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Amazons Umsatz steigt dank Corona – die Kosten steigen jedoch stärker

Die Ausgangssperren wegen Corona treiben viele Menschen zu Amazon – doch der Onlinehändler muss auch mehr ausgeben. Demnächst drohen Verluste.

Seit der Coronakrise nehemn immer mehr Kunden die verschiedenen Dienstleistungen von Amazon in Anspruch - doch die Kosten des Onlinehändlers steigen ebenfalls. Foto: dpa

Brian Olsavsky beginnt die Investoren-Telefonkonferenz mit ungewöhnlich emotionalen Worten: „Was wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, dreht uns den Magen um“, sagt Amazons Finanzvorstand und lobt die „Amazonier an der Front“. All die Mitarbeiter in Warenlagern, Lieferwagen oder an den Kassen von Amazons Bio-Supermarktkette Whole Foods, die trotz der Ansteckungsgefahr helfen, dass viele Millionen Menschen weltweit weiterhin mit Lebensmitteln und Lebensnotwendigem versorgt werden. Ein sehr bewusstes Zeichen, nachdem das Top-Management des weltgrößten Onlinehandelskonzerns zuletzt mit Arbeiteraktivisten aneinandergeraten war.

Amazon will nicht als der Krisenprofiteur gelten, obwohl der Konzern als Onlinehändler, Streaming- und Cloud-Computing-Anbieter dank der globalen Ausgangssperren in fast allen Sparten mehr Geschäft macht. Denn Amazons Kosten steigen auch: Vier Milliarden Dollar mehr werde der Konzern im laufenden Quartal wegen Corona mehr ausgeben – für höhere Löhne etwa oder weil seine Warenlager wegen der Abstandsregeln zwischen Arbeitern weniger effizient betrieben werden können.

Im Jahresvergleich ist Amazons Umsatz um 26 Prozent auf mehr als 75 Milliarden Dollar gestiegen, der operative Gewinn dagegen bereits jetzt zehn Prozent auf rund vier Milliarden Dollar gesunken. Drei Viertel davon macht die Cloud-Computing-Tochter Amazon Web Services (AWS) aus. Das Geschäft in Nordamerika (exklusive AWS ) ist mit 46 Milliarden Dollar der größte Umsatzbringer, wirft aber nur rund 1,2 Milliarden Dollar Gewinn ab. Das Geschäft außerhalb Nordamerikas ist sogar traditionell defizitär, zuletzt mit einem Verlust von 398 Millionen Dollar.

Die Aktie sinkt um fünf Prozent

Im nächsten Quartal, prognostiziert Konzernchef Jeff Bezos in seinem Investorenbrief, werde das Ergebnis wegen der höheren Corona-Kosten zwischen 1,5 Milliarden Dollar Verlust und 1,5 Milliarden Dollar Gewinn liegen – quasi Null mit einem großen Konfidenzintervall drum herum. Die Wall Street hatte einen strahlenderen Krisengewinnler erwartet, nachbörslich sank Amazons Aktie um fünf Prozent. Seit Jahresbeginn hat die Aktie aber rund ein Drittel an Wert gewonnen.

Bezos hat nie verhehlt, dass er Gewinne vor allem als noch nicht wieder in Amazon reinvestiertes Kapital betrachtet. Investitionen, die vergangenes Jahr noch den Kurs drückten, würden sich inzwischen auszahlen, sagt Olsavsky. Das Liefernetzwerk, das Zustellungen binnen eines Tages garantieren soll, kann dieses Versprechen zwar aktuell nicht halten. Es helfe aber, den gewaltigen Anstieg an Lieferungen überhaupt zu bewältigen, weil Amazon dank neuer Warenlager Produkte näher an seinen Kunden bereithält.

Auch Amazons andere Sparten wachsen: AWS übersprang zum ersten Mal zehn Milliarden Dollar Umsatz in einem Quartal. Mit 33 Prozent Wachstum in einem Jahr wächst das Tochterunternehmen zwar langsamer als seine Cloud-Konkurrenten Microsoft Azure und Google Cloud, bleibt aber klar Marktführer. Weil große Transferprojekte in die Cloud derzeit kaum umsetzbar sind, habe AWS „einen großen Umsetzungsstau bei künftigen Projekten“, sagte Olsavsky. Amazons Fernseh-Streamingdienst Prime Video habe seine Zuschauerzahl während der weltweiten Ausgangssperren beinahe verdoppelt. Amazons Werbegeschäft, das vor allem Werbeplätze für Produkte auf amazon.com verkauft, wachse ähnlich schnell wie im Vorquartal. Damals stieg der Umsatz um 41 Prozent auf 4,8 Milliarden Dollar – ein großer Unterschied zu Werbekonzernen wie Google oder Facebook, deren Wachstum sich erheblich verlangsamt hat.