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Adler-Bericht von KPMG wirft Fragen auf und lässt Aktie taumeln

(Bloomberg) -- Die Investoren der Adler Group SA haben fast sieben Monate auf einen forensischen Bericht warten müssen, der die Vorwürfe von Leerverkäufern widerlegen hätte sollen. Während sie in der vergangenen Woche die Ergebnisse verdauten, fielen Aktien und Anleihen des umkämpften Vermieters auf neue Tiefststände.

Die 129-seitige Publikation wurde von Adler in Auftrag gegeben, um die Behauptungen von Fraser Perrings Viceroy Research zu überprüfen, das im Oktober Adler als “Brutstätte des Betrugs” bezeichnet hatte. Die Aktionäre warten nun auf weitere Details im Geschäftsbericht des Unternehmens, der sich wegen der KPMG-Untersuchung verspätet hat und nun spätestens Samstag fällig ist.

Der Verwaltungsratsvorsitzende von Adler kam der Veröffentlichung der forensischen Untersuchung von KPMG zuvor und erklärte, die Analyse zeige keinen “Betrug oder Täuschung”. Der Kurssturz der Adler-Aktie um 38% seit Veröffentlichung des Berichts zeigt jedoch, dass sich die Anleger Sorgen machen.

Im Mittelpunkt der Vorwürfe von Viceroy standen die Rolle des österreichischen Geschäftsmanns Cevdet Caner, der zwar keine offizielle Position bei dem Unternehmen innehat, dessen Familie aber Anteile besitzt, sowie Transaktionen mit angeblich verbundenen Parteien und die Bewertungen, die das Unternehmen für seine Immobilien vornahm. Die Buchprüfer von KPMG fanden den Großteil des Adler-Portfolios korrekt bewertet, konnten viele andere Vorwürfe jedoch nicht widerlegen.

“Dieser Bericht ist erschütternd”, sagte Nicholas Ryder, Professor für Finanzkriminalität an der University of the West of England. “Er wirft ganz und gar kein gutes Licht auf das Unternehmen.”

Im folgenden einige neue Erkenntnisse aus dem Bericht und weitere Themen, zu denen die Investoren noch Fragen haben dürften.

Caners Einfluss

Caner ist eine zentrale Figur im KPMG-Bericht, obwohl er nie eine offizielle Funktion bei Adler innehatte. Viceroy behauptet, er zöge hinter den Kulissen des Vermieters die Fäden, um sich und seine Partner zu bereichern. Caner bestreitet diesen Vorwurf; KPMG konnte ihn weder bestätigen noch widerlegen.

Aus dem Bericht von KPMG geht allerdings hervor, dass Caner Adlers Management anleitet, Sitzungen anberaumt und Personalentscheidungen beeinflusst. Ein Vorstand nennt ihn in einer E-Mail eine “Schlüsselfigur”, die an Sitzungen teilnehmen muss. In einer anderen Korrespondenz wird erwähnt, dass Caner in ein Unternehmen investiert hat, das später mit Adler fusionierte.

KPMG stellte überdies fest, dass Caner 12,6 Millionen Euro an Honoraren im Rahmen von Beratungsverträgen erhielt, die sich “nicht anhand von Leistungsnachweisen nachvollziehen” lassen. Die Prüfer fanden darüber hinaus an Caner adressierte Rechnungen, die dieser an Adler-Mitarbeiter weitergeleitet hatte mit der Bitte um Zahlung. Sie sahen sich allerdings außerstande festzustellen, ob das berechtigt war.

Caner hatte den Bericht bei Erscheinen begrüßt und erklärt, dieser widerlege die “rufschädigenden Behauptungen von Viceroy”.

Geschäfte mit Verwandten

Viceroy thematisierte auch Geschäfte von Adler mit Caner nahestehenden Personen, insbesondere den Verkauf eines großen Grundstücks in Düsseldorf an ein von Caners Schwager Josef Schrattbauer kontrolliertes Unternehmen.

KPMG zufolge gab es noch mehr Geschäfte, an denen Schrattbauers Spree-Unternehmensgruppe beteiligt war, und zwar sowohl als Käufer von als auch als Verkäufer an Adler. Dazu gehörte Adlers Kauf einer Mehrheitsbeteiligung an der Eurohaus Frankfurt AG von einer von Schrattbauer kontrollierten Gesellschaft. Eine weitere Tochtergesellschaft von Spree wird dem Bericht zufolge von Caners Bruder Izzet geleitet und befindet sich in dessen Besitz. Zwei weitere Transaktionen zwischen Adler-Gesellschaften und Schrattbauer in den Jahren 2019 und 2020 wurden ebenfalls festgestellt.

Forderungsabschreibungen

Ein Hauptaugenmerk einiger Adler-Investoren liegt auf seit langem ausstehenden Beträge für vor Jahren verkaufte Immobilien, die sich im vergangenen Juni auf mehr als 1 Milliarde Euro summierten. Ein Beispiel dafür ist der Verkauf der Accentro Real Estate AG im Jahr 2017 an ein vom aserbaidschanischen Investor Natig Ganijew kontrolliertes Vehikel, für den immer noch rund 60 Millionen Euro ausstehen.

Adlers Co-Chef Maximilian Rienecker teilte KPMG mit, dass eine Zahlungsfrist im September und eine verlängerte Frist im Januar verstrichen seien, ohne dass die Schulden beglichen wurden. Das Unternehmen hat Ganijew nun bis Ende Mai Zeit gegeben, die Zahlung zu leisten. Der andauernde Verzug bedeutet für KPMG allerdings, dass die bilanzielle Bewertung der Forderung zum Nennwert fragwürdig ist und abgeschrieben werden sollte.

Ein weiterer Deal mit Ganijew, der Verkauf von Entwicklungsprojekten durch Consus Real Estate AG, wurde ebenfalls nicht vollständig abgerechnet. KPMG fand Dokumente, die darauf hinweisen, dass neben Ganijew auch Schrattbauer beteiligt war. Andere Dokumente zeigen hingegen nur den aserbaidschanischen Investor als Nutznießer.

Unstimmigkeiten bei der Bewertung

Die Prüfer von KPMG bewerteten eine Stichprobe der Entwicklungsprojekte des Vermieters mit rund 1,9 Milliarden Euro, 411,8 Millionen Euro weniger als der Wert, den Adlers Gutachter geschätzt hatte. Laut KPMG waren die geschätzten Bauzeiten für die Projekte von Adler zu optimistisch angesetzt. Sie widersprachen auch Schätzungen von Adler zu den Baukosten, die das Unternehmen trotz wiederholter Nachfragen nicht klarstellte.

KPMG stellte außerdem fest, dass Adler zum Verkauf stehende Immobilien in einer Weise bilanzierte, die den Bedingungen ihrer Anleihen widerspricht. Unter Berücksichtigung dieser Annahmen ergab sich zeitweise eine Überschreitung der Beleihungsgrenze von 60% für eine Anleihe der Tochter Adler Real Estate AG.

Aggregate-Anleihen

Die Aggregate Holdings SA des langjährigen Caner-Geschäftspartners Günther Walcher war bis Februar Adlers größter Aktionär. Laut KPMG hält Adler einen Teil der 600 Millionen Euro schweren Anleihe von Aggregate und hat den Bestand kurz vor der Veröffentlichung des Viceroy-Berichts sogar noch aufgestockt. Die Anleihen haben seit September rund 50% ihres Nennwerts verloren, wodurch Adler Verluste drohen.

Fehlende Informationen

In vielen Punkten blieb der Bericht ergebnislos, da KPMG die Behauptungen von Viceroy weder bestätigen noch widerlegen konnte. Die Prüfer gaben an, dass 813.000 angeforderte E-Mails, Dokumente und Akten nicht ausgehändigt wurden, weil Adler darauf verwies, dass diese sonst in Gerichtsprozessen gegen das Unternehmen verwendet werden könnten. Fast 1.000 weitere Dokumente wurden noch während der Prüfung zurückgezogen.

Überschrift des Artikels im Original:

Adler’s KPMG Report Spurs More Questions and a 38% Stock Plunge

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