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Dieser Agenturchef profitiert vom Boom bei Amazon

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Digitalexperte Jan Bechler ist Spezialist für E-Commerce-Marketing. Die Coronakrise kurbelt das Geschäft seiner kleinen Agentur Finc3 kräftig an.

Mit seiner Marketingagentur ist Jan Bechler einer der Gewinner des Onlinehandel-Booms, den die Coronakrise entfacht hat. Der 40-Jährige, einer der Gründer und Co-CEO des 2014 gegründeten Start-ups Finc3, freut sich über die steigende Akzeptanz des E-Commerce. Denn sie führt dazu, dass sein Unternehmen in diesem Jahr „erstmals die Umsatzmarke von zehn Millionen Euro knacken wird“, wie Bechler im Gespräch mit dem Handelsblatt sagt.

Finc3 kümmert sich mit seinen 90 Mitarbeitern um Marketinglösungen rund um E-Commerce-Plattformen, allen voran beim Onlinehändler Amazon. Da geht es um die Aufbereitung von Produktpräsentationen auf dem Marktplatz, aber auch um Werbemaßnahmen, die auf der Plattform ausgespielt werden. Zu seinen Kunden gehören Konzerne wie Unilever, Coca-Cola und Bosch.

Der Werbekanal Amazon gewinnt an Relevanz und entwickelt sich – neben Google und Facebook – zur dritten starken Kraft im digitalen Werbemarkt. Der Vorteil: Die Unternehmen werben an einem Ort für ihre Produkte und Dienstleistungen, an dem die Nutzer ein klares Kaufinteresse haben. Wer es schafft, seine Reklame an die richtigen Konsumenten auszuspielen, stößt bei diesen auf eine große Werbeakzeptanz. „Viele unserer Kunden verschieben ihre Werbebudgets dorthin“, sagt Bechler.

Jetzt, kurz bevor Amazon am 13. und 14. Oktober sein Verkaufsevent „Prime Day“ startet, bemerkt der Berater verstärkte Nachfrage der Werbekunden. „Ein solcher umsatzstarker Zeitraum muss gut vorbereitet sein“, meint er. Mit welchen Produkten wollen die Hersteller präsent sein, ist genug Ware auf Lager, und wie macht das Unternehmen auf die Verkaufsaktionen aufmerksam? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Bechler im Auftrag seiner Kunden.

In der Coronakrise hätten sich viele Unternehmen gemeldet, die erstmals auf E-Commerce-Plattformen vertreten sein wollten. Bechler und sein Team mussten die hohen Erwartungen der neuen Kunden dämpfen. „Ein solcher Prozess dauert im Schnitt sechs Wochen, man muss Accounts eröffnen, Produkte listen und beschreiben und vieles mehr“, sagt der Marketingspezialist.

Erfahrungen mit Wein-Marktplatz gesammelt

Da Amazon selbst nur eine begrenzte Datenmenge für die Werbeindustrie zur Verfügung stellt, hat Finc3 eine eigene Analyselösung entwickelt. Dahinter stehen weitere Daten, die das deutsche Start-up aus externen Quellen filtert und mit den Amazon-Daten zusammenführt. Mit der Content-Aufbereitung und den Werbemaßnahmen sieht sich Bechler als ganzheitlicher Anbieter für den E-Commerce.

Die Zahlen sprechen für sein Unternehmen. Im ersten Halbjahr 2020 hat Finc3 den Umsatz um 28 Prozent auf gut fünf Millionen Euro erhöht. Bei diesem Wachstumstempo landet Bechler gegen Jahresende im zweistelligen Millionenbereich.

Zur Stärkung der Agenturführung haben die Gründer ab September ein Partner-Modell etabliert. Um das Engagement der Mitarbeiter zu belohnen und für die Zukunft abzusichern, „haben wir fünf verdiente Kolleginnen und Kollegen als beteiligte Partner gewonnen“, sagt Bechler. „Wir glauben, dass dies der richtige Weg ist, um auf Dauer unseren Kunden erstklassige Ergebnisse liefern und dadurch weiter wachsen zu können.“

Der Digitalexperte hatte schon früh den Weg des Unternehmers gesucht. Nach BWL-Studium und MBA-Abschluss arbeitete er bei beim Radio-Vermarkter RMS als Leiter New Business sowie beim Medienkonzern Axel Springer, wo er Start-up-Investments und die Gründung des Accelerators Axel Springer Plug and Play mit betreute.

2011 entschied er sich, selbst zu gründen. Mit Björn Sjut und Tim Nedden, mit denen er später auch Finc3 startete, versuchte er es zunächst mit einem Onlinemarktplatz für Weine. Navinum hieß der Marktplatz, auf dem es aber nicht so richtig voll werden wollte. Überschätzt hätten sie die Ambitionen der deutschen Weintrinker, die im Schnitt doch nur drei Euro für eine Weinflasche ausgeben wollten, sagt Bechler.

Da half auch ein Empfehlungsalgorithmus, den Bechler mit seinen Kompagnons einbaute, wenig. Nach der Amazon-Logik empfahl das Programm Weine, die dem Nutzer schmecken sollten, weil er zuvor bestimmte andere Tropfen gekauft hatte.

Auch wenn das Start-up nicht glückte, Bechler sieht die Phase als wertvolle Lehrzeit. „Wir haben viel darüber gelernt, wie Marktplätze funktionieren“, sagt er. Eine wichtige Erkenntnis: Einmal-Kunden sind ungünstig, die Unternehmen können wenig mit ihnen verdienen. Eine Regel, die er bei seinem neuen Unternehmen Finc3 beherzigen will.