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Die 2010er-Jahre: 10 Pop-Phänomene, an die man sich erinnern wird

Max Trompeter

Das Jahr geht zu Ende und mit ihm ein ganzes Jahrzehnt. Ein Jahrzehnt, in dem die Popwelt sich verändert hat, in dem Altes zurückkam und Neues wie ein Komet einschlug. Aber was wird auf Dauer hängenbleiben von den 2010-ern?

Wie man in den kommenden Jahren über die 2010-er sprechen wird? Das Jahrzehnt wird sicherlich als ein umkämpftes in Erinnerung bleiben - Konflikte um Deutungshoheiten und Meinungen standen auf der Tagesordnung. Diese Stimmung übertrug sich auch auf den Popzirkus - vieles befand sich in der vergangenen Dekade im Wandel, kaum ein Stein blieb auf dem anderen. Die Szene überschlug sich regelrecht mit Revolutionen und Comebacks. Zeit für eine Bilanz und einen Ausblick: Pop-Phänomene, an die man sich erinnern wird.

Streaming killed the CD-Star: Niemand kauft mehr Musik

Der Verkauf von Tonträgern ist schon lange rückgängig. Auch wenn man in Deutschland weiterhin an der CD hängt wie in keinem anderen Land der Welt, ist das Ende physischer Musik-Produkte absehbar. In den Nullerjahren sorgten Napster und diverse Nachfolger durch die Förderung illegaler Downloads für einen Einbruch der Verkaufszahlen sowie für schwitzende Musikmanager. In den 2010-ern durften sie wieder strahlen. Im Jahr 2012 startete Spotify in Deutschland, und am Ende des Jahrzehnts fragen wir uns bereits, wie ein Leben ohne ständigen Zugriff auf alle Lieder von allen Bands überhaupt möglich war. Musikstreaming dominiert den Markt, und daran dürfte sich so schnell auch nichts ändern.

Da dreht sich doch noch was: Vinyl ist zurück

Es sind spezielle Typen, die im 21. Jahrhundert meinen, man müsse Musik besitzen, die in Autoreifen-großen Kunststoffscheiben geritzt wurde. Angealterte Starrköpfe mit Rockfimmel und Hipster, die ihre Wohnung mit den großen Covern schmücken, sind verantwortlich für ein Vinyl-Comeback, auf das vor zehn Jahren wohl kaum jemand gewettet hätte. Der Verkauf von Schallplatten steigerte sich in Deutschland teils rasant, zuletzt pendelte er sich bei gut drei Millionen LPs pro Jahr ein. Der Absatz von Compact Discs dagegen befindet sich im freien Fall und halbierte sich im ablaufenden Jahrzehnt auf immerhin noch 50 Millionen verkaufte Exemplare (Stand 2018). In den USA ist die Entwicklung schon ein Stück weiter, 2019 wurden dort nach bisherigen Schätzungen mehr LPs als CDs verkauft.

Mund auf: Pop ist wieder politisch

Udo Lindenberg erhielt 2019 das Bundesverdienstkreuz der 1. Klasse. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer wurde ein Musiker ausgezeichnet, der schon damals viel Schlaues zu sagen und zu singen hatte. Von Lindenberg ist man es gewohnt, dass er den Mund aufmacht. Vielen Kollegen brannte es im vergangenen Jahrzehnt aber ebenso unter den Nägeln. So wühlte gerade die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den USA die dortige Musikszene auf. Der 2013 entstandene Kampfbegriff "Black Lives Matter" durchzieht inzwischen Werke von Stars wie Kendrick Lamar und Beyoncé. Auch in Deutschland resultierten aus rassistischen Übergriffen und rechten Entgleisungen politische Statements: Das Ad-hoc-Konzert "Wir sind mehr" von Kraftklub 2018 in Chemnitz zog 65.000 Besucher an. Auch Schlagerstar Helene Fischer solidarisierte sich mit den Veranstaltern und dem Publikum. Die Sensibilität für Politisches und Soziales in der Branche hat wieder zugenommen.

Das Wiederkäuen hat ein Ende: Schlager kann mehr

Was das Beste an dem Stück "Atemlos durch die Nacht" von Helene Fischer ist? Es ist neu - oder zumindest war es das 2013. Der deutsche Schlager war in den vergangenen Jahren so erfolgreich wie lange nicht. Und das hatte anders als bei vergangenen Comebacks nichts mit den immer gleichen alten Gassenhauern zu tun. Kein "Er gehört zu mir", kein "Griechischer Wein". Die Szene schickte in den 2010-ern viele frisch glühende Sternchen mit frischem Liedgut auf die Bühnen und in die Charts. Zudem waren emsige Evergreens wie Andrea Berg noch erfolgreicher als in den Vorjahren, und auch Matthias Reim hat nun mehr Lieder als "Verdammt ich lieb dich". Das Genre genoss zuletzt eine Auffrischungskur, mit dem auch ein neues Image einhergeht: Schlager ist jetzt cool!

Die Damen übernehmen: Pop ist weiblich

Agnetha und Anni-Frid von ABBA, Cher, Madonna, Whitney Houston, Mariah Carey, die Spice Girls - natürlich gab es bereits in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren viele große und populäre Sängerinnen. Doch blickt man in die jeweiligen Jahrzehnte zurück, waren weibliche Stars immer Ausnahmeerscheinungen. Männer dominieren seit jeher das Musikgeschäft; auf jede erfolgreiche Frau scheint ein Dutzend supererfolgreicher Herren zu kommen. Doch wir befinden uns auf dem Weg der Besserung. Adele, Beyoncé, Rihanna, Taylor Swift, Lady Gaga und Katy Perry stiegen in den vergangenen zehn Jahren in die Riege der größten Popstars aller Zeiten sowie zu echten gesellschaftlichen Institutionen auf. Weitere Anwärterinnen wie Ariana Grande, Billie Eilish, Miley Cyrus und Charli XCX kratzen bereits an Tür und Tor. Gerade wenn es um das zuletzt nur dürftig bestellte Feld der Gitarrenmusik geht, machen Frauen wie Phoebe Bridgers, Mitski und Courtney Barnett Hoffnung, und Rapperinnen wie Lizzo, Cardi B, und Nicki Minaj gehören inzwischen auch zu den Größten ihrer Zunft. Auffallend beim Blick auf Deutschland: Wir hinken bei diesem Trend - abgesehen von Stars wie Helene Fischer und Andrea Berg - noch deutlich hinterher.

Alle tanzen den Gangnam-Style: K-Pop erobert den Westen

Bis zum vergangenen Jahrzehnt schien es unsere westlich geprägten Ohren herzlich wenig zu interessieren, was der Ferne Osten musikalisch zu bieten hat. Und dann war da 2012 dieser "Gangnam Style". Der südkoreanische Rapper Psy dominierte mit seinem Gezappel über Wochen die internationalen Charts - und öffnete die Türen für K-Pop in den USA und Europa. 2016 schickte Deutschland mit Jamie Lee einen Anime- und K-Pop-begeisterten Teen (wenig erfolgreich) ins ESC-Rennen, 2018 gewann die israelische Sängerin Netta dort mit einem von zeitgeistiger ostasiatischer Musik beeinflussten Lied den Wettbewerb. Aktuell mausert die Boygroup BTS aus Südkorea sich zu einem weltweiten Medien- und Chartphänomen. Begeistert sind vor allem die Kids: Ihrer Offenheit sind neue Schattierungen auch im hiesigen Pop zu verdanken.

Ich weiß, was du heute getan hast: Neue Medien schaffen Fan-Nähe

Bei "Wetten, dass..?" saßen die größten Stars des Popzirkus früher auf Thomas Gottschalks Couch. Groß und Klein wähnten sich vor der heimischen Röhre auf dem Platz neben ihnen. Dass die Sendung 2011 erst ihren großen Zampano verlor und 2014 schließlich eingestellt wurde, hat vielleicht auch damit zu tun, dass dieses Gefühl schwand - trotz nun stechend scharfer Bilder. Insta-Storys und Facebook-Einträge, Home-Videos auf YouTube und Albernheiten bei Snapchat: Die sozialen Medien bieten den Künstlern die Chance, selbst zu entscheiden, was sie zeigen und zu was sie Stellung nehmen wollen. Viele machen davon regen Gebrauch. Die Fans wiederum müssen nicht mehr auf Samstag in drei Wochen warten, um fünf Minuten dabei zusehen zu dürfen, wie Herr Gottschalk auf Tuchfühlung geht.

Es wird wieder gezappelt: Elektro ist zurück

Tot war die elektronische Musik in Deutschland nie. Anfang der Nullerjahre allerdings schien der große Rave vielerorts ausgetanzt, die Party zu Ende. Die Jugend rebellierte lieber zu Aggro-Rap und tanzte ausschließlich in "World of Warcraft". In den Studentenstädten war Indie cool. Und mit der letzten Loveparade, die 2010 in Duisburg in einer Tragödie endete, verlor die Szene ihren Karnevalcharakter. Heute allerdings kommt kaum noch eine mittelgroße Stadt ohne ordentlichen Elektroclub aus, sogar Rockschuppen veranstalten Goa-Partys. Die Jugend tanzt wieder und bleibt regelmäßig "drei Tage wach"; Berlin quillt über vor wallfahrenden Feierwütigen aus der ganzen Welt. Deutschland ist hier international spielbestimmend und hat mit EDM-Stars wie Robin Schulz und Felix Jaehn auch im kommerziellen Sektor weltbekannte Künstler vorzuweisen.

Deutschland checkt es aus: Rap hat sich etabliert

Die Zeit kurz vor und nach der Jahrtausendwende galt lange als die goldene Ära des Deutschrap. Die Beginner liefen auf VIVA, Freundeskreis landete mit "A-N-N-A" auf Platz sechs der Charts, und mit Samy Deluxe gab es einen Rapper, dem man internationales Format nachsagte. Es folgte Aggro Berlin mit Sido und Bushido, viel Empörung und ein tiefes Loch. Die 2010-er führten die Szene wieder heraus aus diesem Loch. Gerade in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts feierten Woche für Woche aufstrebende Rapjünglinge neue Klickrekorde und Spitzenpositionen in den Charts. Keine andere Musikrichtung spielt so geschickt mit den Neuen Medien und deren Vertriebswegen. Darüber hinaus war deutscher Rap noch nie so bunt, wie er es heute ist. Der Schuljunge findet Capital Bra "lit", seine Mutter lässt sich auf dem Stepper von Marteria antreiben, und Papa rappt weiterhin die Texte der wiedergekehrten Beginner mit.

Der Preis ist kalt: Endlich ist der Echo tot

Kein rundes Ende ohne Helene Fischer, der Rekord-Echo-Empfängerin auf immer und ewig. 17 Mal durfte sie beim "wichtigsten Musikpreis Deutschlands" auf die Bühne kommen, um eine Auszeichnung entgegenzunehmen. Schließlich verkaufte sie in den vergangenen zehn Jahren so viele CDs, DVDs und Konzertkarten wie niemand sonst in diesem Land. Das reichte, um mit Echos überhäuft zu werden. Und weil man als Veranstalter nichts als nackte Zahlen im Kopf hatte, durften auch Frei.Wild, Kollegah und Farid Bang Trophäen in die Luft recken - trotz Rechtsaußenparolen respektive geschmackloser Auschwitz-Verweise. Auch wenn mit den International Music Awards bereits eine Nachfolgerveranstaltung abgehalten wurde: Die 2010-er waren für die biederen und selbstgerechten deutschen Preisverleihungsgalas (hoffentlich) der Anfang vom Ende.