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36 Tote in San Francisco, 20.000 in New York: Die Gegenpole der Corona-Pandemie

Die Metropolen der US-Küsten zeigen gegensätzliche Corona-Verläufe. Das liegt an lokalen Herausforderungen – aber auch an den Reaktionen von Politik und Wirtschaft. Ein persönlicher Bericht.

Die Apokalypse scheint hinter uns zu liegen. Die Zeiten, in denen die ungewöhnliche Stille New Yorks im Fünf-Minuten-Takt von den Sirenen der Krankenwagen unterbrochen wurde, in denen die Beatmungsmaschinen innerhalb weniger Tage zum medizinischen Mangelmaterial werden konnten, sie wirken nur wenige Tage und Wochen später wie ein böser Traum. Mittlerweile hat sich auch in der Metropole die Corona-Kurve abgeflacht. Die Fallzahlen bleiben aber auf hohem Niveau.

Wir freuen uns schon, wenn in dieser Stadt mit ihren mehr als acht Millionen Einwohnern an einem Tag „nur“ 200 Tote oder „nur“ 1000 neue Fälle vermeldet werden. Im April hatten wir schon Zeiten, da stiegen die Fallzahlen täglich um 3000 oder gar 4000, und es starben mehr als 1000 innerhalb von 24 Stunden.

Heute fühlt es sich an, als sammelten die New Yorker langsam die Scherben ihrer zerstörten Stadt auf: Menschen mit Mundschutz grüßen sich mit Abstand von etwa 1,8 Metern – die Sechs-Fuß-Regel ist im Alltag angekommen.

Die Nachbarn, die Covid-19 schon hinter sich haben, wagen sich nach vier Wochen wieder vor die Haustür. Man tauscht am Zaun in sicherem Abstand die Erfahrungen mit Antikörper-Tests aus: Wo es sie gibt, welche sicher sind, wie lange es dauert, bis man das Ergebnis hat.

Eine Antikörper-Studie legt nahe, dass bereits jeder vierte New Yorker mit dem Virus infiziert worden ist. Allein in unserem Häuserblock, mit niedrigen dreistöckigen Gebäuden im Stadtteil Brooklyn, wissen wir von vier Familien, die an Covid-19 erkrankt sind. An ihren Fenstern hängen Dankesschilder und selbst gemalte Bilder, die Ärzte und Krankenschwestern zeigen, mit der Aufschrift: „Helden tragen Kittel“.

Rund 190.000 positive Tests und 20.000 Tote verzeichnet die Stadt New York. Das allein sind mehr Fälle als in ganz Deutschland und fast dreimal so viele Todesfälle. Da stellt sich die Frage: Musste es so weit kommen? Was ist schiefgelaufen in New York? Hätten wir das Desaster verhindern können?

Fehler in New York

Bürgermeister Bill De Blasio und der Gouverneur des Bundesstaats New York, Andrew Cuomo, verweisen gerne auf die Bevölkerungsdichte der Stadt. Tatsächlich: Mit seinen rund 8,4 Millionen Einwohnern auf 784 Quadratkilometern ist New York die mit Abstand am dichtesten besiedelte Stadt Nordamerikas.

Da fällt es schwer, „social distancing“ einzuhalten. In den Hochhäusern teilen sich Hunderte Menschen Flur, Lobby und Aufzug. In den U-Bahnen stehen Menschen dicht gedrängt. Viren haben leichtes Spiel.

Auch war New York bis vor Kurzem für viele Reisende, insbesondere aus Europa, noch immer das Tor in die Vereinigten Staaten. Jeden Tag landeten Hunderte Flieger aus aller Welt auf den Airports JFK, Newark und LaGuardia.

War das Desaster in New York also unausweichlich? Nein. Bürgermeister und Gouverneur hätten früher reagieren müssen. Dass es genug Warnsignale gab, zeigt die Tatsache, dass die Privatwirtschaft schneller reagiert hat: Unternehmen und Anwaltskanzleien hatten ihren Mitarbeitern schon Ende Februar den Kontakt zu Menschen untersagt, die aus China oder auch Italien zurückgekehrt waren.

Sie rieten zum Homeoffice. Doch die Regierungen in Washington (auf Bundesebene) und in New York (regional) taten, als könnte hier nichts passieren. Tests gab es nicht – und damit auch keine positiven Ergebnisse.

Zu späte Reaktion

Bei uns als Familie hat die Panik ebenfalls früher eingesetzt als beim Bürgermeister oder beim Gouverneur. Mein Mann war am 26. Februar – drei Tage nach dem Ausbruch in der Lombardei – mit Schutzmaske aus Zentral-Italien zurückgeflogen und hatte bereits fest damit gerechnet, in Zwangsquarantäne gesteckt zu werden. Stattdessen gab es im JFK-Flughafen noch nicht einmal einen Temperaturcheck, ein Warnschild oder irgendetwas, das die Reisenden auf ihr virologisches Gefahrenpotenzial hinwies.

Mein Mann hat sich nach der Reise in Selbstisolation begeben. Als Familie haben wir uns mit Desinfektionsmitteln und Masken eingedeckt. Ich habe mein Schwimmtraining aufgegeben und auch die Kollegen schon bald dazu aufgerufen, sich mit ihren Laptops ins Homeoffice zu verabschieden.

Wie wir mittlerweile wissen, grassierte das Virus zu dem Zeitpunkt schon massiv in der Stadt. Nach heutigen Schätzungen waren Anfang März bereits 10.000 New Yorker infiziert. Die Schulen wurden jedoch erst am 15. März geschlossen. Die Belegschaften in den Büros wurde im Laufe des März nur langsam – und das vor allem auf Druck der starken Pförtner-Gewerkschaften – reduziert.

Zunächst durften nur noch die Hälfte der sonst Anwesenden ins Büro kommen, eine Woche später nur noch ein Viertel, dann gar keiner mehr. Die „Shelter in Place“-Anordnung, die alle nicht existentiellen Unternehmen im Bundestaat schloss und die Menschen weitestgehend in ihre Wohnungen verbannte, kam erst am 20. März.

„Das kann mir nicht passieren“-Haltung

Und was tat der Bürgermeister? Am Tag bevor die Stadt ihre Tore schloss, ging er ein letztes Mal ins Fitnessstudio und rief seine Mitbürger dazu auf, noch einmal ihre Lieblingsbars zu besuchen. Viel zu lange hat die „Das kann mir nicht passieren“- Haltung der verantwortlichen Herren in New York dazu geführt, dass sich das Virus munter ausbreiten konnte.

Als das Desaster dann da war, hat vor allem der zuständige Gouverneur Cuomo auf dem Höhepunkt der Krise in den vergangenen Wochen Außerordentliches geleistet. Er hat koordiniert, informiert und dafür gesorgt, dass Washington ein Lazarettschiff schickte, dass im Central Park ein Feldkrankenhaus seine Zelte aufgeschlagen hat und die Testkapazitäten massiv hochgefahren wurden, die in den gesamten USA so lange gefehlt haben. Aber es war zu spät.

Jetzt, Mitte Mai, sinken die Fallzahlen. New York testet mittlerweile so viel wie keine andere amerikanische Stadt. Impfstoffe, Antikörper-Plasma-Transfusionen und neue Therapien werden hier ausprobiert, die vielleicht bald weltweit helfen können, das Virus einzudämmen oder Covid-19 den tödlichen Schrecken zu nehmen.

Aber Cuomo und De Blasio hätten die Gefahr früher erkennen und reagieren müssen. Cuomo hat das mittlerweile selbst eingeräumt. Es stimmt, dass er aus Washington oder vom „Center for Disease Control“ keine Hilfe bekam. Auch China, von wo aus das Virus sich ausgebreitet hat, vertuschte die Wahrheit. Aber ein Blick auf Italien hätte schon geholfen.

Finanzielle Sorgen überwiegen

Die „Shelter in Place“-Anordnung hat Cuomo mit „New York on pause“ tituliert. Das sollte signalisieren, dass New York nur kurz innehält, bis alles wieder seinen gewohnten Gang geht.
Vom gewohnten Gang sind wir hier allerdings noch weit entfernt. Am Montag hat Cuomo zwar drei Regionen im Bundesstaat für das Wochenende erste Öffnungen in Aussicht gestellt. Aber in der Stadt New York wird es laut Bürgermeister De Blasio frühestens im Juni zu Lockerungen kommen.

Bei den New Yorkern sind die Panikattacken aus Angst vor dem Virus mittlerweile anderen Sorgen gewichen: Hier beginnen die finanziellen Probleme. Auch in unserem persönlichen Umfeld haben Menschen bereits ihren Job verloren oder rechnen spätestens Ende Juni damit.

Wir haben uns vorgenommen, den Antikörper-Test zu machen. Vielleicht war die Erkältung Anfang März ja doch das Coronavirus. Vor der Homeoffice-Zeit habe ich mir lange im Bürogebäude mit 30 chinesischen Geschäftsleuten im Nachbarbüro die Toiletten geteilt und auch noch bis Ende Februar die volle U-Bahn genommen. Man würde sich doch ein Stück sicherer fühlen.

Oder wie es die Frau vor dem Urgent Care Center in unserem Viertel jüngst ausdrückte: „Noch nie habe ich so auf ein positives Test-Ergebnis gehofft. Noch nicht mal beim Schwangerschaftstest!“

San Francisco: Strikt und doch liberal

Corona ist überall in San Francisco. Das Virus hat die Straßen vor unserer Wohnung im ruhigen Uni-Viertel leer gefegt. An Werktagen, wenn jeder im Homeoffice sitzt und arbeitet – oder nicht mehr arbeitet – ist das Stadtviertel Laurel Heights manchmal so heimelig unheimlich wie die erste halbe Stunde eines David-Lynch-Films. Wenn ich mit meinem sieben Monate alten, um den Bauch geschnallten Sohn Richtung Park laufe, lächeln mir die Menschen hinter ihren Masken zu.

Corona ist aber auch nirgendwo. 36 Todesfälle zählt die Fast-Millionen-Stadt San Francisco, die Zahl der Ansteckungen liegt bei rund 2000. Ich kenne niemanden, der es hat, hatte oder glaubt, es gehabt zu haben – keine Nachbarn, keine Freunde, keine Freunde von Freunden. In New York City, nicht einmal zehnmal so groß, erkrankten an vielen Tagen mehr Menschen an Covid-19 als in San Francisco in drei Monaten.

Dabei hätte vieles dafür gesprochen, dass San Francisco und das südlich gelegene Silicon Valley zu den Hotspots der Virus-Pandemie in den USA werden. Mitarbeiter der Tech-Konzerne in und um die Stadt fliegen um die Welt, die Flughäfen von San Francisco und San Jose liegen eine gute halbe Stunde auseinander.

Keine Region pflegt einen so intensiven Austausch mit China, wo die Pandemie ausbrach. Und das erste Covid-Opfer der USA lebte und starb, wie sich Ende April herausstellte, in Santa Clara County, dem Landkreis des Silicon Valley.

Ausnahmezustand vor erstem bekannten Coronafall

Bürgermeisterin London Breed verhängte den Ausnahmezustand bereits Ende Februar, noch bevor es einen einzigen bekannten Fall in der Stadt gab. Wie es aussieht, behält San Francisco die Kontaktverbote auch länger bei als andere Bundesstaaten, wo Friseure und Tattoo-Studios schon wieder offen sind, sogar länger als im Rest Kaliforniens. In San Francisco dürfen am kommenden Montag wieder Buchläden, Floristen und ein paar andere Geschäfte öffnen, wenn man seine Bestellung an der Tür abholt. Es gilt: Nur nicht den Erfolg riskieren.

Ihre weltberühmte Liberalität gab die Stadt trotzdem nie auf: Die Parks, in denen Leute gegen die Vereinsamung anspazieren und -joggen, sind an den Wochenenden belebt, aber nicht überfüllt. Trotz mancher Drohung wurden sie nie geschlossen. Flohmärkte und Kindergärten an der frischen Luft sind bereits seit Ende April wieder erlaubt.

In Nachbarschaftsforen und der örtlichen Presse wird Breed gefeiert. Dass ihre schwarze Bürgermeisterin dem Land zeigt, wie Krisenmanagement geht, erfüllt die San Franciscans mit Stolz – nirgendwo in den USA ist der mit der Lage überforderte Präsident unbeliebter als hier.

Doch die erfolgreiche Eindämmung ist auch den Unternehmen der Region zu verdanken. Von Twitter über Facebook bis Apple unterstützen sie die Politik in ihrer Rolle als lokale Arbeitgeber. Fast jeder der Konzerne nahm die Bedrohung sehr früh ernst und schickte seine Mitarbeiter größtenteils schon Anfang März nach Hause. Twitter-Chef Jack Dorsey hat kürzlich erklärt, dass die Angestellten der Kurznachrichtenplattform nie mehr in die Zentrale in San Franciscos Market Street zurückkehren müssen, wenn sie das nicht wollen.

Dass die Konzerne aus San Francisco und dem Silicon Valley so konsequent vorgehen, hängt natürlich auch damit zusammen, dass die digitalen Plattformen keine physischen Produkte in Fabriken mit vielen Mitarbeitern herstellen, schon gar nicht in der Region.

Die Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist der Autobauer Tesla. Dessen Chef Elon Musk wütet seit Monaten gegen die Corona-Maßnahmen und suchte einen öffentlichkeitswirksamen Konflikt mit den Behörden, um sein Werk in Fremont nahe San Francisco eine Woche früher als erlaubt wieder zu öffnen.

Verstecke Probleme

Doch ganz so simpel ist es auch nicht: Google und Facebook hatten vor Covid-19 eine starke Präsenzkultur auf ihrem Campus, Apple tut sich wegen seiner Geheimniskultur besonders schwer damit, dass seine Mitarbeiter von zu Hause arbeiten und womöglich bei einem Spaziergang auf einer Parkbank den Prototypen eines neuen iPhones vergessen könnten. Trotzdem hält die Front der Konzernchefs bislang.

Das bedeutet nicht, dass die Stadt nicht hart getroffen ist von der globalen Corona-Rezession. Uber, Airbnb, Yelp und andere haben viele Tausend Mitarbeiter entlassen. Nun zeigen sich alle Probleme, die sich in San Franciscos Boom der letzten Dekade aufgestaut haben.

Ohne Job ist San Francisco unbezahlbar: Ein-Zimmer-Apartments sind selten für unter 3000 Dollar im Monat zu haben. Manche rechnen schon mit einem Exodus. Wer für immer ins Homeoffice darf, muss nicht in der teuren City wohnen.

Zumal das Freizeit- und Nachtleben der Stadt nach der Krise nicht mehr wiederzuerkennen sein könnte: Die hohen Mieten müssen auch Geschäfte, Clubs und Restaurants bezahlen, die aktuell praktisch keinen Umsatz machen. Der örtliche Gastronomieverband hält es für realistisch, dass jedes zweite Restaurant in der Stadt dauerhaft schließen muss.

Und dann ist da die grassierende Obdachlosigkeit: Die Menschen in Zelten und Schlafsäcken an belebten Straßen prägen das Stadtbild seit Jahren. Alleine 68 Covid-19-Fälle gehen auf einen Ausbruch in einer Obdachlosenunterkunft Mitte April zurück. Inzwischen dürfen Obdachlose, die in Quarantäne müssen, in leer stehenden Hotels wohnen.

Dass Süchtige dort auch kontrolliert mit spendenfinanziertem Alkohol, Tabak und Cannabis versorgt werden, hat San Francisco einmal mehr zur Zielscheibe von Konservativen gemacht. Doch weitere Corona-Ausbrüche durch flüchtige Infizierte zu verhindern, ist dem Gesundheitsamt aktuell wichtiger.

So wird selbst die Stadt, die relativ wenige Menschen an Covid-19 verloren hat, Narben davontragen. Und der Neustart beginnt gerade erst.