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Ich hatte Affenpocken, doch erkannte die Infektion anfangs nicht – denn die Symptome waren anders, als ich gedacht hatte

Simon* möchte anonym bleiben. Deswegen haben wir seinen Namen bei seinen Schilderungen über seine Affenpocken-Erkrankung geändert. (Symbolbild) - Copyright: getty images
Simon* möchte anonym bleiben. Deswegen haben wir seinen Namen bei seinen Schilderungen über seine Affenpocken-Erkrankung geändert. (Symbolbild) - Copyright: getty images

Simon* hat sich im Sommer 2022 mit dem Affenpocken-Virus infiziert. Er merkte anfangs überhaupt nicht, dass er Affenpocken hatte – da die ersten Symptome nicht unter die typischen Anzeichen für die Infektion fielen. Unsere Redakteurin hat als Protokoll aufgeschrieben, was Simon ihr von der Erkrankung erzählte und was ihn während der Isolation am meisten beschäftigt hat. Da er anonym bleiben möchte, haben wir die Namen geändert.

Ich weiß noch, wie ich das erste Mal das Wort „Affenpocken“ hörte. Ein Freund machte einen Scherz und erwähnte den Begriff beiläufig. „Affen–was?“, fragte ich. Das sei so ein neues Virus, dass sich gerade verbreite, erklärte er damals. Das war im Mai 2022. Jetzt, etwa drei Monate später, habe ich die Infektion durchgemacht. Und es gibt einiges, das andere Menschen meiner Meinung nach wissen sollten.

Ich informierte mich über die Symptome, um sie bei möglichen Kontakten zu erkennen

Als die ersten Meldungen über das Virus kamen, tauschte ich mich mit Freunden und Bekannten aus. Es wurden Links mit Informationen verschickt, wir belasen uns auf der Seite des Robert Koch-Instituts über mögliche Übertragungen und Symptome. Ich würde sagen, dass ich mein Sexualleben schon geändert habe. So beschloss ich zum Beispiel, nicht mehr in die einschlägigen Clubs der Schwulenszene zu gehen. Einige meiner Freunde erzählten mir, dass sie erstmal vollkommen auf Sex verzichten würden – zumindest bis sie eine Impfung haben würden.

Als schwuler Single-Mann gehe ich gerne auf Dates und bin auch sexuell aktiv. Das wollte ich auch weiterhin tun und mein Sozialleben nicht völlig einschränken. Daher schaute ich mir ganz genau die Symptome an, um sie bei meinen potenziellen Partnern erkennen zu können. Ich fand Fotos von Pusteln an den Händen und am Oberkörper. Weitere Symptome seien Fieber und Kopfschmerzen, las ich.

Ich traf Leon* auf einer Veranstaltung. Wir verbrachten den Tag zusammen und später dann auch die Nacht. Als wir uns auszogen, achtete ich darauf, ob ich irgendwelche Pusteln oder Hautirritationen sehen konnte, bemerkte aber nichts. Da er weder Fieber noch Kopfschmerzen hatte, ging ich davon aus, dass er nicht infiziert sei und wir benutzten auch keine Kondome.

Mit einer Schleimhautentzündung fing es an

Fünf Tage später bemerkte ich dann eine Schleimhautentzündung im Intimbereich. Erst dachte ich, es wäre eine Geschlechtskrankheit – es wäre nicht meine erste und ich kenne die typischen Symptome. Vielleicht Syphilis? Ich ging zu einer Klinik für schwule Patienten. Die Ärztin sagte, sie werde auch auf Affenpocken testen, hielt es aber nicht für „wahrscheinlich“, da ich weder Pusteln noch Fieber oder Kopfschmerzen hatte. Bis dahin zumindest.

Kurz nach meinem Arztbesuch setzten letztere Symptome allerdings ein. Ich hatte starke Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und 40,7 Grad Fieber. Ich fühlte mich krank und schlapp, rechnete aber noch immer nicht mit Affenpocken – immerhin hielt ich nach den Pusteln Ausschau, die ich nirgendwo an meinem Körper finden konnte. Etwa zwei Tage später kam zu der Schleimhautentzündung auch noch eine Schwellung hinzu. Ich wunderte mich schon sehr, wartete aber immer noch auf das Ergebnis des Abstrichs.

Wieder vier Tage später rief dann schließlich die Klinik an. Diagnose: Affenpocken. Ich wurde erst einmal für zwei Wochen krankgeschrieben, sollte mich isolieren und regelmäßig zu Kontrollen in die Klinik kommen. Das Gesundheitsamt werde sich bei mir melden. Gleichzeitig schrieb Leon mir – auch er habe gerade die Diagnose bekommen. Wir ärgerten uns natürlich, machten uns aber keine Vorwürfe. Ich weiß, dass so etwas passieren kann. Schuldzuweisungen bringen da einfach nichts.

Das Gesundheitsamt meldete sich nur schriftlich. Ob ich wisse, wo ich mich angesteckt habe. Kontaktdaten von Leon fragten sie allerdings nicht ab. Ich denke, sie kommen einfach nicht mit der Kontaktverfolgung hinterher. Hätte ich also noch jemanden anderen angesteckt, dann hätte die Verantwortung bei mir gelegen, die Person zu informieren.

Ich hatte mindestens eine Woche lang starkes Fieber. Pusteln waren es insgesamt nur fünf bis sechs, am Fuß, Arm, Hals und Oberkörper. Was mich tatsächlich am meisten wunderte, waren die Symptome im Intimbereich – von Entzündungen und Schwellungen hatte ich zuvor auf keiner Aufklärungsseite gelesen. Ich bekam Schmerzmittel und Bettruhe verschrieben, musste jede Woche zum Check-up und wurde noch eine weitere Woche krankgeschrieben. Ungefähr vier Wochen, nachdem ich mich angesteckt hatte, konnte ich wieder zurück zur Arbeit gehen.

Ich hatte Angst vor Stigmatisierung

Die Symptome steht man durch – die sind zwar unangenehm, aber man übersteht sie. Was mich viel mehr belastete, war der psychische Aspekt. Auch wenn viele meiner Freunde und Bekannten Verständnis aufgebracht haben, hatte ich schon die Befürchtung, dass auf der Arbeit getuschelt werden könnte. „Oh, ein schwuler Mann, der jetzt drei Wochen krankgeschrieben ist – der hat bestimmt die Affenpocken.“ Ich kann mir vorstellen, dass es diesbezüglich schon Stigmatisierungen gibt.

Falls ihr mitbekommt, dass jemand sich mit Affenpocken infiziert hat, ist mein Rat an euch: Tretet in Kontakt, wünscht gute Besserung und habt Verständnis. Auch wenn man auf safe Sex setzt, kann so etwas passieren. Und das sollte dann auch kein Weltuntergang sein.

Auch, wenn es sich vielleicht komisch anhören mag: Aber ich bin froh, dass Leon und ich uns „zusammen“ infiziert haben. So fühlt man sich vielleicht doch ein bisschen weniger isoliert, wenn man jemanden hat, mit dem man das Leid teilen kann.

*Namen von der Redaktion geändert