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Achtung, 500 Euro im Monat bringen kein monatliches Dividendeneinkommen von 650 Euro, sondern von 270 Euro

Sven Vogel, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Die frühzeitige finanzielle Freiheit mithilfe von Dividendenzahlungen ist ein oft geträumter Traum. Oft wird dieser mit konkreten Rechenbeispielen hinterlegt, um diesen noch greifbarer zu machen. Die Variablen dieser Rechnungen sind zumeist monatlich schaffbare Sparleistungen, ein überschaubarer Anlagezeitraum und Dividendenrenditen sowie Dividendensteigerungsraten. Auch wenn Träume wild sein sollten, täte es uns allen gut, bei diesen Annahmen mehr Realismus in die Zahlenspiele zu bringen. Denn investiert man über 20 Jahre monatlich 500 Euro, könnte man sich zwar im besten Falle eine monatliche Dividendenzahlung von 650 Euro ausrechnen, mit etwas mehr Pessimismus bei den Annahmen aber auch nur auf eine Dividendenzahlung von 270 Euro pro Monat kommen.

Der fantastische Traum von 650 Euro Dividenden pro Monat

Der optimistischte Dividendentraum, den man träumen kann, ist der ohne Steuern und mit einer beinahe perfekten Diviendenaktienauswahl. Investiert man tapfer für 20 Jahre monatlich 500 Euro in Dividendenaktien, die von Beginn an 3 % an Dividendenrendite einbringen, und investiert auch die erhaltenen Dividenden gesammelt am Jahresende wieder in Dividendenaktien, könnte man sich nach 20 Jahren tatsächlich über Dividendenzahlungen von 650 Euro im Monat freuen.

Zumindest dann, wenn auf die Dividendenzahlungen keinerlei Steuern bezahlt werden und die Aktienkurse der Unternehmen jährlich um zusätzliche 5 % an Wert gewinnen, die jährliche Dividendenrendite auf den aktuellen Aktienkurs aber konstant bei 3 % bleibt. Gleichbedeutend mit einer jährlichen Dividendenerhöhung von 5 %. Dieser wirklich fantastische Traum bringt uns nach 20 Jahren stattliche Dividendeneinnahmen von 7.850 Euro oder nicht zu verachtenden 650 Euro im Monat.

Der realistischere Traum von 270 Euro Dividenden im Monat

Was passiert aber, wenn wir nur zwei Annahmen der obigen Rechnung verändern? Wenn wir beispielsweise auf alle Dividendenzahlungen ab dem ersten Jahr 25 % Steuern bezahlen müssten? Und wenn wir noch dazu bei der Aktienauswahl kein sonderlich glückliches Händchen haben? Die Dividendenzahlungen also nicht jährlich um 5 % erhöht werden?

Nun ja, dann gibt es nach den 20 Jahren natürlich deutlich weniger Dividendenzahlungen. Aus den monatlich 650 Euro Dividendenzahlungen nach 20 langen Jahren werden bei diesen Annahmen dann nämlich nur noch 270 Euro im Monat. Das ist noch immer ein mehr als ordentlicher Nebenverdienst. Klingt aber bei Weitem nicht mehr so gut wie der fantastische Traum von beinahe 8.000 Euro an Dividendeneinnahmen pro Jahr aus dem ersten Beispiel. Und das, obwohl man auch hier eisern jeden Monat 500 Euro in Dividendenaktien investiert hat – nur eben in die falschen – und seine Einnahmen mit dem Staat teilen musste.

Die Realtät wird sich irgendwo in der Mitte abspielen

Keinesfalls möchte ich mit meinen Beispielrechnungen jemanden davon abbringen, mithilfe von Dividendenaktien für seinen Ruhestand vorzusorgen. Das ist großartig und absolut notwendig. Egal ob man am Ende mit 650 Euro im Monat dasteht der mit 270 Euro im Monat.

Ehrlicherweise sind die 270 Euro im Monat wahrscheinlich auch allzu pessimistisch. Denn wenn man keine großartigen Fehler macht, sollten im Verlauf der 20 Jahre sicherlich Dividendensteigerungen zu erwarten sein. Hinzu kommen Sparerfreibeträge, die in Deutschland selbst bei einer Person ausreichen würden, um bei meiner Beispielrechnung erst im fünften Jahr überhaupt das allererste Mal Steuern bezahlen zu müssen. Und auch danach würde die Steuer natürlich nur für das Dividendeneinkommen fällig werden, welches den Sparerfreibetrag übersteigt.

Also lasst uns alle weiter den großartigen Dividendentraum träumen. Lasst uns diesen aber mit etwas realistischeren Annahmen träumen. So können wir möglichen Enttäuschungen vorbeugen. Denn wenn sich bereits nach dem fünften oder zehnten Jahr nicht die zuvor erhofften Ergebnisse einstellen, verfliegt möglicherweise die Motivation, tatsächlich bis zum 20. Jahr durchzuhalten. Dann stoßen wir selbst mit einer heißen Nadel in unseren Traum vom ordentlichen Dividendeneinkommen im Ruhestand. Und das wäre wirklich das Allerschlechteste, was wir tun könnten.

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