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Das 7-Minuten-Versprechen: So will Delivery Hero Gorillas und Co. Konkurrenz machen

·Lesedauer: 5 Min.
Foodpanda-Bote in Thailand: In Asien und Amerika sind die Kuriere schon länger unterwegs.
Foodpanda-Bote in Thailand: In Asien und Amerika sind die Kuriere schon länger unterwegs.

E-Commerce war gestern. Die Zukunft gehört der nächsten Generation des Online-Handels mit Lebensmitteln, neudeutsch: dem Q-Commerce. Das Kürzel steht für Quick Commerce, und die Sache mit dem Tempo ist zugleich Anspruch und Versprechen an die Kunden. Die Firma Delivery Hero etwa teilt mit, sie habe den Ehrgeiz, in Berlin schon bald Lebensmittel „innerhalb von sieben Minuten“ zu liefern.

Dagegen klingt die Same-Day-Delivery, Lieferung am Tag der Bestellung, die eben noch der Goldstandard aller Lieferversprechen war, fast schon altbacken. „Der Zeitplan ist nach wie vor intakt“, sagt eine Unternehmenssprecherin von Delivery Hero zu Welt am Sonntag. Noch im Juni solle es losgehen.

Delivery Hero kommt nach Deutschland zurück

Delivery Hero war eigentlich eher als Lieferant von Döner, Pizza und Pasta aus den angeschlossenen Restaurants bekannt. Das Unternehmen ist ein Kuriosum der Wirtschaftsgeschichte: Gegründet in Berlin von einem Schweden namens Niklas Östberg, ist es seit zwei Jahren auf dem deutschen Heimatmarkt nicht mehr aktiv, dafür aber in drei Dutzend anderen Ländern. So ist die Firma in die erste Börsenliga Deutschlands aufgestiegen. Als Dax-Konzern misst sich Delivery Hero seit knapp einem Jahr mit Industriegrößen wie Daimler, BMW oder Siemens.

Nun kehrt die Gruppe auch operativ nach Deutschland zurück – mit neuem Angebot. Östberg ist entschlossen, Motor des Q-Commerce zu sein. Unter der Marke Foodpanda sind seine Fahrradkuriere schon länger in Asien und Amerika mit Standardlebensmitteln, Zahnpasta und anderen Artikeln des täglichen Bedarfs unterwegs. „Wir haben Deutschland nie aus dem Blick verloren und sehen hier enorme Möglichkeiten“, sagte Artur Schreiber, Foodpandas Deutschland-Chef. Nach dem für August geplanten offiziellen Neustart der Aktivitäten sei eine Ausweitung auf mehrere deutsche Städte geplant.

Schreiber wird auf gut organisierte Rivalen treffen. Unternehmen wie Gorillas oder Flink tummeln sich in dem neuen Marktsegment und haben sich einen Vorsprung erarbeitet. An Flink will sich Rewe beteiligen. Gorillas will in 15 Städten und mit 60 Warenlagern vertreten sein. „Egal wie viele Warenhäuser die anderen haben, wir werden mehr haben“, kündigte Östberg nun etwas großspurig in einem Interview an.

Wobei der Begriff „Warenhaus“ in die Irre führt, denn es handelt sich um kleine Lager für ein Basis-Sortiment. Sie liegen zentral in den Städten und sind so organisiert, dass die Fahrradkuriere – denn nur die kommen vorerst als Transporteure infrage – ruckzuck die ausschließlich per App zu bestellende Ware abholen und sie ausliefern können. Östberg will neben solchen als „D-Mart“ bezeichneten Abhollagern und Restaurants auch Kleinläden ins Foodpanda-Netzwerk einbinden.

Es wird sich, wie die Konkurrenz, auf ausgesuchte Stadtteile beschränken. Extrem lokal, extrem gut organisiert und extrem schnell: Das ist eine Art Grundgesetz des Q-Commerce. Die Dominanz der Supermärkte und Discounter wird das Geschäftsmodell also nicht anfechten. Ohnehin schauen sich die meisten Deutschen den E-Commerce bei Lebensmitteln bisher vorzugsweise von außen an. Zwar ist dessen Umfang laut Bundesverband E-Commerce und Versandhandel im Corona-Jahr 2020 um 70 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro gestiegen. Dennoch sind das nur zwei Prozent des Gesamtmarktes.

Experten betrachten Q-Commerce daher bis auf Weiteres als Fall für die Marktnische. Für Erik Maier, Handelsprofessor an der Leipzig Graduate School of Management, bilden die Markteinsteiger in erster Linie eine neue Konkurrenz für Minigeschäfte, Tankstellenshops, Kioske, Bahnhofsläden, Trinkhallen und Spätis. Sie dienten dazu, dringende, kleine Einkäufe zu erledigen. Es fehlen Kartoffelchips für den Fußballabend? Freunde kommen, und weder Avocado noch Wein sind im Kühlschrank – solche Gelegenheiten. Die Branche spricht vom Convenience-Handel.

Das Segment mag randständig anmuten, doch das Geld, das damit zu verdienen ist, lockt auch Großunternehmen. Die Supermarktkette Rewe etwa setzte 2020 mit einer neu gebildeten Convenience-Sparte (Lekkerland, Rewe To Go) 13,1 Milliarden Euro um. Die Schweizer Firma Valora, das mit Ketten wie Ditsch und Backwerk in Deutschland aktiv ist, hat sich weitgehend auf diesen Markt konzentriert und erzielte 2020 einen Nettoumsatz von 1,7 Milliarden Schweizer Franken (1,55 Milliarden Euro). Nach Studien kauft jeder fünfte Deutsche regelmäßig Lebensmittel in kleinen, unabhängigen Geschäften ein. Jeder dritte holt sich To-go-Produkte am Kiosk, auch Spirituosen und Süßwaren.

Marktkenner sind skeptisch, ob sich Geschäftsmodell trägt

Ob die mobile Variante des Kleinhandels genauso gut funktioniert, daran hat Forscher Maier seine Zweifel. „Das Segment der Kunden, die dafür infrage kommen, ist klein. Sie sind urban geprägt und mit hohem Einkommen ausgestattet“, sagt er. Ob eine einheitliche Liefergebühr von 1,80 Euro, wie bei Gorillas, auf die Dauer auch bei den typischen kleinen Noteinkäufen akzeptiert werde, müsse sich erst zeigen. Zumal das Unternehmen verspricht, Produkte nicht teurer zu verkaufen als im Supermarkt.

Mit Stirnrunzeln betrachten Marktkenner auch die Kostenstrukturen im Q-Commerce. Die Abhollager – klein, aber zahlreich – erzeugten als Immobilien laufende hohe Verbindlichkeiten, während bei der reinen Auslieferung von Speisen kaum fixe Kosten anfallen, wenden Skeptiker ein. Die Zeit der extrem schlanken Bilanzen sei für Delivery Hero wohl vorbei. „Es wird spannend zu beobachten, wie weit der anfängliche Hype beim Q-Commerce trägt“, fasst Maier zusammen.

Die Anbieter setzen auf weiterhin solides Marktwachstum. Nach einer früheren Umsatzprognose der Handelsforscher von Planet Retail erwirtschafteten Convenience Stores im vergangenen Jahr weltweit 377 Milliarden Dollar Umsatz. Das bedeutet eine Steigerung um ein Drittel in einem Jahrzehnt und entspricht etwa dem gesamten jährlichen Geschäftsvolumen der europäischen Kunststoffindustrie.

Was die Kosten der Warenlager betrifft, kann Delivery Hero immerhin auf umfangreiche Erfahrungen bauen. Zum Ende des ersten Quartals verfügte der Konzern bereits über 600 D-Marts unter anderem in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Chile, Argentinien und Hongkong.

Dieser Text erschien zuerst auf Welt.de