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"Werden wirklich in Schwierigkeiten stecken": Zukunftsforscher hat Jahr 2020 vorhergesagt

Peter Turchin möchte, laut Selbstzuschreibung, verstehen, wie sich Gesellschaften entwickeln. Dazu nutzt er eine junge interdisziplinäre Wissenschaft mit Namen “Kliodynamik”.

Donald Trump (Mitte) im Jahr 2017, als er sein Amt US-Präsident antrat. Seine Wahl war laut einem Zukunftsforscher die logische Konsequenz langfristiger soziopolitischer Entwicklungen in den USA. Foto: AP Photo / J. Scott Applewhite, Pool

Wie entstehen Imperien und wann zerfallen sie? Wovon wird Bevölkerungswachstum beeinflusst? Das sind die großen Fragen, mit denen sich die Kliodynamik beschäftigt. Eine wissenschaftliche Disziplin, die in die Vergangenheit blickt und große gesellschaftspolitische Entwicklungen untersucht und in mathematische Formeln packt – um mit den so gewonnenen Erkenntnissen die Zukunft vorherzusagen. Benannt hat die Disziplin der amerikanische Professor für Ökologie und Evolutionsbiologie Peter Turchin.

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Mit eben diesem Peter Turchin hat das Magazin Vice vor acht Jahren ein Interview geführt, das damals überschrieben war mit: “2012 is bullshit; 2020 is when we’ll really be in trouble” (etwa: “Vergessen Sie das Jahr 2012; im Jahr 2020 werden wir wirklich in Schwierigkeiten stecken”). Womit der Zukunftsforscher, das ist mittlerweile bekannt, Recht behalten sollte.

Keine geeigneten Gegenmaßnahmen durch die politische Elite

Aus diesem Grund hat Vice diese Woche nachgehakt und Turchin erneut zu seiner Forschung befragt. Besonders zu einer Studie, die er kürzlich veröffentlicht und in der er Vorhersagen, die er im Jahr 2010 für das folgende Jahrzehnt traf, überprüft hat.

Die Leitfrage für sein Zukunfts-Modell lautete damals: “Wie widerstandsfähig ist die amerikanische Gesellschaft in Krisenzeiten?”. Für seine Simulation hat er große Datenmengen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammengeführt. Er schreibt in seiner Studie: “Bislang arbeiteten Forschende der Politischen Theorie, Politikanalyse, Soziologie, Geschichtswissenschaft und Computermodellierung getrennt voneinander. Isoliert machten sie wichtige Entdeckungen auf ihren Gebieten, konnten aber nur Teile des Puzzles abbilden.” Turchin wollte diese Teile zusammensetzen, um langfristige gesellschaftliche Brandherde zu identifizieren, die zu “Revolutionen, Bürgerkriegen und soziopolitischer Instabilität” führen könnten. Dazu betrachtete er vier “strukturelle Komponenten” und wie sie sich gegenseitig beeinflussen: den Staat, die Instabilität, die Bevölkerung und die Eliten.

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Turchin sagte damals vorher, dass den USA im Jahr 2020 große Unruhen bevorstünden. Heute sieht er seine Theorie bestätigt und erklärt im Gespräch mit Vice: “Die strukturellen Trends gehen seit etwa drei Jahrzehnten in die falsche Richtung und haben die Instabilität beschleunigt: sinkender Lebensstandard, ein verstärkter Konkurrenzkampf innerhalb der Eliten und schwelende Konflikte. Auch gab es keine Hinweise, dass die politischen Anführer und Anführerinnen sinnvolle Gegenmaßnahmen ergreifen würden. Dazu kamen Terror und Amokläufe. Ich hatte aber nicht erwartet, dass es so schlimm werden würde.”

Die politische Polarisierung nimmt weiter zu

Die Wahl von US-Präsident Donald Trump im Jahr 2016 etwa sei ein sehr gutes Beispiel für einen “politischen Unternehmer”, der die Unzufriedenheit in der Bevölkerung für sich ausgenutzt habe. Turchin sagt: “Trump ist ein gutes Beispiel für die Konflikte innerhalb der Elite. Er begann seinen Weg als frustrierter Anwärter mit dem Ziel des gesellschaftlichen Aufstiegs. Er wollte Reichtum in Macht umwandeln. Was ihm deshalb gelang, weil die Bevölkerung 2016 mit der etablierten Elite unzufrieden war. Seine Wahl aber hat die gesellschaftliche Polarisierung noch weiter verschärft, genauso wie die Konflikte innerhalb der Elite.”

Wie aber geht es von hier aus weiter? Dazu sagt der Zukunftsforscher: “Zugrunde liegen sehr lange Zyklen. In der amerikanischen Geschichte haben wir bislang zwei identifiziert: Bis 1820, als der Wohlstand der Eliten ihren Höhepunkt erreichte. Danach stiegen die Krisen-Indikatoren stark an, was im Bürgerkrieg gipfelte. Die Indikatoren gingen danach leicht zurück, blieben bis 1920 aber auf hohem Niveau. Das erste Zeitalter der Unruhen. Danach griffen Reformen, stiegen Löhne, die politische Einheit wurde stärker. Die 1950er waren ein goldenes Zeitalter des Arbeitsfortschritts und der Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg. 20 Jahre später erneut die Wende, die Krisen-Indikatoren steigen seither wie vor dem Bürgerkrieg: schwindende Löhne, die politische Polarisierung nimmt zu. Das ist das zweite Zeitalter der Unruhen. Solche Perioden dauern an, bis sich die Trends umkehren. Ich erwarte deshalb, dass die Turbulenzen auch nach 2020 weiter anhalten.”

Corona verstärkt die zugrundeliegende Entwicklung

In seiner aktuellen Studie schreiben sein Team und Turchin, wieso er davon ausgeht: Auch wenn sie die Coronavirus-Pandemie nicht hätten vorhersehen konnten, sei das amerikanische Sozialsystem doch für solch zusätzliche “Erdbeben” besonders anfällig aufgrund der langfristigen Entwicklungen. Die Pandemie verschlimmere nun den gesellschaftspolitischen Zustand des Landes, weil dessen dysfunktionale Regierung versuche, mit Covid-19 fertigzuwerden und gleichzeitig aber in politischen Grabenkämpfen stecke und damit vermutlich weiter das Vertrauen der Gesellschaft in die politischen Institutionen senken werde.

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