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„Wir bluten finanziell aus“: So schrumpft der Airbus-Chef in der Coronakrise seinen Konzern

Airbus-Chef Guillaume Faury: „Wir bluten in einem noch nie dagewesenen Tempo finanziell aus.“ Foto: dpa

Guillaume Faury sieht die Existenz des Flugzeugherstellers bedroht. Der CEO muss Airbus schneller als noch vor zwei Wochen gedacht auf geringere Kapazitäten einstellen.

Vor zwei Wochen hatte Airbus-Chef Guillaume Faury im Interview mit dem Handelsblatt gewarnt: „Das Tempo des Niedergangs ist ohne Beispiel.“ Die Coronakrise treibe viele Fluggesellschaften in eine Lage, in der sie fast völlig ohne Einnahmen dastünden.

Kein Wunder, dass sie da ihre Aufträge an das Duopol der Hersteller, Airbus und Boeing, überdenken und gegebenenfalls stornieren. Faury wies darauf hin, dass sich die Dauer und Schwere der Krise noch nicht absehen lasse. Aber das Unternehmen sei von der Liquidität und der Bilanz her so solide, dass es hoffe, ohne staatliche Kapitalhilfen durch die Krise zu kommen.

Nun hat sich die Lage weiter verschärft. In einem Brief an die Mitarbeiter, den Reuters veröffentlicht, schreibt Faury: „Wir bluten in einem noch nie dagewesenen Tempo finanziell aus.“ Diese Situation könne „die Existenz des Unternehmens infrage stellen.“ Der Analyst Carter Copeland von Melius Research errechnet für Airbus einen Mittelabfluss von 6,5 Milliarden Euro im ersten Quartal. Darin enthalten sind 3,6 Milliarden Euro an Strafen für die Korruptionsaffäre, die kürzlich ohne Prozess beigelegt wurde.

Dabei sitzen Airbus und Boeing auf gefüllten Auftragsbüchern. Die zahlreichen Bestellungen hatten die Hersteller in den vergangenen Jahren dazu veranlasst, ihre Produktionsraten zu steigern. Die Airlines werden den Flugzeugbauern diese bestellten Jets nach Möglichkeit auch abnehmen, weil sie dafür bereits Anzahlungen geleistet haben. Airbus kürzte die Rate beim Brot- und Butterflieger A320 im März denn auch „nur“ um ein Drittel – von 60 Maschinen im Monat auf 40.

Doch 2021 könnte es richtig bitter werden für das Duopol. Der internationale Luftverkehr wird sich so schnell nicht erholen. Die Nachfrage für die größten und teuersten Maschinen dürfte weiter zurückgehen, und auch bei den kleineren, aber prinzipiell langstreckentauglichen Jets drohen massive Einbrüche. Viele Airlines werden sich fragen, ob sie wirklich so viele Maschinen brauchen wir vor der Coronakrise geschätzt – und ob sie diese bezahlen können.

Sogar gute Airbus-Kunden wie die asiatischen Airlines überdenken heute ihre Kapazitätspläne. Bei Lufthansa und Air France-KLM sieht es erst recht finster aus. Beide kommen nur mit staatlicher Hilfe durch die Krise: zuerst wird es Kredite geben, dann möglicherweise eine staatliche Kapitalbeteiligung.

Kürzungen werden keinen Standort verschonen

Die will Faury, gelernter Ingenieur, wenn es eben geht vermeiden, sagte er dem Handelsblatt: Er hoffe, aus eigener Kraft durchzukommen. Erst seit Anfang 2019 amtiert Faury als CEO und Mitglied des Boards. Nun muss er das Unternehmen von Expansion auf Schrumpfung umsteuern.

Die Mitarbeiter wurden bereits veranlasst, ihre Zeitkonten abzuschmelzen. Kurzarbeit hat begonnen. In Frankreich sind davon 3000 Beschäftigte betroffen, in Deutschland steht die konkrete Zahl noch nicht fest. Nur so viel: Die Kürzungen werden keinen Standort verschonen. Das jedoch wird nicht reichen, signalisiert Faurys dramatische Wortwahl. Er spricht von „bedrohter Existenz“. Es ist die Kapazität, die dauerhaft verringert werden muss.

Das ist ein riskantes Manöver, weil dabei Lieferketten reißen könnten. Verschiedene Zulieferer halten eine deutlich verkleinerte Produktion möglicherweise nicht durch – zumal sie Anfang des Jahres noch aufgefordert wurden, in die Ausweitung ihrer Kapazitäten zu investieren. Denkbar wäre, dass einige von ihnen in den Armen chinesischer Konkurrenten landen, die damit ihre geringere technische Kompetenz rapide verbessern könnten.

Faury balanciert, so schildert er es selbst, auf dünnem Seil: Er muss die Kosten senken und vor allem den Abfluss flüssiger Mittel stoppen. Doch die Zukunftsfähigkeit von Airbus darf er nicht gefährden: Alle Regierungen mahnen an, nach der Coronakrise klimafreundlichere Produkte zu forcieren.

Das bedeutet für Faury kostspielige Investitionen in spritsparende Flieger. „Wir sind ständig dabei, nachzusteuern“, schildert er sein Vorgehen. Am Mittwoch wird er berichten, wo das Unternehmen steht: Dann legt er die Zahlen für das erste Quartal vor.