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Alkohol, sexuelle Belästigung und Partys: Wie ‚Tigermutter‘ Amy Chua an der Yale Law School zur Ausgestoßenen wurde

·Lesedauer: 17 Min.
Die Yale-Law-Professorin Amy Chua
Die Yale-Law-Professorin Amy Chua

Amy Chua öffnete die Tür ihres Hauses in New Haven in einer Yogahose und einem bedruckten T-Shirt aus Myrtle Beach. Die schnörkelige Schriftart ist kitschig und ziemlich altbacken. Nicht gerade der Look, den man von einer ordentlichen Professorin für Jura an der Yale University erwarten würde, aber Chua spielt gerne gegen den Strich.

Die 58-Jährige ist vor allem für ihr 2011 erschienenes Buch „Battle Hymn of the Tiger Mother“ — unter dem Titel „Die Mutter des Erfolgs“ auch auf Deutsch erschienen — bekannt, ein Memoirenbuch über ihre Kindheit als Tochter chinesischer Einwanderer und über die Erziehung ihrer eigenen Töchter. Details über Chuas eigene drakonischen Methoden — wie die Drohung, das Puppenhaus ihrer jüngeren Tochter Lulu an die Heilsarmee zu spenden, wenn die Sechsjährige nicht bis zum Ende des Tages „Der kleine weiße Esel“ auf dem Klavier beherrsche — gingen viral. Vom Nachrichtenmagazin „Time“ wurde sie zu einer der einflussreichsten Personen des Jahres ernannt. Und sie erhielt auch Morddrohungen.

Im April dieses Jahres berichtete die „Yale Daily News“, dass Chua der Unterricht in einem kleinen Kurs für Erstsemester entzogen werden würde. Studenten hatten sich bei der Verwaltung gemeldet und behauptet, dass Chua in ihrem Haus Dinnerpartys mit Alkohol für Jurastudenten und „prominente Mitglieder der juristischen Gemeinschaft“ veranstaltete. Den Professoren würde vonseiten der Schule normalerweise nicht davon abgeraten, Studenten zum Abendessen einzuladen. Im Gegenteil, sie würden den Studenten zufolge sogar dazu ermutigt. Und der Ausschank von Alkohol bei Veranstaltungen der juristischen Fakultät ist alltäglich.

Aber Chuas Partys waren keine typische Situation. Die Treffen fanden während der Pandemie statt und in Yale gab es wegen des Coronavirus Regeln für soziale Veranstaltungen. Außerdem befand sich Chuas Ehemann, der Yale-Juraprofessor Jed Rubenfeld, mitten in einer zweijährigen Suspendierung, nachdem Jurastudentinnen ihn beschuldigt hatten, sie sexuell belästigt zu haben. Chua hatte im Jahr 2019 offenbar selbst eine Vereinbarung mit der Universität getroffen. Sie sollte aufhören, mit Studenten zu trinken und keine Studenten mehr in ihrem Haus beherbergen. Bis zum Artikel der „Yale Daily News“ war das nicht öffentlich bekannt. Chua zahlte 2019 eine „beträchtliche finanzielle Strafe“, wie aus einem internen Schreiben der Jura-Dekanin Heather Gerken hervorgeht. Chua will nicht über die Details der Vereinbarung sprechen, aber die Vorwürfe gegen sie betrafen übermäßigen Alkoholkonsum mit Studenten und unsensible Äußerungen.

Chua verliert einen Kurs — und erfährt davon aus einer Studentenzeitung

Nach eigenen Angaben erfuhr Chua erst, dass sie ihre Sektion verlieren würde, als ein Reporter der „Yale Daily News“ sie im März um einen Kommentar bat. Zunächst hatte sie vor, nichts zu sagen. Nachdem sie „Battle Hymn of the Tiger Mother“ veröffentlicht hatte, rieten ihr Krisenmanager, die sie hinzugezogen hatte, angesichts der schlechten Presse zu schweigen. „Jedes Mal, wenn es etwas gibt, das größer ist als man selbst, wie ein Skandal oder etwas anderes, raten sie einem immer: ‚Sagen Sie nichts, wenn Sie nur den Nachrichtenkreislauf füttern wollen‘“, sagte Chua in einem von zwei kürzlichen Interviews.

Doch dann wurde sie von ihrer Tochter Lulu eines Besseren belehrt. „Sie sagte: ‚Du bist so altmodisch. So ist das heute nicht mehr. Alles wird jetzt in den sozialen Medien ausgefochten‘“, erinnert sich Chua.

Chua postete 67 Unterstützungsbriefe von Studenten auf ihrer persönlichen Website und feuerte einen Brief an die Mitglieder der Fakultät ab, in dem sie unter anderem behauptete, dass ihr ein ordentliches Verfahren vorenthalten worden sei. Wenn die Universität nicht gewollt hätte, dass sie mit Studenten in Kontakt kommt, warum habe man sie dann überhaupt einer kleinen Klasse zugewiesen, fragte sie. Sie sagte, Dekan Gerken habe sie wie „eine Kriminelle“ behandelt. Als ob das nicht schon genug Aufsehen erregt hätte, twitterte Chua den Brief mit der Botschaft, dass die Universität „davon ausgeht, dass eine asiatisch-amerikanische Frau sich niemals wehren würde. THINK AGAIN.“

Einige Studenten sahen das Debakel als Folge einer Professorin, die seit Jahren in Yale die Grenzen auslotet. Andere sahen es als einen Versuch, eine beliebte Lehrerin zu canceln, weil sie Rubenfeld und Brett Kavanaugh inmitten von Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens unterstützte. Fast alle Seiten sahen es als den unvermeidlichen Ausbruch einer lange schwelenden Spannung zwischen der elitärsten juristischen Fakultät Amerikas und ihrer berühmtesten Professorin.

Anti-Elitärer Gestus und unorthodoxe Methoden

Chua kam vor 20 Jahren auf den Campus und folgte damit ihrem Mann, Jed Rubenfeld. Er war bereits ein Gigant in der Welt des Verfassungsrechts, während Chua sich auf das Gebiet Recht und Entwicklung spezialisierte. „Als ich hier anfing, habe ich versucht, wie andere Professoren zu klingen, und es war eine Katastrophe“, sagte sie. „Ich habe versucht, wie andere Leute zu unterrichten, ich habe versucht, mich wie andere Leute zu kleiden. Aber ich war sehr glücklich, als ich mich in meiner eigenen Persönlichkeit eingerichtet hatte.“

Die beiden machten sich einen Namen, indem sie Studenten mit ungewöhnlichem Hintergrund für die Elite-Uni — Studenten der ersten Generation, Minderheiten, Absolventen staatlicher Schulen — in dem oft verdeckten Prozess des Erhalts eines begehrten Referendariats betreuten. Dabei erhalten junge Juristen die Gelegenheit, mit Richtern zusammenzuarbeiten und bei der Recherche und dem Verfassen von Entscheidungen zu helfen.

Amy Chua und ihr Mann, Jed Rubenfeld, im Jahr 2014
Amy Chua und ihr Mann, Jed Rubenfeld, im Jahr 2014

Mit Rubenfeld war sie die Hälfte eines Power-Paares. Während die Kollegen bei PBS bei Moderatorin Christiane Amanpour auftraten, war Chua, die als „Tigermutter“ bekannt ist, bei „The View“ zu sehen. „Sie gehörten zu den beliebtesten Professoren der Schule“, sagte ein Yale-Absolvent von 2008. „Sie schlossen sich quasi jeder Studentengruppe an, egal aus welchem Grund ... sie waren die Art von Professoren, die Yale sonst fehlte.“

Ihre Partys waren auf dem Campus sehr bekannt, besonders ihre jährlichen Tailgating-Partys beim Footballspiel zwischen den Universitäten Harvard und Yale. „Das waren keine Verbindungspartys an der Arizona State University, wo es überall so 40 Bierfässer gibt und nur betrunkene nackte Körper und Ausschweifung und Orgie. Wir sind alle immer noch ein Haufen Ivy-League-Nerds und viele Leute haben sich auf ihre Senatsanhörungen vorbereitet, seit sie zwölf Jahre alt waren“, sagt ein junger Absolvent. „Aber ja, vor diesem Hintergrund hat Professor Chua Partys mit einer Menge Alkohol geschmissen“, wo „die Leute sich ziemlich betrunken haben.“

Chua sagte, ihre Partys seien bemerkenswert, aber nicht wild. Sie sagte, sie hätte zum Beispiel 40 Studenten zum chinesischen Essen eingeladen. „Nur um ehrlich zu sein: Ich denke, im Vergleich zum Durchschnitt waren sie vielleicht lebendiger“, fügte sie hinzu.

Sexuelle Belästigung: Chua unterstützte Brett Kavanaugh

Im Jahr 2018 wurden diese Zusammenkünfte für Yale zu einem Grund zur Sorge, als gegen Rubenfeld wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung ermittelt wurde. Die Vorwürfe, die Rubenfeld bestritten hat, erstreckten sich über Jahrzehnte und beinhalteten das unerwünschte Berühren und versuchte Küssen von Studentinnen, sowohl in seinem Haus als auch auf dem Campus. Yale suspendierte Rubenfeld für zwei Jahre.

Im selben Jahr, in dem die Untersuchung von Rubenfeld begann, spaltete das Bestätigungsverfahren von Brett Kavanaugh, einem Absolventen der Yale Law School, für den Obersten Gerichtshof die Schule. Chua verkündete ihre Unterstützung von Kavanaughs Nominierung für den Obersten Gerichtshof in einem Op-Ed für das „Wall Street Journal“ mit dem Titel „Kavanaugh ist ein Mentor für Frauen“. Als die Anschuldigungen von Christine Blasey Ford zwei Monate später auftauchten, war Chua eines der wenigen Fakultätsmitglieder, die Kavanaugh weiterhin öffentlich unterstützten, während die Yale-Gemeinschaft einen Sitzstreik veranstaltete, der landesweit Schlagzeilen machte, und den Unterricht eine Woche lang störte.

Brett Kavanaugh, Richter am Obersten Gerichtshof der USA
Brett Kavanaugh, Richter am Obersten Gerichtshof der USA

Tage vor Blaseys Aussage, so berichtet die „Huffington Post“, habe Chua einer Gruppe von Studenten gesagt, dass es „kein Zufall“ gewesen sei, dass Kavanaughs weibliche Rechtsreferendare alle „aussahen aus wie Models.“ Eine Studentin erzählte der „Post“, dass Chua ihr gesagt habe, sie solle sich „aufgeschlossen“ kleiden und sie gedrängt habe, „ihr Bilder von dem zu schicken, was ich zu tragen gedachte, damit sie es beurteilen könne.“ Protestschilder mit der Aufschrift „YLS ist ein ‚MODEL‘ der Komplizenschaft!“ wurden auf dem Campus angebracht. (Chua leugnete damals, diese Kommentare gemacht zu haben, aber sie sagte kürzlich zu Slate: „Ich habe dummerweise kommentiert, dass die Angestellten des damaligen Richters Brett Kavanaugh ein Jahr lang nett aussahen — ein Kommentar, den ich bedauere und den ich heute niemals machen würde.“)

Während Chuas Kurse durchweg Wartelisten haben, hat ihr Standpunkt zu Kavanaugh sie für einen Teil der Studentenschaft zur Geächteten gemacht. „Kavanaugh ist immer noch eine Art Live-Ereignis, besonders für Leute in meiner Klasse, die gerade ankamen, als er nominiert wurde“, sagte ein aktueller Student. „Ich bin kenne einige Kommilitonen, die Professor Chua wegen Brett Kavanaugh anfeinden.“

„Absolut keine Party“

Chua jedenfalls dachte, die Verwaltung stehe hinter ihr. Nachdem sie von der „Yale Daily News“ kontaktiert worden war, wandte sie sich sofort an Dekanin Gerken und vereinbarte ein Zoom-Meeting. Von einer Person, die sie als Freundin betrachtete, erwartete sie Unterstützung. „Ich dachte, sie würde sagen: ‚Das tut mir sehr leid, die Schule wird dir beistehen.‘ Aber stattdessen war ich einem Verhör ausgesetzt. Sie sagte: ‚Es ist Zeit, reinen Tisch zu machen.‘ Und ich fragte ‚Worüber redest du?‘“ Chua fügte hinzu, dass Gerken sie zu Gerüchten über die Anwesenheit von Bundesrichtern bei ihren Treffen ausgequetscht hat. „Es ist so eine Ivy-League-Hybris zu denken, dass Bundesrichter quer durchs Land fliegen würden, um Kontakte mit 22-Jährigen zu knüpfen“, sagte Chua.

Sie habe über den Winter ein paar Mal eine „Handvoll“ Leute zu sich nach Hause eingeladen — „absolut keine Party“. Laut Chua war ihr Mann nicht anwesend, alle Gäste wurden vorher auf Covid-19 getestet und saßen drei Meter voneinander entfernt. Niemand blieb länger als bis 19 Uhr und „das Essen war wie einzeln verpackter Käse.“ Die Studenten, die sie besuchten, waren „in einer Krise“, sagte sie. Einer hatte sich in einer konservativen Zeitschrift als schwul geoutet und „war tatsächlich sehr, sehr aufgeregt. Er brachte eine Flasche Wein vorbei.“ Andere Studenten suchten Trost nach einer Welle der Gewalt gegen asiatische Amerikaner, sagte Chua.

Yale Law gab auf Anfrage an, sich nicht zu Personalangelegenheiten zu äußern. Aber man sagte: „An der Yale Law School wird keine disziplinarische Entscheidung getroffen oder mitgeteilt, bevor das Fakultätsmitglied, das des Fehlverhaltens beschuldigt wird, eine Mitteilung über die Anschuldigungen erhalten hat und die Möglichkeit hat, darauf zu reagieren.“ Ein Sprecher der Yale Law School fügte hinzu: „Wenn ein Fakultätsmitglied während einer Diskussion über die Lehrplangestaltung anbietet, sich aus einem Kurs zurückzuziehen, und die Dekanin dieses Angebot annimmt, ist die Angelegenheit abgeschlossen.“

Mehr als einen Monat später sagt Chua, dass sie die Situation immer noch „surreal“ findet. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand anders so behandelt wird“, sagte sie. „Ich verstehe das nicht. Ich bin eine fest angestellte Professorin. Und öffentlich von einer kleinen Gruppe auf so demütigende Weise entblößt zu werden, ohne dass man mir sagt, was man mir vorwirft — und dann auch noch in der Studentenzeitung davon erfahren zu müssen?“

Elitarismus und Nähe zur Macht: die Yale Law School

Um Chua zu verstehen, ist es hilfreich, die Yale Law School zu verstehen. Die ist nämlich, um es im juristischen Sprachgebrauch zu sagen, sui generis. Yale Law ist die prestigeträchtigste juristische Fakultät in Amerika. Ein Teil ihres Ansehens wird durch geschicktes Marketing aufrechterhalten: Jede Klasse in Yale Law hat nur 200 kostbare Plätze, verglichen mit den aufgeblähten 560 in Harvard. Besonders in Anbetracht der Größe ist die schiere Anzahl der einflussreichen Alumni erstaunlich: Vier der aktuellen Richter des Supreme Court, des Obersten Gerichtshofs der USA, haben in Yale studiert — ebenso Stacey Abrams, Bill und Hillary Clinton, Gerald Ford und eine ganze Reihe von Mitgliedern des Justizausschusses des Senats.

Wenn man sich mit einem Studenten der Yale Law School unterhält, bekommt man den Eindruck, dass auch er für große Dinge bestimmt ist. Während es an praktisch jeder anderen Law School als das Größte gilt, nach dem Abschluss einen Job im Big Law zu ergattern, wird das in Yale eher verpönt. Es gibt diese Mentalität, sagte ein ehemaliger Student, „du hättest an die Columbia gehen können“, um in einer White-Shoe-Kanzlei zu arbeiten, „also warum zum Teufel bist du an die Yale Law School gekommen und hast jemandem, der tatsächlich etwas aus seinem Leben machen wollte, den Platz weggenommen?“

Die Türme der Yale University Law School
Die Türme der Yale University Law School

Der Versuch, in Yale angenommen zu werden, ist ein ebenso halsbrecherischer Wettbewerb wie die Karriere nach dem Abgang. Die Verwaltung der Yale Law School betont aber gerne, dass die drei Jahre dazwischen, also die Zeit in Yale, eine Atempause seien. „Raus aus der Tretmühle“ ist ein Begriff, den die Fakultät verwendet, um sich auf Maßnahmen wie ein Benotungssystem zu beziehen, das nur zwei Optionen hat: „pass“ oder „high pass“, d.h. bestanden oder sehr gut bestanden.

Aber wenn man eine Gruppe von Typ-A-Menschen zusammenbringt, finden sie immer einen Weg, zu konkurrieren. Und genau das ist in Yale mit den Referendariaten passiert. Die Hälfte der Yale-Absolventen arbeitet irgendwann als Referendar — sogar einige von denen, die in die großen Anwaltskanzleien gehen. 40 Prozent der Studenten fangen direkt nach dem Abschluss als Referendar an. Eine Handvoll in jeder Klasse arbeitet für einen Richter des Supreme Court. Die Nähe zur Macht ist verblüffend: Ein 25-Jähriger, der noch nie als Anwalt gearbeitet hat, könnte durchaus als Ghostwriter die abweichende Meinung verfassen, die letztlich wichtige Grundsatzentscheidungen wie das Roe v. Wade genannte Urteil zu Schwangerschaftsabbrüchen aufhebt.

Wettbewerb um Empfehlungen und Referendariatsplätze

Laut den Studenten kann der Referendariatsprozess frustrierend und undurchsichtig sein. Die Schule zentralisiert keine Informationen darüber, welche Kurse man belegen sollte, um seine Chancen zu maximieren, und die Studenten umwerben aggressiv Fakultätsmitglieder, um ihre Empfehlung zu ergattern. Es gibt Professoren, „die denken, dass du nicht existierst, wenn du kein Rhodes-Stipendiat bist“, sagte ein Ehemaliger. „Ich habe buchstäblich gesehen, wie Professoren aus der Klasse rannten, um nicht mit Studenten zu sprechen.“

Für viele war Chua ihre einzige verfügbare Fürsprecherin. „Wenn du auf die Choate Rosemary Hall gegangen bist“, eine prestigeträchtige US-Privatschule, „und dein Vater ein Senator ist, brauchst du Amy Chua nicht. Du hast es im Leben schon geschafft, oder?“, sagte ein ehemaliger Schüler. „Aber für andere Studenten, die vielleicht nicht diese Art von familiärem Stammbaum haben, die nicht dieses Geld und diese Beziehungen im Rücken haben, war Professor Chua ... in gewissem Sinne eine Gleichmacherin.“

Ein Absolvent meinte, dass die Abhängigkeit mancher Studenten von Professoren wie Chua eine prekäre Dynamik erzeugt. „Sie müssen jemanden wie Chua bei Laune halten, um die Hilfe zu bekommen, die sie verdienen“, sagte der Absolvent. Chua besteht darauf, dass das Bild von ihr als „machtvolle Referendariatsstrategin“ übertrieben ist. „Ich frage mich, ob einige Studenten fast das Gefühl hatten: ‚Wenn ich nicht zu den Minderheitenstudenten von Professor Chua gehöre, bekomme ich kein Referendariat‘“, sagt Chua.

Im Jahr 2019 untersuchte Yale Law Chua, nachdem sich einige Alumni bei der Verwaltung beschwert hatten. Sie behaupteten, Chua habe Studenten bedroht, die einen Brief in der „Huffington Post“ unterschrieben hatten. Darin prangerten sie ihren Ehemann, Jed Rubenfeld, an, nachdem der 2014 einen kontroversen Meinungsartikel in der „New York Times“ veröffentlicht hatte. In seinem Artikel hatte Rubenfeld davor gewarnt, dass eine Politik des positiven Einverständnisses das Risiko berge, alle betrunkenen sexuellen Begegnungen als Vergewaltigung zu definieren. Die Yale Law Untersuchung ergab, dass Chua „sich nicht an Studenten gerächt“ habe, wie aus einem Brief der Dekanin vom Dezember 2019 hervorgeht.

Dennoch will Chua in Zukunft „viel sensibler mit Studenten umgehen, die vielleicht nicht ins Haus eines Professors kommen wollen, die sich vielleicht unter Druck gesetzt fühlen, sich zu treffen. Das sind also die Dinge, die ich bedauere, nicht früher bemerkt zu haben.“ Eine Absolventin der Yale Law School sagt aber, das Problem sei größer als Amy Chua. „Die größere Struktur ist wirklich das Problem“, sagte sie. Solange Yale Law den Referendariatsprozess nicht zugänglicher macht, gibt es immer noch die Möglichkeit für Professoren, ihre Macht zu missbrauchen.

Uneinigkeit über Untersuchungskomitee

Kurz nachdem der Artikel in der Yale Daily News erschienen war, begann ein 17-seitiges Dossier per E-Mail in der gesamten Schulgemeinschaft zu zirkulieren. Es erschien schließlich in einer redigierten Version auf dem klatschsüchtigen Jura-Blog „Above the Law“. Zusammengestellt von einem anonymen Yale Law Studenten, malte das „Gossip Girl“-ähnliche Dokument ein Bild von Chuas Haus als Drehtür für Bundesrichter und Referendariats-hungrige Studenten — angereichert mit Screenshots von Textnachrichten und Audiodateien, die, so das Dokument, zwischen dem Autor und seinen beiden ahnungslosen Yale Law Freunden, John und Jane Doe, waren.

Beispieleintrag, 19. Februar: „Um 21:15 Uhr schreibt mir John Doe, dass er betrunken ist. Ich frage ihn, ob er bei Chua ist, und er verneint schüchtern, indem er scherzt, dass er draußen im Schnee steht, was darauf hindeutet, dass er nicht buchstäblich bei Chua ist. Als er wieder in seiner Wohnung ist, ruft er mich an und klingt extrem betrunken. Ich frage ihn, ob er sich bei Chua's betrunken hat, und er sagt: „Ja, aber ich weiß nicht, wovon du redest.“

Ein Screenshot aus dem Dossier über Chuas Versammlungen
Ein Screenshot aus dem Dossier über Chuas Versammlungen

In einem anderen Teil des Dossiers gibt der Autor ein persönliches Gespräch wieder, das er angeblich mit John Doe geführt habe. Er sagte, John Doe erzählte ihm, dass Chua gerade ein Gespräch mit Justice Sonia Sotomayor über einen anderen Studenten hatte. Chua würde sich dafür einsetzen, dass er „Sonias“ nächster Referendar werde.

Während einer kürzlichen Fakultätssitzung drängten einige Teilnehmer darauf, dass ein unabhängiges Komitee die Entscheidung von Yale Law, Chua ihre kleine Klasse zu entziehen, untersuchen solle, so Professor Bruce Ackerman. Ackerman sagte, das Komitee würde versuchen, Fragen zu beantworten — einschließlich der Frage, ob es die Universität und nicht die Law School sein sollte, die diese Art von Anschuldigungen untersucht. Es seien eine Reihe Fragen zu klären: „Was genau sind die Anschuldigungen, die in Bezug auf diesen Vorfall gemacht werden? Gab es irgendwelche Verstöße gegen die Regeln oder nicht? Was sind die Fakten?“, sagte er. „Die bloße Tatsache, dass Behauptungen aufgestellt werden, bedeutet nicht, dass sie wahr sind“, sagte Ackerman. „Das ist genau das, worum es an der Yale Law School geht. Ein ordentliches Gerichtsverfahren.“

Ein Sprecher von Yale Law dementierte, dass ein solches Komitee gebildet wurde und bestritt Ackermans Erinnerung an die Fakultätssitzung. „Der Dekan plant, ein Komitee zu bilden, um zu prüfen, ob die juristische Fakultät die Ergebnisse des Fehlverhaltens der Fakultät transparenter machen sollte“, sagte der Sprecher.

Chua sagte, sie habe bis nach den Kavanaugh-Anhörungen und den Ermittlungen gegen ihren Mann wegen sexueller Belästigung nie eine einzige Beschwerde über sie „jeglicher Art“ gehört. Sie sagte, sie glaubt, dass es ein Missverständnis über sie in Yale Law gibt, das das Ergebnis ihrer Unterstützung von Kavanaugh und dem „Tigermutter-Zeug“ ist — „wahrscheinlich verbunden mit all dem Zeug über meinen Mann, obwohl ich so sehr versucht habe, eine völlig separate Person zu sein.“

„Meine Partys haben unglaublich viel Spaß gemacht“

Weniger als ein Jahr, nachdem Chua ihr Op-Ed zur Unterstützung von Kavanaugh geschrieben hatte, wurde ihre ältere Tochter, Sophia, eine Absolventin der Yale Law School, Kavanaughs Referendarin. Viele vermuteten daher, sie habe bei der lautstarken Unterstützung des obersten Richters auch ihre eigene Agenda verfolgt.

Chua hat jegliche Hintergedanken abgestritten. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Chua ein gewisses Maß an Leichtsinn an den Tag legt. Warum sollte sie zum Beispiel die Mentorenschaft, die ihr so am Herzen liegt, riskieren, indem sie irgendwelche Studenten — selbst solche in Krisen — bei sich zu Hause empfängt? Sie räumt ein, dass sie in anderen Bereichen in der Vergangenheit blinde Flecken hatte. Chua sagte, sie plane, in Yale zu bleiben, obwohl es „glasklar“ sei, dass die Verwaltung „sehr verärgert“ über sie sei. Sie sagte, sie habe schon lange nicht mehr an einer Fakultätssitzung teilgenommen. „Ich bin eine seltsame Figur, wissen Sie? Ich meine, je nachdem, mit wem man an der juristischen Fakultät spricht, bekommt man zwei völlig unterschiedliche Bilder“, sagt Chua.

Ein Ehemaliger bedauerte kürzlich die Folgen dieses Skandals. „Professor Chua wird nicht mehr so offen gegenüber den Studenten sein, und die anderen YLS-Professoren, die sehen, wie Professor Chua behandelt wurde, werden sich weiter in ihre Büros zurückziehen.“ Chua gibt zu, dass sie in Bezug auf Partys nun scheu geworden ist. „Ich werde jetzt darauf hinarbeiten, mich mehr zurückzuhalten. Einfach um zu sagen: ‚OK, es ist eine neue Generation. Ich muss einfach viel vorsichtiger sein.‘ Und ich übernehme die Verantwortung dafür.“

Dann, wie aus einem Reflex heraus, fügte Chua hinzu: „Ich will sagen, dass meine Partys unglaublich viel Spaß gemacht haben.“

Dieser Artikel wurde von Steffen Bosse aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.