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Amazon taucht in die virtuelle Realität ein

Motley Fool Investmentanalyst

Amazon (WKN:906866) scheint in fast jedem Bereich der Technologiebranche eine Rolle zu spielen, doch bisher hat das Unternehmen sich weitgehend vom Virtual-Reality-Geschäft ferngehalten (außerhalb des Verkaufs von Headsets anderer Unternehmen auf seiner Website). Das ändert sich jetzt, da Prime Video eine VR-Version für einige der beliebtesten Headsets der Welt, Oculus Go, Oculus Quest und Samsungs Gear VR, bekommt.

Das Einbringen einer App in die Oculus-Plattform von Facebook (WKN:A1JWVX) verwandelt Amazon nicht in ein VR-Unternehmen, doch dies schafft die Grundlage, um in den Bereich vorzudringen, worüber jeder in der Branche sowohl begeistert als auch verängstigt sein sollte.

Amazons Einstieg in VR

Amazon hat vor kurzem angekündigt, dass die Prime Video VR-App für die Geräte Oculus Quest, Oculus Go und Samsungs Gear VR verfügbar sein wird. “Neben der Prime Video-Bibliothek mit TV-Shows und Filmen bietet Prime Video-VR zum Verkaufsstart auch 10 ausgewählte 360°-Videos an und wird weiterhin VR-spezifische Inhalte generieren”, sagte Oculus in der Pressemitteilung.

Diese Videos enthalten derzeit keine interaktive VR, die die vollen sechs Grade (DOF) der Quest nutzt. Es handelt sich um drei DOF-Videos, die oft am besten beim Sitzen angesehen werden.

Die Grundlagen für die nächste Phase von Prime Video schaffen

Der erste Einsatz von Prime Video-VR besteht in der Migration der bestehenden Inhalte von Amazon in VR-Headsets. Doch am interessantesten werden 360-Grad-Videos sein, die auf die Plattform gehen werden. Mit der Einführung von VR-Headsets haben sich die finanzstarken Start-ups wie Littlstar, Jaunt und NextVR die Aufgabe gestellt, 360-Grad-Videoinhalte zu vertreiben. Doch sie haben nie nachhaltige Geschäftsmodelle entwickelt, und die meisten haben große strategische Veränderungen durchlaufen oder haben sich komplett auflöst. Damit ist die Tür für Amazon geöffnet.

Was dem E-Commerce- und Cloud-Giganten mehr Freiheit im 360-Grad-Video-Bereich geben kann, ist, dass er nicht darauf angewiesen ist, direkt mit dem VR-Service Geld zu verdienen. Das Unternehmen kann sich dafür entscheiden, innovative Inhalte zu finanzieren – wie es am Anfang beim Prime Video-Service der Fall war–, um eine erstklassige 360-Grad-Video-Plattform zu werden. Es gibt heute nur noch sehr wenige Geldgeber für VR- und 360-Grad-Videos, sodass Amazon problemlos eine führende Position einnehmen könnte, wenn das Unternehmen beliebten Content erstellt.

Dieser erste Schritt ähnelt dem Netflix-Modell in VR: Andere bezahlen, um die Inhalte zu erstellen, doch eine hauseigene Plattform aufbauen, die eines Tages viel größer sein könnte.

Langfristige Optionalität

Ich habe bereits erwähnt, dass Amazon sich bis jetzt aus diesem Bereich herausgehalten hat. Dies könnte sich jedoch ändern. Das Unternehmen kann sich entscheiden, ein eigenes Headset, eine VR-Plattform zu bauen oder diese Video-App auf weitere VR-Inhalte auszuweiten.

VR-Headsets sind zu einem Standardgut geworden, sodass Amazon möglicherweise nicht in diesen Markt eintreten möchte. Auf der Plattformseite haben Oculus und Valve die beiden wichtigsten VR-Headsets entwickelt, doch sie sind in einer noch jungen Branche bei weitem nicht dominant. Es würde sehr viel Aufwand erfordern, um einen leistungsfähigen Dienst aufzubauen, doch der Besitz des Betriebssystems und der Vertriebsplattform kann für Amazon eine attraktive Strategie sein.

Derzeit denke ich, dass der richtige Weg der Aufbau einer App mit einer umfangreichen VR-Content-Bibliothek ist. Ein Teil davon könnte für Prime-Mitglieder kostenlos sein, und ein Teil könnte zum Kauf zur Verfügung stehen, wie viele Streaming-Filme heute auf Prime angeboten werden. Amazon hat das Kapital, um eine äußerst überzeugende Content-Plattform innerhalb der App aufzubauen. Im Moment wird diese auf 360-Videos begrenzt sein, doch sie könnte in Zukunft noch viel mehr Inhalte anbieten.

Jedes Technologieunternehmen (und jeder Investor) sollte die Schritte von Amazon genau im Auge behalten. Das Unternehmen startet vielleicht langsam, doch es hat viele Optionen. Jetzt, da es sich die Position von Prime Video dafür zunutze macht, dürfte das noch interessant werden.

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John Mackey, CEO von Whole Foods Market, einer Amazon-Tochtergesellschaft, ist Mitglied des Vorstands von The Motley Fool. Randi Zuckerberg, ehemalige Direktorin für Marktentwicklung und Sprecherin von Facebook und Schwester von dessen CEO Mark Zuckerberg, ist Mitglied des Vorstands von The Motley Fool.

Dieser Artikel wurde von Travis Hoium auf Englisch verfasst und am 29.07.2019 auf Fool.com veröffentlicht. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.

The Motley Fool besitzt und empfiehlt Amazon, Facebook und Netflix.

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