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Aktionäre attackieren Bayer-Führung wegen Monsanto

Wichtige Investoren wollen den Vorstand auf der ersten virtuellen Hauptversammlung entlasten. Doch die Glyphosat-Klagen sorgen für Gesprächsbedarf.

Seine letzte Hauptversammlung bei Bayer hat sich Werner Wenning ganz anders vorgestellt. Am Dienstag um zehn Uhr wird der Aufsichtsratschef das diesjährige Aktionärstreffen des Konzerns eröffnen – allerdings nicht wie seit sieben Jahren gewohnt in einem prall gefüllten Saal vor Tausenden Aktionären. Sondern in einem schmucklosen Konferenzraum in Leverkusen.

Wegen des coronabedingten Veranstaltungsverbots wird Bayer eine rein virtuelle Hauptversammlung abhalten – es ist die erste dieser Art in der deutschen Firmengeschichte. Mit Wenning, der mit Ablauf des Treffens sein Amt abgibt, werden sein Nachfolger Norbert Winkeljohann und Bayers-Vorstandschef Werner Baumann am Tisch sitzen, ebenso Finanzvorstand Wolfgang Nickl und Gesamtbetriebsratschef Oliver Zühlke, Wennings Stellvertreter.

Statt in die Gesichter von tausenden Aktionären werden sie in eine Kamera blicken. Die Anteilseigner sind per Webcast zugeschaltet, ein Rederecht gibt es für sie nicht. Es wird eine Sendung aus Leverkusen, startend mit der Rede Baumanns.

Der Vorstandschef kann Bayer als recht robustes Unternehmen in Corona-Zeiten präsentieren und dabei auf die Ergebnisse des ersten Quartals 2020 verweisen: Der Umsatz legte im ersten Quartal um sechs Prozent auf 12,8 Milliarden Euro zu, der bereinigte Gewinn wuchs um zehn Prozent auf 4,4 Milliarden Euro. Beide Werte lagen deutlich über den Konsensschätzungen der Analysten.

Die Prognose für 2020 behält Bayer als „Zielvorgaben“ bei, verweist aber zugleich auf die Unwägbarkeiten durch Covid-19. Eine verlässliche Vorausschau könne jetzt noch nicht getroffen werden.

Um die wirtschaftliche Situation werden sich viele Fragen drehen, die die Aktionäre vorab einreichen konnten. Baumann wird diese im Webcast beantworten. Der gewohnt harte Diskurs auf Bayers Aktionärstreffen und die scharfen Angriffe viele Aktionäre fallen in diesem Jahr aber aus.

Dabei wäre der Gesprächsbedarf auch in diesem Jahr groß, vor allem wegen der Monsanto-Übernahme. Noch immer ist keine Beilegung der Glyphosatklagen in den USA in Sicht, noch immer ist nicht klar, wie viele Milliarden Dollar ein Vergleich dem Konzern kosten wird.

Auf der Hauptversammlung im vergangenen Jahr haben die Aktionäre ihren Unmut über die Folgen des Monsanto-Kaufs deutlich gemacht: Sie entzogen dem Vorstand das Vertrauen. Das war ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Dax-Konzerne. Nur 45 Prozent stimmten 2019 für die Entlastung des Bayer-Vorstands.

Zustimmung der Aktionärsberater

Eine erneute Ohrfeige dieser Art könnte der Bayer-Führung in diesem Jahr erspart bleiben. Das legen Handelsblatt-Recherchen bei Fondsgesellschaften, Aktionärsvertretern und Stimmrechtsberatern nahe. Die großen Investoren Union Investment, Deka sowie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) wollen für die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat stimmen. Auch die Auszahlung der vollen Dividende dürfte eine Mehrheit finden.

Großen Einfluss hatten bei der Abstrafung der Bayer-Führung im vergangenen Jahr die angelsächsischen Aktionärsberater. Deren führender Vertreter ist die amerikanische ISS. Sie empfiehlt in diesem Jahr die Entlastung der Bayer-Führung. Konkurrent Glass Lewis rät nur zur Enthaltung.

Doch ISS dürfte als größter Vertreter tonangebend sein, wie es in Finanzkreisen heißt. Eine erneute Niederlage für den Bayer-Vorstand sei unwahrscheinlich. Allerdings sei zu erwarten, dass es keine bei Dax-Konzernen übliche Zustimmung von 80 bis 90 Prozent geben werde, heißt es in den Kreisen weiter.

Bei Investoren zeigt sich ein einheitliches Bild: Einerseits erkennen sie die Bemühungen von Bayer an, auf die Forderungen und Kritik der Investoren seit dem Vorfall auf der HV 2019 einzugehen. Andererseits bewerten sie Bayer weiter kritisch, vor allem, weil die rechtlichen Risiken durch Monsanto noch immer nicht geklärt sind.

„Wir honorieren, dass die Kritik auf der Hauptversammlung des vorigen Jahres angekommen ist. Bayer kommuniziert offener mit den Investoren und ist selbstkritischer geworden“, sagt Ingo Speich, Leiter Corporate Governance und Nachhaltigkeit bei der Sparkassen-Gesellschaft. Deka ist einer der größeren bei Bayer investierten Fonds. „Die Entscheidung ist uns aber nicht leichtgefallen, denn die Rechtsrisiken haben seit dem vergangenen Jahr noch zugenommen.“

Keine Generalabrechnung mehr

Es sei aber wichtig gewesen, dass Bayer im Umgang mit der Glyphosat-Klagewelle einen Strategieschwenk vollzogen hat, der eine Einigung mit den Klägern ermöglichen kann. Zudem habe das Management operativ solide Ergebnisse geliefert.

Auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) signalisiert Zustimmung für die Entlastung des Vorstands und Aufsichtsrats von Bayer. „Eine – sicher auch moralische – Generalabrechnung ist bereits im letzten Jahr erfolgt“, sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler.

Deka und DSW wollen auch für die volle Auszahlung der Dividende in Höhe von 2,80 Euro pro Aktie stimmen. „Alles andere wäre Gift für den Aktienkurs“, sagte Deka-Manager Speich. „Der Konzern würde ein dramatisches Signal an die Aktionäre senden, dass man die Rechtsrisiken durch Glyphosat und die finanzielle Belastung eines Vergleichs nicht mehr im Griff zu haben glaubt.“

Tüngler wiederum erwartet, dass das Bayer-Geschäft auch in der Corona-Krise robust bleibt. „Die Stärke von Bayer rechtfertigt eine starke Dividende“, sagte er.

Union Investment hingegen hat angekündigt, gegen die Ausschüttung zu votieren und begründet dies mit der noch immer ungeklärten finanziellen Belastung durch einen Vergleich mit den Glyphosat-Klägern. Aus aktueller Sicht wird Union damit aber eine Minderheitsmeinung vertreten. Für die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat wird aber auch Union Investment stimmen.

Ein Schmusekurs der Investoren ist gegenüber der Bayer Führung trotz allem nicht erkennbar. „Unsere zentrale Kritik bleibt bestehen: Bayer ist durch den Monsanto-Kauf ein viel riskanteres Investment geworden“, sagte Deka-Manager Speich. „Der Stabilitätsanker von früher ist Bayer nicht mehr, und das wird sich auch grundsätzlich nicht mehr ändern.“

Nach Ansicht von Tüngler hat besonders der scheidende Aufsichtsratschef Wenning „noch viele Baustellen abgearbeitet und damit deutlich zur Befriedung beigetragen“. In Sachen Glyphosat-Klagen erwarte er „einen Befreiungsschlag zu akzeptablen Bedingungen“. Dass ein Vergleich nicht vor der Hauptversammlung gefunden werden konnte, wertet die DSW nicht als Malus.

„Entscheidend ist, dass ein nicht zu schmerzhafter Vergleich kommt.“

Janne Werning, Portfoliomanager bei Union Investment, bleibt ebenfalls kritisch. „Der Reputationsschaden wiegt immer noch schwer“, sagt er mit Blicke auf den Monsanto-Kauf. Es gebe weiterhin Gesprächsbedarf zu den kontroversen Themen Glyphosat, Gentechnik, Biodiversität, aber auch zur umstrittenen Geschäftspraxis von Monsanto in der Vergangenheit. „Wir erwarten eine Stellungnahme zu den konkreten Veränderungen unter der Führung von Bayer“, sagt Werning.

Die Aktionäre haben Hunderte Fragen vorab an Bayer eingereicht, der Vorstand kann diese am Dienstag zusammenfassen und muss entsprechend der neuen Gesetzeslage auch nicht alle beantworten. Die Expertenteams von Bayer im „Back Office“ werden überwiegend vom Heim-Arbeitsplatz den Vorstand bei der Klärung der Fragen unterstützen.

Das Format der virtuellen Hauptversammlung dürfte der Bayer-Führung entgegenkommen. Der Vorstand muss nicht die in Summe stundenlangen Wortbeiträge seiner Gegner und Kritiker über sich ergehen lassen. Aufsichtsratschef Wenning wiederum dürfte erleichtert sein, dass er auf seinem letzten Aktionärstreffen die Redner nicht permanent wegen Überschreitung der Zeit maßregeln muss.

Die bei Bayer-Hauptversammlungen üblichen Demonstrationen wird es trotz der virtuellen Veranstaltung geben – coronabedingt aber nur in sehr kleinem Maßstab. Die Behörden haben erlaubt, dass vor der Konzernzentrale gerade mal 20 Kritiker auftreten dürfen.