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Das 318-Milliarden-Risiko: Warum 2020 ein Rekordjahr für Abschreibungen werden dürfte

·Lesedauer: 9 Min.

In der Coronakrise rechnen sich viele kostspielige Zukäufe nicht mehr. Das zwingt die Konzerne zu hohen Wertberichtigungen – mit schmerzhaften Folgen.

Viele Dax-Konzerne sorgen mit großen Abschreibungen für Kursstürze. Foto: dpa
Viele Dax-Konzerne sorgen mit großen Abschreibungen für Kursstürze. Foto: dpa

Auf 318 Milliarden Euro summieren sich die Hoffnungswerte in den Bilanzen der 30 Dax-Konzerne. Damit ist ein Wert erreicht, der eine Rekordhöhe in der deutschen Wirtschaftsgeschichte markiert. Allein im Vorkrisenjahr 2019 stieg die Summe der Bilanzposition „Geschäfts- oder Firmenwert“ („Goodwill“), für den es keinen materiellen Gegenwert gibt, um fast 30 Milliarden Euro. 2020 sinkt nun infolge der Coronakrise die Nachfrage bei vielen Unternehmen, weshalb die Gewinne einbrechen und gleichsam auch die erwarteten Erträge aus Zukäufen.

Damit rechnen sich viele kostspielige Übernahmen nicht mehr. Das wiederum zwingt die Unternehmen zu Abschreibungen. Die daraus entstandenen Rekordbelastungen reißen Milliardenlöcher in die Bilanzen: Bayer schrieb im dritten Quartal 2,2 Milliarden Euro seiner insgesamt fast 40 Milliarden Euro hohen Hoffnungswerte ab, bei BASF waren es 2,8 und bei Heidelberg-Cement 2,7 Milliarden Euro.

Die Folge sind tiefrote Zahlen, weniger Eigenkapital und hohe Kursverluste. Und das mitten in der schwersten Wirtschaftskrise seit 1929. BASF rechnet deshalb im laufenden Geschäftsjahr zum ersten Mal seit gut 50 Jahren mit einem Verlust.

Und mit Blick auf das Schlussquartal deuten sich weitere schlechte Nachrichten an. Reihenweise warnen vor allem die vom Abschwung besonders stark betroffenen Unternehmen ihre Aktionäre in den Halbjahres- und Zwischenberichten vor möglichen weiteren Wertberichtigungen, sollte die Coronakrise andauern. „2020 erfüllt alle Voraussetzungen für ein Abschreibungsrekordjahr“, konstatiert Bilanzexperte Kai Lehmann vom Vermögensverwalter Flossbach von Storch.

Der Fachmann für Unternehmens- und Aktienmarktanalysen vermutet, die Konzerne könnten angesichts anhaltender Ertragseinbrüche und des weiter sinkenden Werts vieler Übernahmen die Gunst der Stunde nutzen nach dem Motto: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Warnhinweise der Dax-Konzerne für das Schlussquartal

Auch die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) mit ihren knapp 1500 Analysten warnte davor, dass die Unternehmen „2020 verstärkt“ Abschreibungen auf Firmenwerte vornehmen müssen – mit allen negativen Konsequenzen für die Gewinne der Konzerne und deren Eigenkapitalausstattung. Das gilt erst recht nach dem erneuten Herunterfahren der Wirtschaft in vielen Absatzländern deutscher Unternehmen infolge der Corona-Pandemie.

Entsprechende Aussagen in den Halbjahres- und Zwischenberichten, die das Handelsblatt ausgewertet hat, stützen diese Sicht. „Ohne eine baldige Erholung sehen wir ein erhöhtes Wertminderungsrisiko für einige Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte“, heißt es etwa im Halbjahresfinanzbericht bei BASF.

Mit Blick auf die Monate Oktober bis Dezember ergänzt der weltgrößte Chemiekonzern in seinem Neunmonatsbericht: „Aufgrund der Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren Erholung der Märkte, des weiteren Verlaufs der Corona-Pandemie und eventuell erneuter Einschränkungen der wirtschaftlichen Aktivität zur Eindämmung der Pandemie bestehen weiterhin Risiken im vierten Quartal.“

Unter besonderer Beobachtung steht auch Fresenius. Der Gesundheitskonzern hat nach vielen teuren Zukäufen in den vergangenen Jahren seine Hoffnungswerte auf knapp 28 Milliarden Euro erhöht. Warnend heißt es im Neunmonatsbericht in Richtung Schlussquartal: „Die Covid-19-Pandemie kann zudem negative Auswirkungen auf unsere Finanzlage, Liquidität und die Werthaltigkeit unserer Vermögenswerte inklusive der Firmenwerte haben.“

Dass der Aktienkurs sich in nur gut zwei Jahren halbierte, sollte ebenfalls als Warnindiz verstanden werden. In der Vergangenheit waren massive Aktienverkäufe und fallende Kurse häufig ein zuverlässiger Indikator für bevorstehende Abschreibungen. Ob Heidelberg-Cement, BASF, Continental oder Bayer: Bevor die Unternehmen mit ihren Milliardenabschreibungen schockierten, war die Aktie bereits überdurchschnittlich stark gefallen.

SAPs Goodwill ist auf 28 Milliarden Euro gestiegen

Nicht nur daran gemessen ist auch SAP, Deutschlands wertvollstes Unternehmen, bilanziell gefährdet. „Akquisitionen sind derzeit nicht unsere Priorität“, hatte SAP-Chef Christian Klein gleich nach seinem Amtsantritt klargestellt. Der Fokus liegt wieder im organischen Wachstum, so wie lange Zeit in der Ära der Gründungsväter um Dietmar Hopp und Hasso Plattner.

Das sah unter Kleins Vorgänger Bill McDermott noch ganz anders aus. In knapp zehn Jahren kaufte der vor Optimismus strotzende Amerikaner mehr als 20 Unternehmen hinzu. Allein der Datenbankspezialist Sybase, das Handelsnetzwerk Ariba, der Reisekostenanbieter Concur und der Cloudspezialist Successfactors kosteten knapp 20 Milliarden Euro. SAPs Goodwill ist auf gut 28 Milliarden Euro gestiegen. Das heißt, Europas größter Softwarehersteller hat stets mehr bezahlt, als die Firmen rechnerisch wert waren.

Eine nunmehr realistischere Einschätzung der Käufe würde in das Bild der gerade veröffentlichten Gewinnwarnung passen, wonach die ständig höheren Gewinne und Margen, wie sie McDermott fast zehn Jahre lang geliefert und immer neu versprochen hatte, auf Kosten der Kundenzufriedenheit und notwendiger Investitionen gegangen sind.

CEO Klein kassierte die Ziele ein. „Gut möglich, dass er als Nächstes zumindest einen Teil der heißen Luft aus der Bilanz ablässt und überteuerte Firmenwerte abschreibt“, mutmaßt ein Händler an der Frankfurter Börse.

Dass der Aktienkurs infolge der Gewinnwarnung um mehr als 20 Prozent einbrach und sich seitdem trotz besserer Börsenstimmung nicht wieder erholt hat, sollte Anlegern Warnung genug sein.

Ungewöhnlich große Diskrepanz bei Bayer

Wie stark Abschreibung das Unternehmen belasten können, zeigt das Beispiel Bayer. Der Pharma- und Chemiekonzern verdiente in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres 5,65 Milliarden Euro vor Zinsen und Steuern. Bis auf ein minimales Minus von 0,3 Prozent war das so viel wie im Jahr davor. Also ein respektables Ergebnis in Zeiten von Corona. Doch nach „Sondereinflüssen“ steht ein rekordhohes Minus von 17,7 Milliarden Euro zu Buche.

Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit dem Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat und Abschreibungen auf überhöhte Firmenwerte sind im Wesentlichen für die ungewöhnlich große Diskrepanz verantwortlich.

Keine der beiden Gewinnzahlen ist „richtig“ oder „falsch“, doch Fakt ist: Der ausgewiesene Rekordverlust kommt der Realität sehr viel näher als der ebenfalls ausgewiesene Gewinn.

Bayers Finanzkraft schwindet: Das Ergebnis nach Ertragsteuern fiel von 2,7 Milliarden Euro im Vorjahr auf minus 10,8 Milliarden Euro. Das für Aktionäre entscheidende Ergebnis „je Aktie“ brach von 2,73 Euro auf minus elf Euro ein. Und das für die langfristige Substanz so wichtige Eigenkapital schmolz von 47 auf 31 Milliarden Euro zusammen.

Die Übernahme des amerikanischen Saatgutherstellers Monsanto entpuppt sich für Bayer zu einem bilanziellen Milliardengrab. Nicht nur dass Rechtsstreitigkeiten und ein möglicher Vergleich Bayer weit mehr als zehn Milliarden Euro kosten dürften. Vielleicht noch schlimmer wiegt, dass sich die hochgesteckten Wachstumshoffnungen mit Saatgut nicht erfüllen – dass Bayer also die Perspektiven des US-Konzerns falsch eingeschätzt hat. Der Börsenwert des mit Monsanto fusionierten Bayer-Konzerns liegt mit rund 43 Milliarden Euro ein Drittel unter dem damaligen Kaufpreis.

Die Kritik vieler Aktionäre, mit 60 Milliarden Euro viel zu viel für Monsanto bezahlt zu haben, lässt Konzernchef Werner Baumann nicht gelten. Doch allein die Abschreibungen in Höhe von 2,2 Milliarden Euro im laufenden Jahr geben skeptischen Aktionären recht. Hätte Bayer nicht zu viel bezahlt, gäbe es jetzt auch nichts abzuschreiben.

Noch immer stehen 38,4 Milliarden Euro Goodwill in der Bilanz, davon mit knapp über 20 Milliarden Euro ein Großteil aus der Monsanto-Übernahme. Gut möglich, dass weitere Abschreibungen in Kürze folgen, sollten sich die inzwischen drastisch verschlechterten Perspektiven in der Agrarsparte nicht wieder verbessern.

Finanzmärkte wollen keine regelmäßigen Abschreibungen

Dass Unternehmen wie Bayer bei Neuerwerbungen einen Aufschlag zahlen und in ihrer Bilanz verbuchen, ist normal. Doch diese Kennzahl wächst bei vielen Unternehmen in einem gefährlichen Maße. Nicht nur bei Bayer, auch in den Bilanzen vieler anderer Konzerne hat sich eine Blase nie gekannten Ausmaßes in Höhe von 318 Milliarden Euro aufgepumpt, mehr als doppelt so viel wie im Jahr 2005.

Bis dahin mussten die Unternehmen überhöhte Firmenwerte innerhalb von zehn Jahren abschreiben. Seitdem wird nur noch abgeschrieben, wenn sich die Markterwartungen signifikant verschlechtern. In der Praxis führte dies dazu, dass die Konzerne so gut wie gar nicht mehr abschreiben – und wenn doch, dann in Krisenzeiten wie jetzt.

Deshalb besteht bei konjunkturellen Einbrüchen nach Ansicht des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) stets „die Gefahr prozyklischer Effekte“, wenn lange Zeit unterlassene Wertberichtigungen in Krisenzeiten vorgenommen werden. Der GDV fordert deshalb, zu den planmäßigen Goodwill-Abschreibungen wieder zurückzukehren, um die Gefahr für die globale Finanzstabilität zu mindern.

Doch dazu wird es nicht kommen, zu groß ist der Widerstand an den internationalen Finanzmärkten. Begünstigt durch die extrem niedrigen Zinsen war es im vergangenen Jahrzehnt zu einer beispiellosen Übernahmewelle gekommen, in der die Unternehmen hohe Aufpreise bezahlt haben, die nun die Bilanzen belasten.

Käme es hier zu Abschreibungen nach altem, bis 2005 gültigem Standard, stünden etliche Konzerne vor großen Problemen. In Deutschland haben Fresenius und der Stromversorger Eon mehr Goodwill als Eigenkapital angehäuft. Müssten sie ihre Hoffnungswerte komplett abschreiben, wären die Unternehmen überschuldet, weil das gesamte Eigenkapital aufgezehrt wäre.

Für Übernahmen zu viel zu bezahlen, diese Last als „Goodwill“ in den Bilanzen Jahr für Jahr vor sich herzurschieben und abschreiben zu müssen, wenn sich die Hoffnungen aus dem zu viel bezahlten Preis nicht erfüllen, gilt als größter Nachteil der neuen Bilanzierungspraxis. Sie zwingt nämlich die Unternehmen, ausgerechnet dann abschreiben zu müssen und damit die Verluste zu realisieren, wenn die laufenden Erträge mangels Nachfrage ohnehin unter Druck geraten.

Dadurch verstärkt sich der Negativtrend, so wie in der aktuellen Coronakrise. Diese führt nach Ansicht des Commerzbank-Bilanzexperten Markus Wallner zu „vermehrten Goodwillbereinigungen“: „Dieser Trend sollte anhalten. Bei einigen Unternehmen könnte das Eigenkapital dadurch empfindlich herabgesetzt werden.“

Vergänglichkeit von teuer erworbener Expertise

Mit 2,8 Milliarden Euro hat BASF in diesem Jahr bislang am meisten abgeschrieben. Der Konzern begründete dies mit der nachlassenden Nachfrage aus der Auto- und Luftfahrtindustrie. Überangebote angesichts der geringeren Nachfrage nach Basischemikalien veranlassten BASF zu einer Neubewertung und Herabsetzung seiner Firmenwerte, die aus Übernahmen in den vergangenen Jahrzehnten resultierten.

BASF ist zwar ein Extremfall, steht aber für einen Trend. Der Autozulieferer Continental bilanzierte im dritten Quartal einen Verlust aufgrund von Wertberichtigungen auf Sachanlagen und frühere Zukäufe, die sich im Zeitalter der Elektromobilität nicht mehr rechnen. 659 Millionen aus überteuerten Übernahmen schrieb der ohnehin angeschlagene Konzern ab, nachdem bereits 2019 ein Milliardenverlust aus Abschreibungen entstanden war.

Continental hatte sich in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten von einem Reifenhersteller zu einem hoch spezialisierten Zulieferer für Antriebssysteme entwickelt. Doch was sich eine Zeit lang rechnete, ist jetzt überholt, weil Conti seine überteuerten Übernahmen rund um die Ausrüstung von Benzin- und Dieselfahrzeugen tätigte.

Wie kaum ein anderes Unternehmen verdeutlicht Continental die Vergänglichkeit von teuer erworbener Expertise. Sie muss abgeschrieben werden, sobald sich die Hoffnungen auf künftige Erträge nicht mehr erfüllen.

An den Finanzmärkten als besonders typisch gilt der Fall Heidelberg-Cement. Der Zementhersteller schrieb mit 2,7 Milliarden Euro gleich ein Viertel seiner Firmenwerte ab. Eine Personalie ging voraus: Im Februar hatte Dominik von Achten den langjährigen Vorstandsvorsitzenden Bernd Scheifele abgelöst. Prompt folgten mit der Bilanzbereinigung die Befreiung von Altlasten und ein Neubeginn mit weniger Risiken.

Insgesamt haben die Dax-Konzerne im laufenden Jahr Hoffnungswerte aus überteuerten Übernahmen im Wert von 8,4 Milliarden Euro abgeschrieben. Nur einmal seit Befreiung von der Pflicht zum Abschreiben waren es mehr: 10,5 Milliarden Euro im Jahr 2015, allerdings mit Eon und Deutscher Bank auf nur zwei Konzerne verteilt.