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AKTIE IM FOKUS 2: Wirecard im freien Fall - milliardenschwere Bilanzunklarheiten

(Neufassung nach erneuter Verschiebung der Bilanzvorlage)

FRANKFURT (dpa-AFX) - Im Börsenkrimi um Wirecard <DE0007472060> hat sich die Lage am Donnerstag weiter zugespitzt: Nachdem der Zahlungsdienstleister mitgeteilt hatte, dass er wegen milliardenschwerer Unklarheiten in der Bilanz seinen Jahresabschluss erneut nicht vorlegen kann, gingen die Aktien des Unternehmens in einen spektakulären Sturzflug über. Die Papiere hatten nach mehreren Handelsunterbrechungen in der Spitze rund zwei Drittel ihres Wertes verloren und bei 35 Euro den tiefsten Stand seit Juni 2016 erreicht.

Am Mittag standen die Papiere als klares Schlusslicht im schwächelnden Leitindex Dax <DE0008469008> noch rund 48 Prozent im Minus bei 54,70 Euro. Damit bewegten sie sich auf dem Niveau von Mai 2017.

Die beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hatte Wirecard darüber informiert, dass über die Existenz von Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro keine ausreichenden Prüfungsnachweise vorlägen. "Die Information von EY über das Fehlen von Prüfungsnachweisen über etwa 25 Prozent der Konzernbilanzsumme ist eine schallende Ohrfeige für die Aktionäre", sagte Marktexperte Andreas Lipkow von der Comdirect Bank.

Wirecard hat es Lipkow zufolge "einfach nicht geschafft, den Sachverhalt vernünftig aufzuklären". Damit gehe der Bilanzskandal tatsächlich in eine neue Runde und die Rufe nach einer Überprüfung von Positionen im Vorstand dürften wieder lauter werden.

Bei dem Dax-Konzern waren bereits nach einer Sonderprüfung zu Bilanzfälschungsvorwürfen zentrale Fragen unbeantwortet geblieben. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG meldeten in ihrem Bericht Ende April zu den Geschäftsjahren 2016 bis 2018, dass wesentliche Unterlagen fehlten - hauptsächlich zum Geschäft mit Drittfirmen. Deswegen konnten die KPMG-Prüfer auch nicht feststellen, ob den entsprechenden Buchungen auch reale Umsätze entsprechen.

Der Kurseinbruch erwischte die Anleger dennoch kalt. Vor der für diesen Donnerstag eigentlich geplanten und lang erwarteten Vorlage der mehrfach verschobenen Bilanz für 2019 waren die Anleger zwar nervös, aber mit einer derart negativen Überraschung hatte kaum einer gerechnet.

Analysten fanden deutliche Worte: "Das letzte noch vorhandene Fünkchen an Anlegervertrauen dürfte nun verspielt sein. Die Gesamtsituation bei Wirecard kann nur noch als unhaltbar bezeichnet werden", schrieb der Fachmann Wolfgang Donie von der NordLB.

Der Experte Adam Wood von der US-Investmentbank Morgan Stanley wies darauf hin, dass Kreditlinien gekündigt werden könnten, wenn das Testat der Wirtschaftsprüfer von EY nicht bis zum morgigen Freitag vorliegen sollte. Dies rücke die Liquidität des Konzerns in den Fokus.

Die Konsequenzen des Kursrutsches für Wirecard könnten nun weitreichend sein: Sollten sich die Anteilsscheine bis September nicht nachhaltig erholen, droht der Rauswurf aus der ersten Börsenliga. Zu diesem Schluss kommen Index-Experten. Als Nachfolger dürften sich der Aromen- und Duftstoffhersteller Symrise <DE000SYM9999> und der Online-Essenslieferanten Delivery Hero <DE000A2E4K43>, einer der großen Profiteure in der Corona-Krise, ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern.

Wirecard will nun Strafanzeige gegen unbekannt erstatten. Das Unternehmen sieht sich als mögliches Opfer eines "gigantischen Betrugs". Es gibt einem Konzernsprecher zufolge Hinweise, dass dem Abschlussprüfer von einem Treuhänder oder aus dem Bereich von Banken, die die Treuhandkonten führen, "unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden".