Deutsche Märkte schließen in 6 Stunden 9 Minuten

Wo sind all die Flughafen- und Gastro-Mitarbeiter hin? Diese Branchen könnten sie abgeworben haben

An Flughäfen mangelt es derzeit an Personal. Doch wo sind die ganzen Mitarbeiter hin? (Symbolbild) - Copyright: Getty Images/ Hispanolistic
An Flughäfen mangelt es derzeit an Personal. Doch wo sind die ganzen Mitarbeiter hin? (Symbolbild) - Copyright: Getty Images/ Hispanolistic

Wer derzeit mit dem Flugzeug in den Urlaub reisen möchte, hat das Nachsehen. Airlines wie Lufthansa und Easyjet haben Tausende Flüge gestrichen, Koffer bleiben zum Teil für mehrere Tage verschollen. Nun könnte man einfach zuhause bleiben, sich eine schöne Zeit machen und nett Essen gehen. Hier wartet aber bereits das nächste Problem: Auch in der Gastro geht es drunter und drüber. Das Hauptproblem in beiden Branchen: akuter Personalmangel. Wir fragen die Jobplattform Stepstone*, ob sie wissen, wo die ganzen Mitarbeiter an den Flughäfen und aus der Gastro geblieben sind. Hier ist, was sie aus ihren Daten herausgelesen haben.

Es fehlen mindestens 2000 Fachkräfte am Flughafen

Nach Informationen der "Tagesschau" strich die Airline Lufthansa allein 3000 Flüge an ihren Hauptdrehkreuzen München und Frankfurt für die Urlaubszeit. Eurowings strich ebenfalls Hunderte Flüge und auch Easyjet sagte allein für Berlin 1000 Flüge ab. Zudem kommt es derzeit an den Flughäfen zu massiven Wartezeiten am Check-in sowie an den Sicherheitskontrollen.

Hier machen sich die Spätfolgen der Pandemie deutlich bemerkbar. Als zahlreiche Maschinen am Boden blieben, bauten Airlines und Flughäfen massiv Personal ab – oder die Angestellten orientierten sich freiwillig um. Zurückgekehrt sind viele von ihnen nicht. Inzwischen fehlt es daher überall an Fachkräften, von der Sicherheitskontrolle und Flugzeugabfertigung bis zum Borddienst.

Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums fehlt es genaugenommen an rund 2000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Die Flughafenbetriebsräte sprechen dagegen sogar von einem Gesamtbedarf von 5500 Kräften – und eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft bringt sogar einen Wert von 7200 fehlenden Fachkräften an.

So schnell wird sich an diesem Zustand auch nichts ändern: So sagte der Lufthansa-Vorstand Detlef Kayser im Gespräch mit der "Welt" etwa, dass eine kurzfristige Verbesserung im Sommer weder realistisch noch erreichbar sei. Er rechne damit, dass sich die Lage erst 2023 wieder normalisieren werde. Nun will sogar die Bundesregierung einspringen und eine vierstellige Zahl an Fachkräften aus dem Ausland einreisen lassen, um diese Engpässe auszugleichen.

Warum fehlt Personal – und wo sind sie alle hin?

Ähnliche Engpässe sind auch in der Gastronomie zu beobachten. In der Gastro fiel nach Angaben der "Tageschau" während der Pandemie fast jeder vierte Job weg. Ob Gastronomie- oder Flughafenpersonal – viele von ihnen haben sich im Zuge der Pandemie einen neuen Job gesucht beziehungsweise suchen müssen. Nicht wenige haben dabei sogar die Branche gewechselt. Einem Bericht des "WDR" zufolge ist das Bodenpersonal von Flughäfen beispielsweise zum Teil in der Logistikbranche untergekommen. Piloten oder Pilotinnen und das Kabinenpersonal berichten zudem von Wechseln unter anderem zur Deutschen Bahn.

Was aber ist mit den restlichen Fachkräften? Wir haben bei der Jobplattform Stepstone nachgefragt, wo ein Teil der fehlenden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen untergekommen sein dürfte. Stepstone zufolge ist diese Frage nicht so leicht zu beantworten. Dennoch lägen ihnen einige Hinweise vor.

So hat Stepstone zusammen mit der Boston Consulting Group im Jahr 2021 eine Erhebung durchgeführt, in der insgesamt 9000 Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen befragt wurden. Hier wollten sie unter anderem wissen, wie ausgeprägt die Bereitschaft in bestimmten Berufsgruppen ist, die Branche zu wechseln – und in welche Bereiche die Fachkräfte in diesem Fall wechseln würden. Zwar sei hier der Sektor Tourismus und Gastronomie nicht explizit aufgelistet, so Stepstone. Die Beschäftigten könnten jedoch grob dem Servicesektor zugeordnet werden. Eine Tendenz lässt sich daraus also durchaus ableiten.

Digitalisierung, HR, Gesundheitswesen und Beratung: Die beliebtesten Quereinstiege für Servicekräfte

So geben ganze 15 Prozent der Befragten aus dem Servicesektor an, sich eine berufliche Zukunft im künstlerischen und kreativen Bereich vorzustellen. Weitere 15 Prozent könnten sich vorstellen, organisatorisch oder als Sekretär beziehungsweise Sekretärin tätig zu werden. Nochmals 15 Prozent geben an, sich den IT und Tech-Bereich zur Umschulung vorstellen zu können.

Noch beliebter sind bei den Service-Fachkräften jedoch Berufe in der Digitalisierung und Automatisierung (19 Prozent), im Bereich Human Ressources (19 Prozent) und im Gesundheitswesen (17 Prozent). Spitzenreiter unter den Branchen, in welche die Fachkräfte umschwenken würden, ist mit ganzen 24 Prozent jedoch die Beratung. Im Übrigen zeigen hier die meisten Branchen das größte Interesse.

Menschen zeigen sich seit Corona flexibler in Sachen Jobsuche

Diese Bereitschaft zum Branchenwechsel deckt sich auch mit weiteren Beobachtungen von Stepstone seit Beginn der Pandemie. So erweitern dem Unternehmen zufolge immer mehr Menschen ihre Kriterien bei der Jobsuche. Laut dem Stepstone Corona Report geben über die Hälfte der Befragten an, ihre Suchkriterien auf neue Branchen und Bereiche ausgeweitet zu haben.

Auch nehme die Suche nach Begriffen wie Quereinstieg deutlich zu. Im ersten Quartal von 2022 sei der Begriff sogar unter den Top drei der Suchbegriffe gewesen. Seit 2019 habe sich die Zahl der Suchanfragen danach sogar mehr als verdoppelt. Immer mehr Menschen scheinen demnach akut auf der Suche nach einem Job in einer Branche zu sein, in der sie bisher kaum bis keine Berufserfahrung gesammelt haben. Und sie dürften bei ihrer Suche durchaus erfolgreich sein.

Denn viele Unternehmen warten mit offenen Armen auf sie. So zeigt ein Vergleich zwischen 2017 und 2021, dass sich die Zahl der Stellenanzeigen, die die den Begriff „Quereinstieg“ beinhalten, mehr als verneunfacht hat. Laut einer Stepstone-Befragung aus 2020 geben zudem 31 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie mehr Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen aus anderen Branchen einstellen als noch vor der Krise.

Hier haben Menschen aus der Tourismus- und Gastro-Branche die größte Chance

Die Frage danach, wo Fachkräfte, die ehemals im Tourismusbereich und der Gastro-Branche gearbeitet haben, heute untergekommen sind, kann zwar nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Gewiss ist jedoch, dass die Pandemie einen Wandel bewirkt hat, welcher zu einer Offenheit gegenüber Quereinsteigern geführt hat.

Die größten Chancen für Menschen, die bis vor kurzem hier gearbeitet haben, sieht Stepstone im E-Commerce: bei Online-Unternehmen, welche ihre Service- und Verkaufsleistungen digitalisiert haben. Menschen mit Dienstleistungsmentalität und Kundenerfahrung könnten hier verhältnismäßig leicht einsteigen.

Aber auch die Bereiche HR, Logistik, Pflegemanagement und der Bildungsbereich fragen derzeit massiv neue Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nach. Neben dem E-Commerce, so Stepstone, seien sie daher eine große Chance für all diejenigen, die heute an den Flughäfen, in der Luft und in der Gastronomie fehlen.

*Stepstone ist wie Business Insider ein Teil der Axel Springer Unternehmensgruppe.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.