Werbung
Deutsche Märkte geschlossen
  • Nikkei 225

    39.232,80
    -290,75 (-0,74%)
     
  • Dow Jones 30

    37.735,11
    -248,13 (-0,65%)
     
  • Bitcoin EUR

    59.882,60
    -636,43 (-1,05%)
     
  • CMC Crypto 200

    885,54
    0,00 (0,00%)
     
  • Nasdaq Compositive

    15.885,02
    -290,08 (-1,79%)
     
  • S&P 500

    5.061,82
    -61,59 (-1,20%)
     

Ich bin 27, arbeite als Journalist und Berater – so habe ich im vergangenen Jahr 100.000 Euro Gewinn gemacht

Oskar Vitlif ist 27 Jahre alt und arbeitet als freier Journalist und Berater für Medienunternehmen. Im vergangenen Jahr machte er einen Jahresgewinn von 102.000 Euro – davon gehen noch Steuern und Sozialversicherungsbeträge ab. - Copyright: Oskar Vitlif
Oskar Vitlif ist 27 Jahre alt und arbeitet als freier Journalist und Berater für Medienunternehmen. Im vergangenen Jahr machte er einen Jahresgewinn von 102.000 Euro – davon gehen noch Steuern und Sozialversicherungsbeträge ab. - Copyright: Oskar Vitlif

Ich habe mir bereits vor Jahren das Ziel gesetzt, 100.000 Euro pro Jahr zu verdienen. Die Zahl war für mich immer mit der Vorstellung von finanzieller Unabhängigkeit verbunden. Für mich war das wichtig, denn in meiner Familie war nie viel Geld vorhanden. Im vergangenen Jahr konnte ich mein Vorhaben realisieren: Meine Einnahmen lagen, abzüglich meiner Betriebsausgaben, bei 102.000 Euro. Davon gehen noch Steuern und Sozialversicherungsbeträge ab. Insgesamt kam ich auf nur etwa 190 Arbeitstage (zum Vergleich: Ein Angestellter mit einer 40-Stunden-Woche und 30 Tagen Urlaub kommt auf 220 Arbeitstage).

Doch dahin zu kommen war nicht immer leicht. Ich arbeite als freiberuflicher Journalist und habe mir nach und nach verschiedene Erlösquellen aufgebaut. Am Anfang meiner Selbstständigkeit war es herausfordernd, meine Ausgaben zu decken und Rücklagen zu bilden. Zudem musste ich erst herausfinden, wie viel Geld ich verdienen kann.

Zunächst brauchte ich zum Glück nur etwa 1500 Euro netto pro Monat, da meine Wohnung nicht teuer war. Doch es war eine Art Spiel, den Kontostand am Monatsende im Auge zu behalten und sicherzustellen, dass alles ausreichte. Ich war nie stark im Dispo, aber es gab Momente, in denen Rechnungen verzögert bezahlt wurden. Es gab Zeiten, in denen viele Aufträge abgeschlossen waren, aber die Zahlungen ausblieben. Dann musste ich bei den Kunden nachhaken, um sicherzustellen, dass die Zahlungen auch kommen.

In der Selbstständigkeit habe ich das Potential gesehen, noch mehr Geld zu verdienen

Dennoch habe ich mich ganz bewusst für die Selbstständigkeit entschieden. Ich bereue den Schritt nicht und schätze die Freiheit, die sie mir bietet. Ich wusste schon relativ früh – mit 13 oder 14 Jahren – dass ich im Journalismus arbeiten will. Ich bin in Berlin aufgewachsen, habe nach dem Abitur mehrere Praktika beim Radio absolviert und gemerkt dass mir diese Arbeit liegt. In den Medien zu arbeiten, zu recherchieren, zu schneiden und Texte zu schreiben, das war genau meins.

WERBUNG

Mein Volontariat, also meine journalistische Ausbildung, habe ich beim WDR gemacht. Nach dem Abschluss 2018 stand ich vor der Frage, wie es für mich beruflich weitergehen soll. Mir war es immer wichtig, selbstständig zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Ich habe überlegt, welche Perspektiven es in einer Anstellung gibt, aber die Abhängigkeit vom Arbeitgeber und die mangelnde Flexibilität – gerade was zum Beispiel das Thema Urlaub oder Schichtdienste angeht – haben mich abgeschreckt. Starre Strukturen und feste Arbeitszeiten waren für mich einfach nicht attraktiv.

Deshalb war für mich klar, dass ich als freier Journalist tätig sein möchte. Außerdem habe ich darin das Potenzial gesehen, noch mehr Geld zu verdienen. Im Angestelltendasein gibt es kaum die Möglichkeit, das Gehalt in kurzer Zeit deutlich zu steigern. Hinzu kommt, dass ich ich mein Volo in den Öffentlich-Rechtlichen gemacht habe – dort sind sowieso alle Gehälter und Honorare nach Tarifvertrag geregelt, es gibt kaum Möglichkeiten zum Verhandeln. Daher entschied ich mich, mein eigener Chef zu sein und arbeitete Stück für Stück daran, ohne genau zu wissen, was passieren würde.

Ich möchte mir selbst aussuchen, wann ich arbeite – und vor allem, wann nicht. Außerdem möchte ich die Kontrolle darüber haben, wie ich mein Geld verdiene. Nach dem Volontariat habe ich zunächst bei der Tagesschau angefangen, um am Anfang etwas Sicherheit zu haben. Zudem habe ich nach Aufträgen und Auftraggebern gesucht und mir nach und nach mein Beratungs- und Trainingsgeschäft aufgebaut.

Ich wollte auf 100.000 Euro kommen, ohne mich komplett zu überarbeiten

In meiner Familie war nie viel Geld vorhanden. Ich hatte das Gefühl, wenn ich sechsstellig verdiene, muss ich mir um Geld keine Sorgen mehr machen. Inzwischen weiß ich, dass das nicht unbedingt der Fall ist. Aber es gibt einem extrem viel Sicherheit und Unabhängigkeit.

Ich wusste, es ist einfacher, als Freiberufler auf ein sechsstelliges Gehalt zu kommen als im Angestelltenverhältnis. Aber mir wurde schnell bewusst, dass es mit dem Schreiben allein schwierig sein würde. Denn häufig bekommt man zum Beispiel nur pauschale Tagessätze. Ich wollte auf die 100.000 Euro kommen, ohne mich komplett zu überarbeiten.

Daher benötigte ich ein weiteres Geschäftsfeld. Inzwischen habe ich drei Erlösquellen. Denn ich habe mir früh das Ziel gesetzt, mich breit aufzustellen, um nicht von drei oder vier Kunden abhängig zu sein. Im Prinzip betreibe ich ein klassisches B2B-Geschäft. Ich bin Dienstleister für andere Unternehmen, die ich mit meinem Wissen, mit Beratung oder meiner Autorenleistung versorge.

Mein Geschäft setzt sich aus diesen Erlösquellen zusammen

50 bis 60 Prozent meiner Umsätze kommen über Beratung, Seminare und Trainings. Dafür bin ich unter anderem bei Verbänden, Medienakademien und anderen Redaktionen, um Volontärinnen und Volontäre mit auszubilden. Außerdem berate ich Redaktionen zu Themen wie Künstlicher Intelligenz, Social Media und Formatentwicklung sowie Recherche. Dabei ist es wichtig, flexibel zu sein und auf die Bedürfnisse der Kunden einzugehen.

Bei der ARD bin ich für das Social-Media-Team der tagesschau tätig, ich schreibe Texte und erstelle Inhalte. Die Honorare aus dem Job machen 30 bis 35 Prozent meines Gesamtumsatzes aus. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk gilt für Freiberufler ein ganz eigenes Prinzip – ich bin tageweise im Prinzip angestellt. Auf die Weise arbeite ich steuerrechtlich gesehen auf Lohnsteuerkarte. Auch Abgaben für die Krankenversicherung und für Steuern werden so abgeführt.

Die letzten zehn bis 15 Prozent meines Einkommens verdiene ich durch meinen Job-Newsletter. Dieser enthält Joabangebote für junge Journalistinnen und Journalisten, um ihnen beim Berufseinstieg zu helfen. Finanziert wird der Newsletter durch Anzeigenkunden – die meisten kommen inzwischen proaktiv auf mich zu.

Mittlerweile haben sich meine Leistungen herumgesprochen. Kunden sind von selbst auf mich zugekommen und haben bei mir angefragt. Das macht die Verhandlungssituation deutlich entspannter, weil man deutlich weniger Akquise betreiben muss. Dadurch habe ich inzwischen zehn oder zwölf Kunden, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite. Hinzu kommen Einzelaufträge.

An manchen Tagen verdiene ich bis zu 1500 Euro

2019 war mein erstes komplettes Jahr in der Selbstständigkeit. In dem Jahr habe ich rund 38.000 Euro brutto verdient. Im zweiten Jahr (2020) waren es bereits 62.000 Euro, im dritten Jahr (2021) 68.000 Euro. 2022 habe ich rund 74.000 Euro brutto verdient und im vergangenen Jahr 102.000 Euro. Mein Jahresgewinn ist vergleichbar mit dem Bruttoeinkommen eines Angestellten. (Business Insider liegen Belege vor, die diese Zahlen bestätigen.)

Mein Nettoverdienst variiert je nach Auftragslage. Ich zahle mir etwa ein Drittel bis die Hälfte meines Gewinns aus. Als Autor erhalte ich ein Honorar, das standardisiert ist. Deutlich mehr Geld verdiene ich aber durch Beratung und Trainings. Die Honorare unterscheiden sich auch von Kunde zu Kunde.

Dadurch arbeite ich an manchen Tagen für 300 bis 400 Euro, während ich an anderen Tagen bis zu 1500 Euro verdiene. Im vergangenen Jahr kam ich im Durchschnitt auf einen Umsatz zwischen 700 und 750 Euro pro Arbeitstag. Davon gehen dann noch meine Kosten ab, sodass der Gewinn bei rund 530 Euro pro Tag lag. Insgesamt hatte ich im vergangenen Jahr etwa 190 Arbeitstage.

Da ich mit der Zeit immer mehr Erfahrungen gesammelt und mich mit Kolleginnen und Kollegen aus der Branche ausgetauscht habe, konnte ich zudem besser einschätzen, welche Tagessätze ich für ein Training oder eine Beratung verlangen kann. Dadurch bin ich mutiger in Verhandlungen geworden und habe zum Beispiel einfach mal 300 Euro mehr ins Angebot geschrieben. Das führte dazu, dass ich für einen Tag nach und nach mehr Geld verlangen konnte.

Mein nächstes Ziel ist eine Vier-Tage-Woche

Mit der Zeit konnte ich mir finanzielle Sicherheit aufbauen und bin entspannter geworden. Dadurch kann ich sogar längere Pausen einlegen. Das wäre früher für mich undenkbar gewesen. Denn zu Beginn meiner Selbstständigkeit hatte ich nicht viel Geld. Insbesondere nach meinem Volontariat und während des Studiums fehlte mir ein großes finanzielles Polster.

Doch ich habe inzwischen gemerkt, dass ich im Alltag gar nicht so viel Geld brauche, wie ich dachte. Das Wichtigste ist für mich, entspannt die Miete zahlen zu können und ab und zu Urlaub zu machen. Ich gebe nicht viel Geld für Materielles aus und leiste mir nur die Bahncard für die 1. Klasse, da ich häufig Zug fahre.

Zum Start meiner Freiberuflichkeit hatte ich Gedanken wie: Wenn ich heute nicht arbeite, dann habe ich am Ende des Monats nicht mehr genug Geld für die Miete auf dem Konto. Davon wollte ich mich ein Stück weit lösen und mich etwas mehr entspannen, damit ich die nächsten Jahre gut durchalte und mich nicht kaputt arbeite. In meinem Arbeitsalltag ist es mir wichtig, genug Zeit für Familie, Freizeit und Urlaub zu haben.

Nachdem ich also immer mehr Geld verdient habe, habe ich mir vorgenommen, jedes Jahr etwas weniger zu arbeiten. Dafür setze ich mir konkrete Ziele, wie viel ich pro Jahr arbeiten will. Mein Ziel ist es, eine Vier-Tage-Woche einzuplanen, um mehr Freiraum für Hobbys und Entspannung zu haben. Seit diesem Jahr nehme ich mir in der Regel freitags frei.

Mein E-Mail-Postfach checke ich zwar auch an Freitagen, aber nicht im Urlaub oder an Wochenenden. Die Push-Benachrichtigen am Handy habe ich inzwischen ausgeschaltet, damit ich mich nicht die ganze Zeit unter Druck setze. Das hilft mir auch dabei, abzuschalten. Mit der Zeit habe ich gelernt, gelassener zu werden und klare Grenzen zu setzen.

Egal, ob ihr angestellt oder selbstständig seid: Ihr wollt uns eure persönliche Gehaltsgeschichte (mit Namen und Foto oder anonym) erzählen? Dann meldet euch bei julia.poggensee@businessinsider.de