irgendwann werden die inländischen Anleihekäufer misstrauisch, ob eine Rendite von einem Prozent für Langläufer tatsächlich das Anleiherisiko widerspiegelt. Dann kann es zu Portfolioumschichtungen in Gold, Aktien oder andere Währungen kommen. Das wiederum dürfte zu einem spürbaren Zinsanstieg führen – und dadurch entsteht mittelfristig ein erheblicher Druck auf das Budget.

Könnte auch ein Rückzug ausländischer Anleger die Lage kippen lassen?
Die Bedeutung der Auslandsinvestoren ist in den vergangenen zehn Jahren gesunken. 2020 haben ausländische Anleger nur etwa fünf Prozent der Netto-Neuemissionen gekauft. Der Anteil an den ausstehenden US-Staatsanleihen liegt bei 35 Prozent; vor zehn Jahren waren es noch über 50 Prozent. Ausländische Anleger würden sich bei einem massenhaften Ausstieg zudem ins eigene Fleisch schneiden. Wenn alle ihre US-Anleihen auf den Markt werfen, brechen ja die Kurse ein, der Dollar gerät unter Druck, und man macht Verlust. Anders ausgedrückt: Eine Verkaufswelle durch das Ausland ist relativ unwahrscheinlich.

Sehen Sie kein politisches Erpressungspotenzial durch China, einem der größten Gläubiger Amerikas?
Nein. Wenn die Chinesen keine neuen US-Anleihen mehr kaufen, dann kauft sie ein anderer. Am globalen Markt für sichere Bonds gibt es keine echte Alternative zu US-Staatsanleihen. Die Eurozone ist volumenmäßig noch zu klein und frühestens in 10 bis 15 Jahren eine ernstzunehmende Konkurrenz. Noch einmal: Wenn die USA Finanzierungsprobleme bekommen, dann kommen diese vordringlich aus dem Inland.

Die Wirtschaftsgeschichte kennt zwei Alternativen zum Sparen: Man kann durch hohe wirtschaftliche Dynamik aus den Schulden herauswachsen – oder Schulden mit hoher Inflation real entwerten. Ein Modell für die USA?
Nur sehr bedingt. Die Notenbanken versuchen ja weltweit geradezu verzweifelt, die Inflation zu erhöhen – nahezu ohne Erfolg. Hinzu kommt: Wenn die Inflation steigt, steigen die Anleiherenditen womöglich überproportional mit, was angesichts des Schuldenbergs den Konsolidierungserfolg gefährden würde. Den Nenner der Schuldenquote aufzupumpen, also das nominale BIP, wird auch deshalb immer schwieriger, weil das Potenzialwachstum der US-Wirtschaft gesunken ist. Zwei Prozent Realwachstum sind da schon hoch gegriffen.

Das heißt: Um die Schuldenkrise zu bekämpfen, müsste die US-Regierung Ausgaben kürzen?
Ja. Das jährliche Haushaltsdefizit war ja schon vor der Krise viel zu hoch, es lag regelmäßig bei drei bis vier Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Defizitquote müsste endlich mal wieder unter die Dreiprozentmarke. Doch Sparen ist in Washington äußerst unpopulär. Unter der neuen Regierung und angesichts der aktuellen Lage sehe ich für einen nachhaltigen Konsolidierungskurs keinerlei Anzeichen. Ganz im Gegenteil: Die neue Administration hat extrem kostspielige Pläne, etwa im Klimaschutz. Ich fürchte, da muss erst der Druck steigender Zinsen her, bis bei der Stabilisierung der Staatsfinanzen politisch etwas passiert.

Nicht nur der Staat, sondern auch Haushalte und Unternehmen sind in den USA hoch verschuldet. Ein unterschätztes volkswirtschaftliches Risiko?
Bei den privaten Haushalten hat sich die Lage etwas entspannt – bei den Unternehmen hingegen ist sie problematisch. Viele Firmen haben angesichts niedriger Zinsen hohe Kredite aufgenommen. Nicht nur für Investitionen, sondern auch, um Aktien zurückzukaufen. Keine Frage: Auch hier ist eine Konsolidierung geboten.

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