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5 mögliche Überraschungen in der Finanzwelt 2020: Was wird aus Trump, Merkel und dem großen Crash?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Gebannter Blick auf die Märkte: Was bringt das Börsenjahr 2020? (Foto: Deutsche Börse AG)

Willkommen in den neuen 20ern! Das alte Jahr ist noch kaum verdaut, schon ist das neue da. Was bringt 2020? So ungewiss und noch ungeschrieben wie die Zukunft ist, steht zumindest fest: Nach furiosen zwölf Monaten 2019 haben Anleger in diesem Jahr einiges zu verlieren. Ein Blick auf mögliche Überraschungen.

“Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“, pflegte der große amerikanische Schriftsteller Mark Twain einst zu sagen. Kaum anders geht es Analysten, Marktexperten und Journalisten, wenn sie zu Jahresbeginn in die Glaskugel blicken.

In der Finanzwelt hat der renommierte Investmentstratege Byron Wien in den 80er-Jahren mit seinen „10 Surprises“ einen neuen Prognose-Standard erschaffen: Ereignisse, die nach heutigem Konsens eine Überraschung wären, aber eine gewisse Eintrittswahrscheinlichkeit besitzen. In dieser Tradition wage ich mit Denkanstößen einen Blick auf fünf mögliche Ereignisse, die in diesem Jahr eintreten könnten und das Potenzial besitzen, in der Finanzwelt Spuren zu hinterlassen.

1. Donald Trump verliert die US-Präsidentschaft

Vor vier Jahren war es die Sensation schlechthin: Donald Trump entriss Hillary Clinton die sicher geglaubte Präsidentschaft. Nach turbulenten drei Jahren scheint der 73-Jährige 2020 trotz des Amtsenthebungsverfahrens sicherer denn je im Sattel zu sitzen und geht als klarer Favorit in den US-Wahlkampf.

Entsprechend groß und an der US-Börse keinesfalls eingepreist wäre die Überraschung, sollte Trump das Weiße Haus nach nur einer Amtszeit wieder räumen müssen. Das Szenario erscheint vor allem angesichts des unübersichtlichen Kandidatenfelds der Demokraten aktuell noch wenig realistisch, doch bekanntlich wird die Präsidentschaftswahl im Herbst gewonnen oder verloren. 

2. Der große Crash kommt doch noch

Donald Trump feiert so ziemlich jedes neue Allzeithoch im Dow Jones mit einem neuen Tweet. Man kann vom streitbaren Republikaner halten, was man will – die erste Amtszeit der Trump-Präsidentschaft waren für Anleger gute Jahre.

Entsprechend groß dürfte der Katzenjammer an der Wall Street sein, wenn Donald Trump das Oval Office verlassen muss. Sollte gar einer der linken demokratischen Präsidentschaftskandidaten wie Bernie Sanders oder Elizabeth Warren die US-Wahl für sich entscheiden, prognostizieren Marktexperten eine happige Ausverkaufswelle, von der besonders Pharmaaktien betroffen sein könnten. 

Dass der große Crash nach einer Dekade der üppigen Kursgewinne längst überfällig ist, wurde zuletzt von Börsenapokalyptikern immer lauter prognostiziert. Die Vergangenheit lehrt: Wenn der Crash kommt, fallen die Kurse meist dramatisch schnell. 

3. Netflix wird übernommen 

Die größte Übernahme des Jahres kommt möglicherweise aus dem Internetsektor. Nachdem Netflix in einer Dekade vom Streaming-Herausforderer zu einem der zehn wertvollsten Internetkonzerne der Welt aufgestiegen ist, nimmt der Druck in den 20er-Jahren seitens der klassischen Medien-, Internet- und Tech-Konkurrenz in Form von Disney+, Apple TV+ und Amazon Prime Video nimmer massiver zu. 

Nichtsdestotrotz bleibt Netflix der Goldstandard des Streaming-Zeitalters, der für die Digitalchampions eine enorme Begehrlichkeit besitzt, zumal bei möglicherweise weiter fallenden Kursen. (Die Aktie fuhr 2019 Achterbahn, beendete das Jahr aber noch im Plus.)

Angesichts der hohen Marktkapitalisierung von aktuell rund 140 Milliarden Dollar sind mögliche Übernahmekandidaten handverlesen. Apple, Microsoft oder Google kämen in Frage – möglicherweise auch ein Telekom-Riese. 

4. Rohstoffe werden Anlageklasse des Jahres – Gold erlebt Comeback

Aktien dominierten in den 10er-Jahren alles: Wer in die richtigen Anteilsscheine investierte, konnte in einer Dekade reich werden. In den 20er-Jahren dürfte das, wenn die Börsenhistorie als Vorbild taugt, deutlich schwieriger werden. Antizyklisch könnte sich dagegen eine weitgehend missachtete Anlageklasse entwickeln, die zuletzt in den Nullerjahren haussierte – Rohstoffe!

Investmentlegende Byron Wien etwa rät Anlegern als Vorbote seiner „10 Überraschungen für 2020“: „Behalten Sie Gold im Auge.“ Gehen die Aktienmärkte in den Krisenmodus über, ist das edle Metall der klassisch sichere Hafen.

Auch Öl könnte nach Jahren in einer engen Trading Range wieder nach oben ausbrechen – nicht zuletzt durch geopolitische Konflikte wie die neue Iran-Krise. Die Saxo Bank mutmaßt unterdessen, dass Öl-Aktien zu interessanteren Investments als die hoch gewetteten Erneuerbare Energie-Unternehmen zählen könnten.

5.  Angela Merkel tritt im Herbst als Kanzlerin zurück – und übergibt an AKK

Das nunmehr 15. Amtsjahr von Angela Merkel als Bundeskanzlerin ist angebrochen. Bereits jetzt ist die 65-Jährige länger im Amt als Konrad Adenauer. Nach den schwierigen Jahren nach der Flüchtlingskrise erlebte Merkel in den vergangenen zwölf Monaten eine überraschende Renaissance: Während sich ihre potenziellen Nachfolger beharkten und dabei zeitweise selbst demontierten und sich die SPD zerfleischte, schien die Bundeskanzlerin wieder ihre alte Souveränität zurückgewonnen zu haben.

Die gelernte Physikerin könnte die Gunst des politischen Stillstands nutzen, um 2020 ihr Erbe zu regeln, bevor es zu spät ist und sie im nächsten Jahr zur “Lame Duck” würde. Ehe das Kandidatenchaos um die nächste Kanzlerkandidatur ausbricht, könnte Merkel daher im Herbst an ihre mutmaßliche Wunschnachfolgerin AKK übergeben, selbst wenn ein solcher Coup baldige Neuwahlen auf den Plan rufen würde. 

An den deutschen Finanzmärkten dürfte das Ende der Ära Merkel indes kaum für einen großen Ausschlag sorgen. Zum einen scheint die nächste Koalition unter Schwarz-Grün, die im Gegensatz zur verhassten GroKo eine gewisse Aufbruchstimmung versprühen würde, seit Jahren absehbar, zum anderen hängen die deutschen Kapitalmärkte seit Jahrzehnten fast sklavisch an den Vorgaben der Wall Street.