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"Ein Algorithmus wird nie die Entscheidung für einen Job treffen": Stepstone-CEO Sebastian Dettmers über Recruiting, Mitarbeiterbindung und welche Rolle das Matching spielt

Stepstone-CEO Sebastian Dettmers im neuen Berliner Büro des Unternehmens.  - Copyright: Stepstone
Stepstone-CEO Sebastian Dettmers im neuen Berliner Büro des Unternehmens. - Copyright: Stepstone

Sebastian Dettmers leitet als CEO von Stepstone* rund 3700 Mitarbeiter in mehr als 20 Ländern. Jeden Tag verantworten sie zusammen Millionen von Rechenoperationen, die auf der Job-Plattform laufen – und die sich vor allem mit einer Frage beschäftigen: Welcher Mensch passt gut in welches Unternehmen?

Fest steht: Der Arbeitsmarkt ist in Bewegung. Trotz Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg hat Stepstone im Mai 53 Prozent mehr Jobangebote verzeichnet als noch im Mai 2019, vor der Pandemie. In Deutschland explodiert ist in diesem Zeitraum vor allem die Nachfrage in der Gesundheitsbranche mit einem Zuwachs von 516 Prozent bei offenen Stellen, aber auch in der Bildung mit 177 Prozent und in der Logistik mit 116 Prozent erhöhter Nachfrage. Rund 40 Prozent aller Beschäftigten suchen nach Stepstone-Daten hierzulande gerade aktiv einen Job, weitere 43 sind offen für gute Angebote. Die Sorge, arbeitslos zu werden, scheint fast ein Relikt der Vergangenheit zu sein: Auch im Juni 2022, so die Prognose des digitalen Jobvermittlers, wird die Arbeitslosenquote weiter sinken – auf 4,8 Prozent.

Wir haben Dettmers in Berlin getroffen, um zu erfahren, was der Datenschatz des Unternehmens über den Arbeitsmarkt von morgen verrät. Der Stepstone-Chef hat uns zum einen erzählt, warum der deutsche Arbeitsmarkt wegen der kommenden „Arbeiterlosigkeit“ deutlich flexibler werden müsse – und wieso langfristige Kurzarbeit, hohe Abfindungserwartungen und die Kündigungsfrist aus seiner Sicht den Arbeitsmarkt blockieren. Diesen Teil könnt ihr hier nachlesen.

Zum anderen aber haben wir darüber gesprochen, welche Unternehmen in Zeiten des massiven Fachkräftemangels überleben werden. Dettmers hat erzählt, wie erfolgreiches Recruiting und gute Mitarbeiterbindung seiner Ansicht nach dafür aussehen müssen, wie Stepstone selbst das Thema angeht – und welche Rolle bei all dem das Matching spielt, also eine gute Passung zwischen Mitarbeiter und Unternehmen.

Business Insider: Der Fachkräftemangel, das war lange ein Gespenst – weil er weit weg schien. Jetzt aber spüren viele Unternehmen: Es wird immer schwieriger, Mitarbeiter zu rekrutieren, noch dazu gute.

Sebastian Dettmers: Ja, und das ist erst das laue Lüftchen am Anfang eines Sturms. Ab 2025 wird die Arbeiterlosigkeit deutlich zu spüren sein, und 2030 wird der Sturm seinen Höhepunkt erreichen. Wir stehen vor einer Trendwende, davon bin ich überzeugt. Im Handwerk etwa stehen tausende Betriebe zur Übergabe an. Viele werden daran scheitern, dass sie keinen Nachfolger finden. Und auch in allen anderen Branchen werden Firmen nicht überleben, einfach weil es an Mitarbeitern fehlen wird. Die Zukunft von Unternehmen wird sich in erster Linie darüber entscheiden, ob sie in der Lage sind, Geschäftsmodelle zu betreiben, die zeitgemäß sind. Und das heißt vor allem: ob sie in der Lage sind, Mitarbeiter zu finden und zu binden.

BI: Was sind die wichtigsten Stellschrauben dabei?

Dettmers: Die Gründe, warum jemand geht, liegen in seinem individuellen Erleben im Job. Das sehen wir immer wieder in unseren Daten. Dabei gibt es zwei wichtige Komponenten. Die eine ist: Wie geht mein Chef mit mir um? Fühle ich mich wohl in meinem Team? Wir sind soziale Wesen und wollen uns im Job angenommen und wertgeschätzt fühlen. Deshalb wird gute Führung und das Kümmern um das Wohl der Mitarbeiter immer wichtiger werden. Das ist viel wichtiger als schöne Konzepte. Die machen ein schlechtes Miteinander nicht wett.

BI: Und die andere Komponente?

Dettmers: Dabei geht es darum, ob ein Unternehmen die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter produktiv einsetzt. Etwa vier von zehn der Beschäftigten in Deutschland sagen, dass sie nicht entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt werden. Und unter diesen Menschen ist die Wechselbereitschaft auch um ein Vielfaches höher. Je mehr also jemand das Gefühl hat, dass seine Fähigkeiten im Job gefragt und wichtig sind, desto eher fühlt sich derjenige an sein Unternehmen gebunden. Daher spielt das Matching auf den Job eine ganz wichtige Rolle bei dem, was Recruiting heute leisten muss. Und später geht es dann darum, den Mitarbeiter im Unternehmen weiterzuentwickeln – damit es auch bei Veränderungen im Unternehmen oder beim Mitarbeiter ein passender Match bleibt.

BI: Mit der Pandemie ist die Lust auf einen neuen Job aber bei vielen Menschen in vielen Unternehmen gleichzeitig gestiegen. Hatte das noch andere Gründe?

Dettmers: Es waren wilde Zeiten, die gezehrt haben an den Menschen. Selbst viele von denen, die ihren Arbeitgeber eigentlich ganz gut finden und auch ihren Job, schauen sich jetzt vermehrt um. Sie fühlen sich ausgebrannt und sehnen sich nach Veränderung. Und auch das ist Teil des Arbeitslebens, sich selbst neu zu erleben. Es bietet die große Chance, sich weiterzuentwickeln. Auf der Stepstone-Plattform haben wir viele Berufe, die es vor zehn Jahren noch gar nicht gab: Sustainability Manager zum Beispiel, oder Cloud Developer. Und in zehn Jahren wird es wiederum Jobs geben, über die wir heute noch nicht nachdenken. Aber wer wird diese Jobs ausüben? Vor allem jene, die jetzt schon am Arbeitsmarkt sind. Sie werden sich darauf vorbereiten: über Weiterbildungsmaßnahmen, learning by doing, und auch dadurch, dass die den Job wechseln.

BI: Gute Mitarbeiter muss man auch bezahlen können. Mittlerweile sind die Einstiegsgehälter nach dem Studium in einigen Branchen sehr stark gestiegen. Wie sehen Sie da die Entwicklung?

Dettmers: Bisher, und das schließt das Jahr 2021 mit ein, haben wir in unseren Daten noch keine dramatische Entwicklung gesehen, was die Gehälter angeht. Die offenen Stellen auf Stepstone liegen aber derzeit fast 60 Prozent über dem Vorjahr. Wir rechnen deshalb damit, dass sich das 2022 deutlich ändert. Da kommt zum einen ein Effekt vom Mindestlohn rein, wenn er im September erhöht wird – das entspricht faktisch einer Gehaltssteigerung von zehn Prozent. Aber auch bei den Einstiegsgehältern wird es sich zeigen, genauso wie bei gut ausgebildeten Fachkräften und gut ausgebildeten Führungskräften. Und diese Gehaltssprünge werden sich ebenfalls nicht auf einzelne Jobprofile beschränken und nicht auf eine Industrie. Es wird ein flächendeckendes Phänomen werden.

BI: Sie sagen, das Matching sei sehr wichtig für die Bindung. Das sagen Betreiber von Dating-Apps auch. Gibt es da Parallelen?

Dettmers: Ja, das gelungene Matching, also die Passung zwischen Job und Mitarbeiter, ist das Herzstück von Stepstone. Wir stellen nicht einfach nur Stellenanzeigen online. Jeden Tag laufen bei uns Millionen von Rechenoperationen, die sich genau mit der Frage beschäftigen: Wer passt gut wohin? Die Kunst ist es, relevante Datenpunkte über Kandidaten und Arbeitgeber zu erfahren. Also wer der Mensch ist, was er will, welche Skills er hat und was ihn interessiert. Und dann ist unser Ziel, ihn möglichst schnell zu connecten. Entweder mit den richtigen Jobs, wenn er einen sucht, oder mit den richtigen Kandidaten, wenn er einen hat.

BI: Was Menschen sagen, was sie wollen, ist aber nicht immer das, wofür sie sich dann wirklich entscheiden, oder?

Dettmers: Wir erfahren die meisten Informationen über unsere Nutzer nicht, indem wir diese Dinge direkt erfragen – sondern indem wir beobachten, was sie tun. Mit welchen Elementen auf der Seite interagieren die Nutzer, mit welchen interagieren sie nicht? Wenn jemand das Gehaltstool nutzt, sagt uns das etwas darüber, dass Gehalt für ihn momentan eine Rolle spielt. Und wie intensiv er es nutzt, etwas darüber, wie groß diese Rolle ist. Das haben wir über die Zeit gelernt: dass uns das Beobachten viel mehr über den Nutzer sagt, als wenn wir ihm die ganze Zeit Fragen stellen.

BI: Sie meinen: dem Algorithmus sagt es mehr. Das Matching wird ja sicher nicht händisch gemacht.

Dettmers: Das stimmt. Aber neben der Effizienz hat das Arbeiten mit KI noch einen weiteren Vorteil. Unser Algorithmus lernt ständig unvoreingenommen dazu. Wir versuchen mit seiner Hilfe im Grunde digital nachzustellen, wie unser Gehirn funktioniert, wie Menschen tatsächlich Entscheidungen treffen. Aber mit dem Matching ist die Aufgabe des Algorithmus auch beendet. Danach geht es darum, möglichst schnell Menschen mit Menschen zusammenzubringen. Ein Algorithmus wird nie die Entscheidung für einen Job treffen. Ein Algorithmus wird auch nie die Entscheidung für den richtigen Mitarbeiter treffen. Das müssen Menschen tun. Aber wir können die passenden Optionen in den Blick rücken und so die richtigen Leute schneller miteinander in Kontakt bringen. Auf diese Weise generieren wir mehr als doppelt so viele Bewerbungen pro Stellenanzeige wie der nächstbeste Wettbewerber.

BI: Wie rekrutiert Stepstone seine Mitarbeiter? Wo finden Sie Talente?

Dettmers: Wir versuchen, als Arbeitgeber attraktiv zu sein, und das heißt: Wir öffnen Büros da, wo die Menschen sind. Denn die Mobilität von Fachkräften nimmt enorm ab: Menschen ziehen immer seltener um für einen neuen Job. Das hat vielleicht auch etwas mit dem Immobilienmarkt zu tun. Und so haben wir in Deutschland Büros in großen Städten wie Düsseldorf, Berlin, Köln, Frankfurt oder München, aber auch in Paderborn oder in Münster. Das gilt aber nicht nur für unsere deutschen Standorte. Gerade haben wir zum Beispiel für Softwareentwickler ein Büro in Malmö eröffnet. Warum da? Weil dort Talente sind. Und wir haben es geschafft, gute Leute an Land zu ziehen. Ich kann mir vorstellen, zukünftig noch viel mehr das Fachkräfte-Potenzial der Welt vor Ort zu nutzen.

BI: Viele Unternehmen gehen einfach dazu über zu sagen: Du kannst bei uns arbeiten, wo du willst und wann du willst. Dann muss man gar keine Büros eröffnen. Was halten Sie davon?

Dettmers: In der neuen Arbeitswelt gibt es viele neue Konzepte, die im Wettbewerb zueinander stehen. Wir werden sehen, wie was funktioniert. Natürlich hat dieser Ansatz von Remote first einen Riesenvorteil. Unternehmen, die das tun, haben einen viel größeren Zugang zu Talent. Die Frage ist aber: Wie lange bleiben diese Leute an Bord? Was macht das mit der Unternehmenskultur? Dazu wissen wir noch zu wenig. Aber ich finde das als Experiment erst mal spannend, zu sagen, ich denke über einen globalen Arbeitsmarkt nach.

BI: Andererseits gibt es auch Unternehmen, die sagen: „So, Corona ist jetzt vorbei. Jetzt kommt mal alle wieder zurück ins Büro.“ Kann man das Rad wieder zurückdrehen?

Dettmers: Auch da wird der Markt am Ende darüber entscheiden, was funktioniert und was nicht. Und entweder reagieren die Arbeitgeber darauf oder sie tun es nicht – und dann wird das Konsequenzen haben. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, Anlässe zu schaffen, wieder ins Büro zurückzukommen. Nach zwei Jahren haben sich die Leute gesehnt, ihre Kollegen zu treffen, unter Menschen zu arbeiten, wieder eine andere Struktur im Arbeitsalltag zu haben. Und: Diese kreativen Momente, wenn Menschen zusammenkommen, die ergeben sich nicht so leicht virtuell. Insofern glaube ich persönlich an eine hybride Arbeitswelt, die aber Regeln braucht. Gleichzeitig ist das eine tolle neue Flexibilität, nicht jeden Tag ins Büro zu müssen – und Leben und Arbeiten besser in Einklang bringen zu können.

  • Stepstone gehört wie Business Insider zur Axel Springer SE

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