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Allianz-Chef Oliver Bäte sieht die Coronakrise als Beschleuniger

Der Vorstandschef verspricht auf der virtuellen Hauptversammlung einen gestärkten Konzern nach der Pandemie. Das Jahr 2020 werde jedoch hart.

Die genauen Auswirkungen der Coronakrise jetzt abzuschätzen wäre wie eine Punktlandung in einem Orkan, sagte der Konzernchef. Foto: dpa

Die Aktionäre der Allianz müssen sich auf ein deutlich härteres Geschäftsjahr einstellen. „Ihre Allianz wird diese Krise meistern, aber ein Rekordjahr wie 2019 wird 2020 nicht“, rief Allianz-Chef Oliver Bäte den rund 4.500 Aktionären zu. Sie verfolgten am Mittwoch die erste virtuelle Hauptversammlung in der 130-jährigen Geschichte des Versicherers via Internet.

Drei Vorstandskollegen, Aufsichtsratschef Michael Diekmann und sein Stellvertreter Herbert Hainer sowie ein Notar waren die einzigen Personen im Auditorium des Konzerns im Untergeschoss der Zentrale in der Münchener Königinstraße. Viele der 158 eingereichten Aktionärsfragen bezogen sich nach Bätes Rede auf die Folgen der Coronakrise.

Der Versicherer hatte seine noch im Februar verkündete Prognose am Donnerstag von zwölf Milliarden Euro in diesem Jahr mit einer Spanne von 500 Millionen Euro nach oben wie nach unten revidiert. Man werde zu gegebener Zeit neue Planzahlen bekanntgeben. Im ersten Quartal wird nun ein operativer Gewinn von 2,3 Milliarden Euro erwartet, rund ein Viertel weniger als im Vorjahreszeitraum.

Bäte, grauer Anzug, weißes Hemd und gepunktete Krawatte, sprach langsamer als gewöhnlich. Vorstand und Aufsichtsrat arbeiten daran, die Auswirkungen der Pandemie für dieses und die kommenden Jahre abzuschätzen. Eine genaue Aussage über die Folgen sei derzeit aber noch nicht möglich. „Das wäre wie eine millimetergenaue Punktlandung in einem Orkan“, sagte Bäte.

Der Allianz-Chef betrachtet die Auswirkungen der Pandemie als Beschleuniger – zumindest, was die Digitalisierung angeht. Die Zahl der virtuellen Besprechungen und Kundenberatungen hätten sich in den vergangenen zwei Monaten verdreifacht. Das Motto „Einfach, digital, skalierbar“ ist ein zentrales Element seit der Einführung der neuen Dreijahresstrategie Anfang 2019.

Kritik an Dividendenzahlung in der Krise

Für reichlich Diskussionsstoff hatte im Vorfeld des Aktionärstreffens der Dividendenvorschlag von 9,60 Euro je Aktie gesorgt – die siebte Erhöhung in Folge und knapp sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Wegen der Auswirkungen der Coronakrise hatte die europäische Versicherungsaufsichtsbehörde Eiopa von einer Dividendenzahlung abgeraten.

Giulio Terzariol, Finanzvorstand der Allianz, begründete die Zahlung mit der im Haus geltenden Regel, dass die Hälfte des Jahresüberschusses an die Aktionäre ausgeschüttet werden soll. Das sei auch für das abgelaufene Jahr, auf das sich die Dividendenzahlung bezieht, der Fall. Zudem sei den internen Regeln zufolge eine Solvenzquote von mindestens 160 Prozent Voraussetzung für die Auszahlung.

Hier liege man aber selbst zum Ende des ersten Quartals deutlich darüber. Ende vergangenen Jahres waren es sogar 212 Prozent. Für das laufende Geschäftsjahr solle die Dividende entweder gleich bleiben oder erhöht werden, blickte Konzernchef Bäte bereits nach vorne.

Doch nicht alle Anleger sind einverstanden mit dem Kurs des Managements. „Angesichts der momentanen Sachlage stellt sich die Frage, ob eine Erhöhung der Dividende das richtige Zeichen ist oder ob man die Dividende nicht auf dem Niveau des Vorjahres hätte belassen sollen“, kritisierte Daniela Bergdolt, Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) vor dem Treffen.

Möglicherweise wäre angesichts der Belastungen der Pandemie sogar die Aussetzung einer Dividendenzahlung gerechtfertigt gewesen. Dies gelte umso mehr, als die Allianz im 1. Quartal 2020 nun einen Gewinneinbruch um 25 Prozent gemeldet habe.

Der Investor Deka warnte ebenfalls vor hohen Belastungen aus der Coronakrise. „Es ist sicher allen klar, dass die Coronakrise massive Spuren bei der Allianz hinterlassen wird“, sagte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment.

Speich bezeichnete die Sparte Großveranstaltungen als das derzeit größte Sorgenkind. So robust die Allianz aufgestellt sei, so anfällig sei sie doch in diesem Geschäftssegment. Niemand könne künftige Pandemien prognostizieren, daher müsse sich die Allianz eine Strategie zurechtlegen. Unabhängig von der Coronakrise begrüße die Deka jedoch die strategische Ausrichtung des Konzerns unter Bäte.

Finanzvorstand Terzariol versuchte gar nicht, die Lage bei der angesprochenen und schon länger angeschlagenen Industrieversicherungs-Tochter AGCS zu beschönigen. „Wir werden dort auch im laufenden Jahr einen versicherungstechnischen Verlust ausweisen“, räumte er ein. Die Krise werde zu einer steigenden Zahl von versicherten Schäden führen, so der Finanzchef.

Ambitionierte Ziele beim Klimaschutz

Dazu zählten besonders die Absage und Verschiebung von Großveranstaltungen. Die verschobenen Olympischen Spiele in Tokio, die im August stattfinden sollten, kosten die Allianz einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag, gab er einen Einblick in das Vertragswerk.

Lobende Worte fand die Fondsgesellschaft Union Investment. „Die Allianz ist unter der Ägide von Herrn Bäte ein Garant der Verlässlichkeit“, hob Reiner Klöcker, Portfoliomanager bei der Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken hervor. Die Ergebnisse schwankten durch die breite Diversifikation weniger stark als die der Wettbewerber.

Klöcker monierte jedoch, dass der Konzern die Reden von Vorstand und Aufsichtsrat in diesem Jahr nicht vorab veröffentlichte, um den Aktionären die Möglichkeit für eine Reaktion zu geben. Dies sei „eine verpasste Chance“.

Regine Richter von der Umweltschutzorganisation Urgewald forderte den Konzern zudem auf, sich nicht nur von Kohle-, sondern auch von Öl- und Gasinvestments zu trennen. „Die Allianz ist der deutsche Versicherer, der beim Klimaschutz am meisten will. Allerdings hat der französische Großkonkurrent Axa immer noch bei einigen Punkten die Nase vorn“, so ihre Einschätzung.

Investmentchef Günther Thallinger hielt dem entgegen, dass derzeit nur 0,7 Prozent der eigenen Investmentgelder in die zehn größten Öl- und Gasproduzenten der Welt investiert seien, mit fallender Tendenz. Zudem sei die Allianz eines der Gründungsmitglieder der im vergangenen Jahr von den Vereinten Nationen initiierten Asset Owners Alliance, in der sich mittlerweile große Kapitalsammelstellen mit einem Anlagevolumen von 4,5 Billionen Dollar der Einhaltung der Klimaziele verpflichtet haben.

Vor allem Kleinaktionäre monierten technische Probleme und die Kundenansprache per „Du“ beim neuen Direktversicherer Allianz Direct. Ihn hatte der Konzern Anfang des Jahres an den Markt gebracht und dafür die bisherige Marke Allsecur eingestellt.

Befreit von den Redeskripten zu Beginn fand Allianz-Chef Oliver Bäte hier wieder zur gewohnt saloppen Sprache zurück. „Da gab es das eine oder andere Gerumpel in der Kundenzufriedenheit“, gab Bäte unumwunden zu. Das sei aber jetzt behoben. Und die Anrede per „Du“ sei Teil der neuen Kundenansprache im Internet, die sich auch in den anderen Allianz-Direct-Märkten in Italien, Spanien und den Niederlanden durchgesetzt habe.